|
|
|
| Die
Dimension der Wanderungsbewegungen und demographischen Verschiebungen |
1. Einleitung:
Eine der wohl gravierendsten Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges in
Deutschland, die zweifelsohne die politische und wirtschaftliche Entwicklung in
der Nachkriegszeit nachhaltig beeinflusst haben, waren die enormen
demographischen Verschiebungen durch Flüchtlinge, Evakuierte, Vertriebene und
Kriegsgefangene.
Diese Arbeit ist der Versuch einer Darstellung der wichtigsten
Bevölkerungsverschiebungen, ihrer Ursachen und ihres Ablaufs, aber vor allem
ihrer demographischen Dimension sein. Dabei soll weniger das tragische Schicksal
all jener Menschen thematisiert werden, die von den genannten Ereignissen
betroffen wurden, vielmehr interessiert hier ein Eindruck der Größenordnung
vermittelt werden, um die es bei der vorübergehenden oder endgültigen
Wanderung vieler Deutschen bei Kriegsende ging.
Schließlich soll versucht werden, einen Ausblick auf die sozialen, politischen
und wirtschaftlichen Auswirkungen der demographischen Verschiebungen zu geben.
Aufgrund der Komplexität dieses Themas können die Geschehnisse allerdings nur
grob in die Zusammenhänge der deutschen Nachkriegsgeschichte eingereiht werden.
Es bleibt zu erwähnen, dass die Literaturlage bei den größten
Wanderungsgruppen, den Flüchtlingen und Vertriebenen, weitgehend
unüberschaubare Formen angenommen hat. Die Fülle von guten wissenschaftlichen
Arbeiten, jedoch auch vieler tendenziöser Literatur, wurde jedoch von Gertrud
Krallert-Sattler in ihrer kommentierten Bibliographie vorbildlich geordnet. Sie
gibt viele hilfreiche Einstiegsinformationen in das Thema sowie Literaturhilfen
zu jedem nur denkbarem Vertiefungsgebiet.
2. Die Zwangsrücksiedlung von
Volksdeutschen ins Reich ab 1939:
Die gewaltigen demographischen Verschiebungen, die mit der Flucht und
Vertreibung von Millionen von Ostdeutschen ihren Höhepunkt erreichten, deuteten
sich schon Jahre zuvor mit Hitlers „Heim ins Reich" Politik an. Die
Entwurzelung und Zerstreuung der Deutschen in den Ländern Mittel-, Ost- und
Südosteuropas begann schon während des Krieges und stellte für viele Menschen
nur den Anfang einer Wanderung dar, die sie 1945
noch weiter nach Westen führen sollte.
Seit dem elften Jahrhundert hatte eine intensive Siedlungstätigkeit für das
Entstehen von großen deutschen Minderheiten in den Ländern Ost- und
Südosteuropas gesorgt. Nach Ende des Ersten Weltkrieges befanden sich 1,5
Millionen Deutsche in der Sowjetunion, 1,2 Millionen in Polen, 3,5 Millionen in
der Tschechoslowakei, 120.000 in Litauen, 550.000 in Ungarn, 800.000 in
Rumänien, 700.000 in Jugoslawien, 70.000 in Litauen und 30.000 in Estland. Das
politische Interesse an diesen fast 8,5 Millionen Deutschen wuchs aber erst mit
der Machtergreifung Hitlers. Die pangermanischen Theorien der
Nationalsozialisten zielten darauf ab, alle Deutschen in einem großen Reich zu
vereinen. Der Anschluss Österreichs und die Übernahme des Sudetenlandes
stellten hierbei die ersten großen politischen Aktionen dar. Nach dem raschen
Sieg über Polen im Herbst 1939
befand sich das Deutsche Reich in einer politischen und militärischen
Situation, die es ihm erlaubte, konkrete Forderungen über die Rückführung von
Deutschen auch an andere ost- und südosteuropäische Länder zu stellen. Die
Umsiedlung ganzer deutscher Volksgruppen sollte mit dem Ziel durchgeführt
werden, die östliche Grenze des deutschen Sprachraums zu festigen und zu
erweitern. Vor allem die eingegliederten Gebiete Polens sollten nach dem Willen
des „Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums",
Heinrich Himmler, eingedeutscht werden. Mit der brutalen Ausweisung von
Millionen von Polen aus diesen Gebieten wurde ausreichend Platz geschaffen, die
aus dem Osten eintreffenden Deutschen in diesen Gebieten anzusiedeln. Die in den
eingegliederten Gebieten eintreffenden deutschen Siedler erhielten dabei meist
völlig ausgestattete Höfe, von denen die polnischen Besitzer z.T. nur Stunden
zuvor vertrieben worden waren. Das Fernziel dieser Siedlungsaktion, wie sie 1941
schließlich im „Generalplan Ost" formuliert wurde, war die Errichtung
eines einheitlich deutschen Siedlungsgebietes, das im Osten von einer Linie
Krim-Leningrad begrenzt werden sollte. Die slawische Bevölkerung sollte dabei,
sofern sie nicht als Arbeitsheloten gebraucht würde, jenseits der deutschen
Wehrgrenze entlang dem Ural abgeschoben werden.
Um die „Volksdeutschen", die nur in den wenigsten Fällen die deutsche
Staatsangehörigkeit hatten, umzusiedeln, kam es zu einer Reihe von Verträgen
mit den einzelnen Ländern, in deren Machtbereich die Siedlungen der
Volksdeutschen lagen. Mit Estland und Litauen einigte man sich noch im Oktober 1939
über die Umsiedelung von insgesamt 60.000 Volksdeutschen, mit Kroatien wurde im
Oktober 1942
die Überführung von 30.000 Deutschen vereinbart und schließlich gab es seit 1939
vier Verträge, welche mit der Sowjetunion die Umsiedlung von ca. 350.000
Menschen regelten. Auf diese Weise gelang es, die erste Welle der Umsiedler in
humanitärer und friedlicher Weise zu transferieren. Diese Praxis sollte sich
erst mit dem Fortschreiten des Krieges ändern. Da mehr und mehr Gebiete, in
denen deutsche Minderheiten beheimatet waren, unter direkte deutsche Verwaltung
fielen, wurden Umsiedlungsaktionen bald nur noch als rein deutsche
Verwaltungsmaßnahmen zwangsweise durchgeführt. Von 1940
bis 1944
wurden aufgrund bilateraler Verträge oder administrativer Maßnahmen des
Deutschen Reiches 166.000 Deutsche aus Polen, 127.000 aus den Baltischen
Staaten, 370.000 aus der Sowjetunion, 212.000 aus Rumänien und 35.000 aus
Jugoslawien umgesiedelt. Diese insgesamt 910.000 Deutschen fanden in den
eingegliederten Ostgebieten, dem „Generalgouvernement" oder im Altreich
Aufnahme. Vor allem für diejenigen Menschen, die in den zwei erstgenannten
Gebieten eine neue Heimat bekamen, stand eine unsichere Zukunft und ein erneuter
Heimatverlust durch Flucht und Vertreibung bevor.
3. Die Evakuierung der Bevölkerung
aus den Städten:
Die Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus den Ballungsgebieten und Städten
stellte ein klares Eingeständnis der deutschen Führung dar, über kein
weiteres Mittel zur Minderung der Auswirkungen des schweren Luftkrieges mehr zu
verfügen. Die ersten Betroffenen dieser Geschehnisse waren Kinder im Alter bis
zu 14 Jahren, die ab September 1940
auf einen Vorschlag des „Hauptamtes für Volkswohlfahrt" aus Hamburg und
Berlin in die Mark Brandenburg, nach Oberösterreich, Sachsen, Thüringen und
den Warthegau verschickt wurden. Ab 1941
wurde die jetzt „erweiterte Kinderlandverschickung" genannte Aktion
ausgedehnt und mit Anstrich einer reinen Wohlfahrtsaktion versehen, so dass
Begriffe wie „Ausquartierung" oder „Evakuierung" vermieden werden
konnten. Der Kreis der zu evakuierenden Kinder umfasste allein in Berlin und
Hamburg etwa 935.000 Kinder. Die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt"
übernahm die Betreuung der Kinder bis zu zehn Jahren in Familienpflegestellen
oder in Heimen. Die Unterbringung der Älteren, welche der Verantwortung der
Hitlerjugend unterlagen, fand in Hotels, eigens eingerichteten Heimen oder
schlichtweg in Lagern statt. Das Leben gestaltete sich nach einem festen
Tagesplan, der sowohl Unterricht wie auch Sport und Spiele einschloss. Obwohl
der große Widerstand meist katholischer Eltern aus der Befürchtung
resultierte, der Staat werde die KVL-Lager zu intensiver politischer
Indoktrination nutzen, gingen solche Bestrebungen meist nie über das Maß
bisheriger HJ-Aktivitäten hinaus. Gegen Ende des Krieges wurde aber auch die
Situation in den KLV-Lagern aufgrund von Versorgungs- und
Unterbringungsproblemen deutlich schlechter und es erfolgten auch Einziehungen
zum RAD, Volkssturm oder in SS-Ausbildungslager. Bis zum 8. Mai 1945
wurden rund 2,5 Millionen Mädchen und Jungen in fast 9.000 KLV-Lager evakuiert.
Die ordnungsgemäße Rückführung dieser Kinder wurde jedoch durch den
Zusammenbruch des Deutschen Reiches jäh unterbrochen, so dass viele KLV-Lager
im In- und Ausland noch bis weit ins Jahr 1946
bestanden.
Mit der Verschärfung des britischen Nachtbombardements ab Frühjahr 1943
und der massenhaften Vernichtung von Wohnraum erreichte die
Evakuierungsproblematik eine neue Dimension. Oberstes Ziel wurde nun, den in der
Rüstungsindustrie Tätigen auch bei der Zerstörung ihrer Wohnungen eine
Unterkunft am Betriebsort zu sichern. Dazu schien es unausweichlich die
Großstädte von „überflüssigen" Menschen frei zu machen. Gemeint waren
damit außer Kindern vor allem Mütter und alte Menschen, die nicht in
kriegswichtigen Betrieben arbeiteten. Am 19. April 1943
gab der Reichsminister für Propaganda, Joseph Goebbels, schließlich den Erlass
über die „Umquartierung wegen Luftgefährdung und Bombenschäden" an
alle Reichsstatthalter, Regierungspräsidenten und Polizeipräsidenten heraus.
In diesem Erlass waren drei Formen der Umqartierungen vorgesehen: zunächst die
Umsetzung im Wohnort selbst, die in Sammelunterkünften oder in Privatquartieren
erfolgen sollte; dann die Unterbringung in der Nähe von Industriestädten und
schließlich die zusätzlichen Wohnraum ergebende Evakuierung „nicht
kriegswichtiger" Personen, die entweder auf der Basis von Verwandtenhilfe
oder auf Vermittlung der Partei in bestimmte Gebiete gelenkt werden sollten. Die
Aufnahmegebiete erstreckten sich dabei auf alle Reichsgebiete, aber auch auf
besetzte und befreundete Staaten, von Italien bis in die eingegliederten
polnischen Gebiete und Ostpreußen. Die Widerstände großer Teile der deutschen
Bevölkerung gegen ihre Evakuierung lösten sich jedoch erst Anfang Juni 1943
durch massierte Bombardements der RAF weitgehend auf. Bis zum 21.1.1945
wurden im Deutschen Reich insgesamt 8.944.976 Menschen evakuiert. Man muss
jedoch hierbei bedenken, dass davon 2,1 Millionen im Zuge der Kampfhandlungen an
der West- und Ostfront aus den Gefechtsgebieten evakuiert worden waren, sowie
841.105 Personen im Zuge von Betriebsverlagerungen ihren Heimatort verlassen
hatten. So hatten alleine aufgrund des Luftkrieges rund sechs Millionen
Menschen, also fast ein Fünftel der großstädtischen Gesamtbevölkerung des
Jahres 1939
ihre Heimat verlassen müssen. Jeder sechste Evakuierte stammte aus Berlin, das
den größten Exodus erfahren hatte. Die im Januar 1945
als evakuiert registrierten 1.017.337 Berliner wurden in nicht weniger als zehn
verschiedene Gaue verteilt. An dieser Verteilung zeigte sich auch, wie
willkürlich die Verteilung der Flüchtlinge meist erfolgt war.
Die Evakuierungsprogramme erhöhten jedoch im Laufe der Zeit immer stärker die
sozialen Spannungen im Dritten Reich und belasteten darüber hinaus das
Wirtschafts-, Versorgungs- und Verkehrssystem in einem bisher nicht gekannten
Ausmaß. Die Flüchtlinge mussten untergebracht und versorgt werden, fanden
jedoch in ihren Aufnahmegebieten nur selten Arbeit. Auch die psychologische Stresssituation
der teilweise von den Einheimischen angefeindeten Evakuierten kann nicht
vernachlässigt werden. Vielen dieser Flüchtlinge wurde nach Beendigung des
Krieges die Rückkehr in ihre Heimatstadt aufgrund von Zonengrenzen oder einfach
durch die Überfüllung der Städte versagt.
4. Die Flucht der deutschen
Bevölkerung vor der Roten Armee:
Die Fluchtbewegung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten leitete die
größte Bevölkerungswanderung des Zweiten Weltkrieges ein. Bis zum
Zusammenbruch der Heeresgruppe „Mitte" im Sommer 1944,
der die Rote Armee schlagartig in die Nähe der Reichsgrenzen brachte, schien
der deutsche Osten fern ab von jeglichem Kriegsgeschehen. Die Seltenheit von
Luftangriffen und die bislang große Entfernung zum Frontverlauf hatten die
dortige Bevölkerung in trügerischer Ruhe gelassen.
Als im Oktober 1944
Rotarmisten zum ersten Mal deutschen Boden betraten, hatten sie vor allem die
menschenverachtende Besatzungsherrschaft der Deutschen in der Sowjetunion in
Erinnerung. Aufgestauter Hass über Plünderungen, Vergewaltigungen und
willkürliche Erschießungen entlud sich nun an der deutschen Zivilbevölkerung.
Die barbarischen Ausschreitungen der sowjetischen Soldaten auf deutschem Boden
erreichten entsetzliche Ausmaße und nahmen der Zivilbevölkerung jede Hoffnung,
ihr Leben auf eine andere Weise als durch Flucht retten zu können. Aufgrund des
Widerstandes fanatischer NSDAP Funktionäre wurde jede Vorbereitung zur Flucht
unter Todesstrafe verboten. Es war für die Partei unvorstellbar, das Land
kampflos vor dem Feind zu räumen. Da den Gauleitern als „Reichsverteidigungskommissaren"
die oberste Weisungsbefugnis in Verteidigungsfragen zukam, häuften sich ebenso
militärische Fehlentscheidungen, welche die Rettungsmaßnahmen der Wehrmacht
zusätzlich behinderten. Infolgedessen verliefen die mit der sowjetischen
Winteroffensive 1945
einsetzenden Fluchtbewegungen meist völlig chaotisch und panikartig. Viele Orte
wurden von den Bewohnern erst verlassen, als die Rote Armee in unmittelbarer
Nähe war. Es kam dabei oft zu erschütternden Szenen, wenn Flüchtlingstrecks
in Kämpfe gerieten oder einfach von vorrückenden sowjetischen Einheiten
überrollt wurden. Sofern die winterliche Flucht gelang, verlief sie unter
erbärmlichen Umständen und unter großen Entbehrungen. Bis zum Jahresanfang 1945
flohen vier bis fünf Millionen deutsche Zivilisten aus dem Warthegau,
Ostpreußen, Danzig, Pommern, Schlesien und Ostbrandenburg nach Westen.
Am 26. Januar 1945
wurde Ostpreußen durch einen Vorstoß der Roten Armee ans Frische Haff
abgeschnitten, und der Bevölkerung blieb als einziger Ausweg die Flucht über
das zugefrorene Haff zu den noch erreichbaren Ostseehäfen. Viele Menschen
starben in der klirrenden Kälte durch die fortlaufenden sowjetischen
Tieffliegerangriffe oder wenn ihr Wagen ins Eis einbrach. Auf der Ostsee wurde
indessen eine gewaltige Rettungsaktion, an der fast 800 Militär-, Handels- und
Passagierschiffe teilnahmen, organisiert. Bis zum Mai 1945
konnten so über den Seeweg zwei bis drei Millionen Menschen evakuiert werden,
wobei nur ein Prozent von ihnen ums Leben kam. Um einen Eindruck der Ereignisse
zu geben, sei hier die Flucht einer Frau mit ihrer Mutter und zwei Söhnen aus
der pommerschen Stadt Bütow beschrieben:
Die Flucht am Morgen des 3. März 1945
geschah erst bei unmittelbarer Nähe der Front. Mangels eines Fahrzeuges konnte
nur das Nötigste mitgenommen werden. Aufgrund des mittlerweile erfolgten
Räumungsbefehles wurden schließlich jedoch offene Lastwagen bereitgestellt,
welche die Flüchtlinge dicht zusammengedrängt in eisiger Kälte nach Osten
fuhren. Erst am Abend des selben Tages erreichte die Lastwagenkolonne über die
überfüllten Straßen die 60 km entfernte Stadt Stolp. Obwohl mittlerweile
bekannt war, dass der Fluchtweg nach Westen von sowjetischen Streitkräften
abgeschnitten war, wurde den Menschen das Ziel ihrer Flucht nach Osten nicht
bekannt gegeben. In den nächsten Tagen gelangten sie teils zu Fuß, teils auf
Wehrmachtswagen dem allgemeinen Flüchtlingsstrom im nördlichen Pommern
folgend, am 10. März nach Gotenhafen. In der mit Flüchtlingen überfüllten
Stadt schien es zunächst nicht möglich, Schiffskarten für eine Überfahrt
nach Westen zu erhalten. Glücklicherweise bot sich der Leiter eines Heimes der
Kinderlandverschickung an, die zwei Frauen und Kinder zusammen mit seiner
Kindergruppe mitzunehmen. Nach tumultartigen Zuständen, die entstanden, weil
nur der kleinste Teil der Flüchtlinge Karten durch das Rote Kreuz erhalten
hatte, gelangten sie schließlich an Bord der Goya. Die Überfahrt zusammen mit
3.000 anderen Flüchtlingen auf dem überfüllten Schiff verlief glatt, so dass
sie nach wenigen Tagen in Swinemünde eintrafen. Im Juni 1945
gelangten die zwei Frauen mit den zwei Kindern schließlich nach neuen Strapazen
nach Hamburg.
5. Die Vertreibung der Deutschen aus
den Ostgebieten:
Die von dem Deutschen Reich so brutal betriebene Politik der nationalen
Flurbereinigung schlug nun um ein Vielfaches zurück. Parallel zur
Repatriierung, der von der Expansionspolitik Hitlers produzierten Flüchtlinge
und „Displaced Persons", begann die Vertreibung der Deutschen aus den
Ostgebieten und Osteuropa. Schon auf der Konferenz von Teheran 1943
hatten die Alliierten sich auf eine Westverschiebung Polens und einen Transfer
aller Deutschen grundsätzlich geeinigt. Für die Durchführung dieses
Bevölkerungstransfers verwies Churchill auf einen griechisch-türkischen
Präzedenzfall nach dem ersten Weltkrieg. Es sollten die Konflikte von
zukünftigen Minderheiten in besetzten Gebieten, sowie Revisionsforderungen
einzelner Staaten von vorneherein verhindert werden. Indessen hatte Stalin
bereits gehandelt und eine polnische Marionettenregierung am 5. Februar 1945
eingesetzt, die die deutschen Ostgebiete unter polnische Verwaltung nahm.
Da die Westalliierten sich zu diesem Zeitpunkt noch zu keiner klaren
Stellungnahme zu diesen Ereignissen bewegen ließen, verkündete die polnische
Regierung im März 1945
die formelle Eingliederung von Pommern, Ostbrandenburg, Westpreußen, Schlesien
und südliches Ostpreußen als die neuen polnischen Woiwodschaften Masuren,
Pommern, Ober- und Niederschlesien sowie Danzig. Die sowjetisch-polnische
Politik der vollendeten Tatsachen hatte sich ausgezahlt. Obwohl Stalin diese
Vorgänge mit der Aussage, es seien alle Deutschen bereits vor der Roten Armee
geflohen, verteidigte, lebten zu diesem Zeitpunkt noch ca. fünf Millionen
Deutsche in diesen Gebieten. Bis die polnische Regierung die Oderübergänge im
Juni 1945
für rückkehrende deutsche Flüchtlinge schloss, war es außerdem bereits über
einer Million Menschen gelungen, wieder in ihre Heimatorte zurückzukehren, wie
sie es schon nach dem Ersten Weltkrieg getan hatten. Ihr Aufenthalt dort sollte
jedoch nur von kurzer Dauer sein.
Die ansässige deutsche Bevölkerung in Polen und der Tschechoslowakei wurde in
den Monaten April bis August 1945
Opfer der sogenannten „wilden" Vertreibungen, die zusammen mit Raub,
Plünderungen, Vergewaltigungen und Mordtaten über die Menschen hereinbrachen.
Über 300.000 Menschen aus den Oder-Neiße-Gebieten und 800.000 im Sudetenland
wurden unter solchen Bedingungen vertrieben, bis sich die Alliierten auf der
Potsdamer Konferenz überhaupt mit der Frage des Bevölkerungstransfers auseinander setzten.
Die Empörung der Westalliierten, die sich auf der Konferenz zeigte, hatte ihren
Grund jedoch weniger darin, dass die Sowjetunion die deutschen Gebiete östlich
der Oder-Neiße faktisch aus ihrer Besatzungszone ausgegliedert und den Polen
übereignet hatte, sondern weil das in einem einseitigen polnisch-sowjetischen
Akt geschehen war. Die Lösung der Konflikte um die deutschen Ostgebiete hatte
zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur untergeordnete Bedeutung für die
Westalliierten. Die westliche Sanktionierung der polnischen Verwaltung der „früher
deutschen" Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie und der Zustimmung
Washingtons und Londons zur Massenausweisung der deutschen Bevölkerung aus
Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn wurde nur als Mittel gesehen, wiederum
sowjetische Zugeständnisse bei der Regelung der Reparationsfrage zu erhalten.
Die Westalliierten erreichten so ihr primäres Ziel, die Sowjetunion dazu zu
bringen, ihre Reparationsforderungen aus der eigenen Zone zu befriedigen. Der
Artikel XIII des Potsdamer Abkommens sollte schließlich die ordnungsgemäße
Überführung deutscher Bevölkerungsteile aus Polen, der Tschechoslowakei und
Ungarn regeln. Die Betonung dieser Formulierung lag dabei auf „ordnungsgemäß",
da man die bisherigen Bedingungen der Vertreibung etwas bessern wollte. Der Einfluss
der Westmächte auf den Ablauf der Aussiedlungen war in der Praxis jedoch sehr
begrenzt. Trotz kleinerer moralischer Skrupel, vor allem auf Seiten der USA,
schien es nicht opportun, sich zum Anwalt eines Volkes zu machen, das kurz zuvor
einen Kontinent mit Krieg überzogen hatte. Die Verständigung innerhalb der
Anti-Hitler-Koalition wurde somit nicht mit, sondern nur auf Kosten Deutschlands
erreicht. Die Vertreibungen in allen betroffenen Ländern liefen mit nur wenig
verminderter Härte weiter. Ein US-Korrespondent berichtete im Oktober 1945
über den Ablauf der Vertreibungen im Sudetenland:
„Eine andere Frau mit Narben von Peitschenhieben quer über dem Gesicht sagte,
als die Gruppe, mit der sie in Oberschlesien zur Eisenbahn marschierte, durch
Sagan kam, standen polnische Zivilisten links und rechts der Straße, und die
Flüchtlinge wurden systematisch beraubt und geschlagen, als sie vorübergingen
[...] Sie schloss ihre Aussagen mit der Vermutung, sie sei schwanger. Auf der
Reise nach Berlin war sie dreißigmal vergewaltigt worden."
Von den 16,558 Millionen deutscher Ostbevölkerung, die bei Kriegsende noch in
den Oder-Neiße-Gebieten (9,575 Millionen), der Tschechoslowakei (3,477
Millionen), den Baltischen Staaten (250.000), Danzig (380.000), Polen (1,371
Millionen), Ungarn (623.000), Jugoslawien (537.000) und Rumänien (786.000)
lebten, kamen in wenigen Monaten nach Kriegsende insgesamt 11,73 Millionen durch
Flucht und Vertreibung in den Westen. 2,111 Millionen Menschen kamen dabei ums
Leben, während 2,645 Millionen in ihrer Heimat verblieben. In den folgenden
Jahren begann aber, nicht zuletzt aufgrund der politischen Zustände in den ost-
und südosteuropäischen Staaten, ein fortlaufender Abwanderungsprozess
deutschstämmiger Menschen, der bis heute anhält.
6. Das Problem der „Displaced
Persons":
Auch nichtdeutsche Staatsbürger waren in großem Maße von
Bevölkerungsverschiebungen in Deutschland betroffen. Eine Gruppe, deren Einfluss
auf die Entwicklung in Nachkriegsdeutschland weniger prägend war, in den ersten
Nachkriegsjahren für die Alliierten und die deutsche Verwaltung aber ein
gravierendes Problem darstellte, waren die „Displaced Persons". Laut
Definition der Alliierten waren dies Personen, die als Zwangsarbeiter oder aus
rassischen, religiösen oder politischen Gründen ihr Land verlassen mussten und
jetzt in den vier Besatzungszonen festsaßen. Bei Kriegsende befanden sich ca.
acht bis zehn Millionen DPs aus Polen, der Sowjetunion, der Ukraine,
Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Frankreich in Deutschland. Die meisten von
ihnen waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen, doch es befanden sich
auch Kriegsgefangene und befreite Internierte aus den zahlreichen
Konzentrationslagern darunter. Da es den meisten dieser Menschen nicht möglich
war, mit eigenen Mitteln in ihr Heimatland zurückzukehren und ihre Versorgung
erhebliche Probleme hervorrief, begannen ab Mai 1945
ausgedehnte Repatriierungsaktionen durch die Alliierten. Bis zum September
desselben Jahres wurden so in regulären Transporten 4,622 Millionen DPs aus den
Westzonen in ihre jeweilige Heimat gebracht. Diese Bemühungen erwiesen sich
jedoch besonders im Fall der osteuropäischen Staaten als außerordentlich
schwierig, da viele Menschen wegen der dort herrschenden politischen
Verhältnisse zögerten oder es ganz ablehnten, zurückzukehren. Um einen
Eindruck der Schicksale dieser Menschen zu geben, sei das Beispiel eines
polnischen DP genannt:
„Ein polnischer Gymnasiallehrer, 1908
geboren, seit 1937
verheiratet (1 Kind), am 14. Februar 1940
bei einer sogenannten Fangaktion aus der Straßenbahn in Warschau heraus
verhaftet und nach Deutschland verbracht; dort Zwangsarbeiter beim Bau der
großen Schleuse in Wilhelmshaven; bei mangelhafter Verpflegung und
Unterbringung 12 Stunden Arbeit täglich (in wechselnden Tag- und
Nachtschichten); nach der Befreiung notdürftig in einer Bremer Kaserne
untergebracht, 1947
Verweigerung der Rückkehr nach Polen wegen der dort entstandenen politischen
Lage; Lagerleben bis 1949,
dann Ausreisebewilligung nach Kanada; seit 1950
Industriearbeiter in Toronto, erfährt erst dort vom Tode seiner Familie im
Warschauer Aufstand 1944;
Wiederaufnahme akademischer Tätigkeit an Sprachschwierigkeiten und Alter
gescheitert, 1956
Frühinvalide wegen schlecht verheilter TB"
Für die sowjetischen Kriegsgefangenen ergab sich dabei eine besondere
Zwangslage. Die ehemaligen Mitglieder der Wlassow-Armee, die an der Seite der
Deutschen gekämpft hatten, erwartete der sichere Tod in ihrer Heimat, aber auch
den Soldaten, die in deutscher Gefangenschaft verblieben waren, drohte ein nur
wenig besseres Schicksal, da Stalin 1942
per Dekret alle von den Feinden gefangenen Sowjetsoldaten zu
Vaterlandsverrätern erklärt hatte. Da ein in Jalta unterzeichnetes
Geheimabkommen die wechselseitige Repatriierung der Kriegsgefangenen vorsah,
begingen viele Sowjetsoldaten, die Deportation vor Augen, Selbstmord.
Trotz der Fortschritte der Repatriierung befanden sich im Frühjahr 1947
noch etwa eine Million Ausländer in den vier Besatzungszonen, davon allein
575.000 in der britischen und 275.000 in der amerikanischen Zone. Im März 1949
befanden sich in den drei Westzonen noch 411.654 DPs, die meist in Lagern oder
geschlossenen Siedlungen lebten. Die deutsche Bevölkerung hatte die oft
umherziehenden Ausländer aufgrund maßlos übertriebener Berichte über
Gewalttaten, meist nur als Gefahr wahrgenommen. Das Fehlen beiderseitiger
Kommunikation und ein schlechtes politisches Gewissen der Deutschen hatte ein
Übriges dazu beigetragen, dass Integrationsversuche dieser Menschen beinahe
erfolglos waren. So sollte es bis zum April 1951
dauern, bis auf Druck der Alliierten die Bundesregierung den „heimatlosen
Ausländern" ein besonderes Aufenthalts- und Niederlassungsrecht zugestand.
Der endgültige Verlauf und die Probleme ihrer Eingliederung ist bis heute
jedoch weitgehend unerforscht.
7. Deutsche Kriegsgefangene in
alliierter Gefangenschaft:
Mit der Einziehung von Millionen von deutschen Männern zur Wehrmacht begann ein
weiteres Kapitel des Bevölkerungswandels, das erst Jahre nach Kriegsende mit
der Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen abgeschlossen sein sollte. Seit
Beginn des Krieges machten die immer größer werdenden Besatzungsgebiete,
schließlich aber auch die großen Verluste an Menschen, die Einberufung immer
mehr Männer zum Kriegsdienst notwendig. Alleine bis zum Mai 1944
wurden im Gebiet des Deutschen Reiches rund 10,7 Millionen Menschen zum
Kriegsdienst einberufen. Zählt man zu dieser Zahl noch die Verbände der SS,
SA, des RAD, der OT sowie den Volkssturm dazu, so kommt man auf fast 20
Millionen Deutsche, die bis 1945
mittelbar oder unmittelbar am Kriegsgeschehen beteiligt waren. Ihr Ausscheiden
aus dem Zivilleben und aus der Wirtschaft wurde meist durch den Einsatz von
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern ausgeglichen. Ebenso übernahmen auch die
Frauen zahlreiche Funktionen, die durch das Fehlen der Männer vakant geworden
waren. Gerade die Rolle der Frauen sollte noch an Bedeutung gewinnen, als mit
dem Ende des Krieges die Unterstützung durch Zwangsarbeiter wegfiel, sich die
Männer jedoch immer noch in Kriegsgefangenschaft befanden.
Bis zum Frühsommer 1945
waren über 11 Millionen Deutsche zu Gefangenen der Alliierten geworden, ca.
7,745 Millionen auf Seiten der Westmächte und 3,349 Millionen bei den Sowjets.
Noch kurz vor der Kapitulation hatte der Nachfolger Hitlers, Großadmiral
Dönitz, versucht, durch Verhandlungen mit den Westalliierten und mittels
Teilkapitulationen von Wehrmachtteilen, das Groß der deutschen Soldaten dem
sowjetischen Zugriff zu entziehen. Die unerbittliche Härte des im Osten
geführten Krieges ließ die Bedingungen für deutsche Soldaten in sowjetischer
Kriegsgefangenschaft äußerst schlecht erscheinen. Obwohl der alliierte
Oberkommandierende, General Eisenhower, die Bemühungen Dönitz weitgehend
ablehnte, gelang es noch, von den 3,34 Millionen an der Ostfront stehenden
deutschen Soldaten ca. 1,85 in westliche Gefangenschaft zu überführen.
Unter dem Codenamen „ECLIPSE" begannen die Amerikaner schon ab Mitte Mai 1945
mit der Entlassung von Männern, die Erfahrung in Bergbau, Landwirtschaft und
Transportwesen hatten. Der hohe Arbeitskräftebedarf der übrigen Alliierten
verhinderte derartige Schritte. England, Frankreich und die Sowjetunion waren
aufgrund der hohen Zerstörungen in ihren Ländern auf zusätzliche
Arbeitskräfte dringend angewiesen. Schließlich setzen die Amerikaner ihr
Repatriierungsprogramm aus und überstellten 740.000 Mann an Frankreich, 123.000
an Großbritannien, 14.000 an Holland, 30.000 Belgien und 5.000 an Luxemburg.
Die Arbeitsbedingungen variierten dabei je nach Land. Während Deutsche in
amerikanischer Gefangenschaft ausgezeichnet untergebracht und ernährt wurden,
waren die Verhältnisse in britischer Gefangenschaft gut und in Frankreich schon
deutlich schlechter. In der Sowjetunion herrschten schließlich meist so
unerträgliche Zustände in den abgelegenen Arbeitslagern, dass viele der
Gefangenen an Erschöpfung oder Krankheiten starben. Trotz dieser Heranziehung
zum Wiederaufbau wurde bis 1946
vor allem von den Westalliierten eine große Anzahl von Deutschen entlassen.
Obwohl über die genaue Anzahl keine Zahlen vorliegen, kann sie jedoch im
Bereich einiger Millionen angesiedelt werden. Die ersten offiziellen Zahlen der
Alliierten, die deutschen Kriegsgefangenen betreffend, wurden auf der Moskauer
Konferenz im März und April 1947
bekannt gegeben. Großbritannien besaß nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt
noch 435.295, Frankreich 641.483 und die USA nur noch 14.000 Gefangene. Die von
sowjetischer Seite genannte Zahl von 890.432 Internierten schien jedoch
unglaubwürdig, da Stalin sich noch 1945
gebrüstet hatte, über drei Millionen Deutsche gefangengenommen zu haben. Auf
amerikanisches Betreiben hin einigte man sich auf der Konferenz schließlich
darauf, die deutschen Kriegsgefangenen, die sich noch in der Hand der Alliierten
befanden, bis zum 31. Dezember 1948
nach Deutschland zu entlassen. Während die Westalliierten diesem Plan
weitgehend entsprachen, zeigte sich die Sowjetunion aufgrund des beginnenden
Kalten Krieges unkooperativ und an der Einhaltung von Abkommen mit den
Westmächten nicht mehr interessiert. Während die Westalliierten 1950
gemäß dem Abkommen keinerlei Kriegsgefangene mehr besaßen, kam ein Untersuchungsausschuss
des amerikanischen Senats über die kommunistische Behandlung der
Kriegsgefangenen zu dem Schluss, dass in diesem Jahr die Sowjetunion noch ca.
1,952 Millionen Deutsche interniert oder ihr Schicksal nicht anderweitig
aufgeklärt hatte. Die letzte größere Entlassung von Kriegsgefangenen erfolgte
erst im September 1955.
Das Schicksal von fast einer Million deutscher Soldaten, von denen man die
meisten in sowjetischer Gefangenschaft glaubte ist heute noch weitgehend
ungeklärt.
Der überwiegende Teil der deutschen Soldaten kehrte zwischen 1945
und 1949
ins Zivilleben zurück. Meist aus europäischen, aber auch aus überseeischen
Lagern entlassen, fanden sie sich bald im Konkurrenzkampf mit Flüchtlingen,
Vertriebenen, Evakuierten und „Displaced Persons" wieder, die alle
versuchten, ihren Lebensunterhalt so gut wie möglich zu sichern. Der
frustrierende Kampf um Nahrung, Wohnung und Arbeit führt oft zu einer
zusätzlichen starken Belastung der Veteranen und zu Konflikten mit Familie und
Freunden. Gefangene aus sowjetischer Gefangenschaft kehrten zu fast 90 Prozent
arbeitsunfähig zurück und bedurften intensiver Betreuung. Die deutschen
Behörden und viele Hilfsorganisationen sowie das Rote Kreuz, der CVJM und die
Caritas nahmen sich ihrer an so gut es ihre ebenfalls sehr beschränkten
Möglichkeiten zuließen, jedoch stellten die Veteranen zumindestens in der Zeit
unmittelbar nach ihrer Rückkehr eine deutliche Belastung dar.
8. Soziale und politische
Auswirkungen der demographischen Verschiebungen:
Die riesenhafte Fluchtbewegung der ostdeutschen Bevölkerung vor der Roten
Armee, die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, die Evakuierungen aus
den Städten und die Gefangenschaft des größten Teiles der männlichen
Bevölkerung lösten einen tiefgreifenden demographischen Wandel in Deutschland
aus. In den ersten Jahren der Nachkriegszeit bewirkten die ungeheuren
Menschenmassen, die vorübergehend oder endgültig heimatlos waren, eine
ungeheure Verschärfung der ökonomischen, sozialen und politischen Probleme.
Die hohe Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen glich die hohen Kriegsverluste
aber mehr als aus. Die Gesamtbevölkerung in den vier Besatzungszonen
einschließlich Berlins war bis 1946
von 59,794 Millionen (1939)
auf 65,93 Millionen gestiegen. Auch wenn die kriegsbedingten
Bevölkerungsverluste nominal ausgeglichen waren, so hatte sich jedoch eine
starke Verzerrung der Alterspyramide und ein hoher Frauenüberschuss ergeben.
Die männliche Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter war entweder im Krieg
gefallen oder kehrte erst allmählich aus der Kriegsgefangenschaft zurück. 1946
kamen in allen vier Zonen einschließlich Berlins auf 29,316 Millionen Männer
36,595 Millionen Frauen. Der Anteil der leistungsfähigsten Altersgruppen
zwischen 25 und 40 Jahren sank im amerikanisch-britischen Besatzungsgebiet von
26,7 Prozent (1939)
auf 20,5 Prozent (1946).
Betrachtet man dabei nur die männliche Bevölkerung, so kommt man sogar auf ein
Absinken von 27,3 auf 17,6 Prozent.
Im Hinblick auf den Wiederaufbau bedeuteten die vielen Zuwanderer ein starkes
Hemmnis bei der Ernährungs- und Wohnungssituation, auf die sich die Alliierten,
die deutschen Behörden und schließlich auch die junge Bundesrepublik
ausrichten mussten. Leider war die regionale Verteilung der Heimatlosen durch
die Alliierten nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt, so dass
meist dort Arbeitskräfte konzentriert waren, wo es keine Arbeitsplätze gab,
sie andererseits aber in Regionen fehlten, in denen man sie dringend brauchte.
Es kann aber keinesfalls übersehen werden, dass diese Menschen für den
industriellen Wiederaufbau Deutschlands als sofort verfügbares Arbeitskräftepotential
ein bedeutsamer Faktor waren.
Durch die Tatsache, dass Millionen von Menschen aufgrund von
Luftkriegsevakuierung oder Vertreibung aus dem Osten sich eine neue Heimat
irgendwo in Deutschland suchen mussten, erfolgte eine starke Durchmischung der
Bevölkerung, die eine Fülle von sozialen und politischen Folgen hatte. Die
Aufnahme von Flüchtlingen, die im Extremfall schließlich über 50 Prozent der
Bevölkerung eines Ortes stellen konnten, hatte bei vielen Anwohnern gravierende
Auswirkungen. Vielerorts sahen sich vertriebene Ostpreußen, Pommern oder
Schlesier in bayrische, niedersächsische oder holsteinische Ortschaften
versetzt, die seit dem Dreißigjährigen Krieg keine gravierenden Veränderungen
in Konfession und Sozialstruktur erfahren hatten. Die Eingliederungsbemühungen
in der Nachkriegszeit, die somit immer von zwei Seiten, die der Einzugliedernden
und die der Eingliedernden, gesehen werden müssen, hatte jedoch überwiegend
positive Auswirkungen. Tradierte Verhaltensweisen und Mentalitäten wurden
aufgelockert, die soziale Mobilität erhöht. Man kann ebenso davon ausgehen, dass
die neuen regionalen und konfessionellen Strukturen zum Aufbrechen alter
festgefügter Traditionen z.B. im Bereich der politischen Parteien mit
bestimmten regionalen und konfessionellen Zentren führten und damit
letztendlich auch eine größere Flexibilität des parlamentarischen Systems
bewirkten.
Nicht in allen Bereichen bewirkten diese ungeheuren sozialen Erschütterungen
jedoch solch positive Auswirkungen. In einigen Fällen führten die gravierenden
Umstellungen der Lebensgewohnheiten bei den Einzugliedernden oder den
Einheimischen zu einer Abgrenzung und Rückbesinnung auf alte vertraute Werte.
So sind Tendenzen zur Restabilisierung überkommener Wertvorstellungen und
Verhaltensmuster vor allem im Bereich der Familie und in der Einstellung zu
Öffentlichkeit und Politik erkennbar. Vor allem Ostvertriebene lebten noch bis
in die 50'er Jahre oft in festgefügten landsmannschaftlichen Gruppen, in denen
man die eigenkulturellen Werte betonte und nach Möglichkeit die eigene
Lebensweise bewahrte. Es waren auch meist diese Gruppen, die noch nach
Jahrzehnten die Zugehörigkeit ihrer ehemaligen Heimat zu Deutschland
propagierten.
9. Schlussbetrachtung:
Wie in keinem anderem Industriestaat der Welt wurden in diesem Jahrhundert
Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands durch demographische
Verschiebungen größten Ausmaßes geprägt. Die Auswirkungen dieser Ereignisse,
die ihre Ursachen im Zweiten Weltkrieg haben, lassen sich aber nur verstehen,
wenn man sich die Dimension der Bevölkerungswanderungen vor Augen führt. Die
demographischen Verschiebungen während und am Ende des Krieges setzten sich aus
einer Vielzahl von Einzelströmen und Faktoren zusammen, die sich teilweise
wechselseitig beeinflussten. So wurden die während des Krieges aus dem Ausland
heimgeführten fast eine Million Volksdeutschen fast ausschließlich in Gebieten
angesiedelt, wo sie gegen Ende des Krieges zusammen mit etwa 12 Millionen
anderen Deutschen schließlich Opfer von Flucht und Vertreibung aus den
Ostgebieten und Osteuropa wurden. Ebenfalls gerieten viele der sechs Millionen
Luftkriegsevakuierten und der 2,5 Millionen verschickten Kinder in den Strudel
dieser Ereignisse, sofern sie sich in den vermeintlich sicheren Ostgebieten
aufgehalten hatten. Doch auch wenn sie sich in den übrigen Gebieten des
geschlagenen Reiches befanden, blieb ihr Schicksal oft ungewiss. 11 Millionen
Deutsche, die als Kriegsgefangene in alliierter Gefangenschaft waren und erst
langsam nach Kriegsende zurückkehrten sowie etwa 10 Millionen „Displaced
Persons", die heimatlos durch Deutschland streiften, vergrößerten das
Chaos. Zwei von fünf Deutschen befanden sich bei Kriegsende nicht in ihrem
Heimatort oder waren irgendwo unterwegs in den Ruinen des zerstörten
Deutschland.
Und doch wurden die anfangs riesigen Versorgungs- Unterbringungs- und
Eingliederungsprobleme gemeistert. Obwohl diese gewaltsame Heterogenisierung der
Bevölkerung den Wiederaufbau in den ersten Jahren nach dem Krieg behinderte, so
hat sie sich doch, nach Abwägung aller positiven und negativen Auswirkungen,
als förderlich für den wirtschaftlichen, sozialen und vor allem demokratischen
Aufbau der Bundesrepublik Deutschland erwiesen.
|