|
|
|
| soziale Frage im 19. Jahrhundert |
Gliederung:
-
Was ist die Soziale Frage?
-
Woraus resultiert die Soziale Frage?
-
Die Situation der Arbeiter im 19. Jahrhundert
-
Der sozialistische Lösungsansatz
-
Die Anfänge der Arbeiterbewegung
-
Die kirchliche Sicht der sozialen Frage
-
Staatliche Maßnahmen
-
Maßnahmen der Unternehmer
-
Vergleich der Postionen von Liberalen und/oder Sozialisten und
Konservativen
-
Anschauungsmaterial
-
Literaturnachweise
1. Was ist die Soziale Frage?
Als soziale Frage wird die Summe der ökonomischen Probleme,
die aus der industriellen Revolution resultieren und damit das bürgerliche
Leben im 19.Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, prägen,
bezeichnet.
Jedoch wurden die sozialen Probleme von jeder
Bevölkerungsgruppe anders bewertet. So meinten Teile des Besitzbürgertums,
dass das Problem seine Ursprünge in der fehlenden Moral, Trunksucht und
Faulheit der Arbeiter habe. Die Soziale Frage selbst war für sie die Frage
danach, ob sich die Arbeiterschaft als in ihr Weltbild integrierbar erweisen
würde.
Demgegenüber meinten Teile des Bildungsbürgertums mit
sozialistischer politischer Orientierung, das Problem liege in der
Klassenunterschieden zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse.
Im Gegensatz dazu schienen die Arbeiter vor allem an der
Beseitigung der Symptome interessiert zu sein ohne dabei nach deren Ursachen zu
fragen.
Diese unterschiedlichen Anschauungen machten eine
einheitliche Lösung, die alle Beteiligten zufrieden stellen würde, nicht
möglich. i
2. Woraus resultiert die soziale Frage?
Wie bereits im Kapitel „Was ist die soziale Frage?" erwähnt, stellt
sich letztgenannte als Summe einer Anzahl von Problemen dar, die durch den
Industrialisierungsprozess hervorgerufen wurden. Die Industrialisierung selbst
ist als der Wandel der feudalen Agrargesellschaft zur kapitalistischen
Industriegesellschaft zu sehen, durch den es nicht zuletzt zu eklatanten
Veränderungen in den Familien- und in dem Zusammenhang auch in den
Arbeitsverhältnissen kam.
Durch den Wegfall der Feudalherrlichkeit und der damit
verbundenen Ehehemmnisse, konnte jeder, der Heiratsgelüste verspürte, diesen
nachgehen, ohne dabei seine finanzielle Situation berücksichtigen zu müssen.
Die Folge war eine gewaltige Bevölkerungsexplosion, die
nicht nur ihre Ursache in der Industrialisierung hatte, sondern auch deren
Fortschreiten enorm vorantrieb.
Die ländlichen Gegenden boten der wachsenden Bevölkerung
nicht mehr genug Verdienstmöglichkeiten und es kam zu einer Landflucht. Die
Menschen strömten in die Städte, um hier Arbeit zu finden und ihre Familien
ernähren zu können.
Tauschhandel war in den Städten nicht möglich, also musste
Geld verdient werden, auch musste man eine Unterkunft bezahlen, da nun die
Arbeitstätte nicht mehr gleich Wohnstätte war, wie es größtenteils in der
Agrargesellschaft der Fall gewesen war.
Da die Bevölkerungsexplosion jedoch sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit
in die Städte auswandern ließ, kam es zu einem deutlichen Überangebot an
Arbeitskräften, so dass die Arbeiter in ihrer Not auch schlecht bezahlte
Arbeitsplätze unter schlechten Arbeitsbedingungen annahmen und somit gemeinsam
mit dem gnadenlosen Konkurrenzkampf der Fabriken untereinander zu einer so
rapiden Absenkung des Lohnniveaus beitrugen, dass die alleinige Arbeitsleistung
des Familienvaters oft nicht ausreichte, um die Familie zu versorgen.
Der Grundstein zu einer Ära der Kinder- und Frauenarbeit war
gelegt. Frauen und Kinder waren billigere Arbeitskräfte, denen trotz
quantitativ und qualitativ gleichwertiger Arbeit häufig nur die Hälfte des
Lohnes, den ein Mann dafür erhalten hätte, gezahlt werden musste.
Dies machten sich vor allem die besonders stark
konkurrenzgeplagten Betriebe der Textilindustrie zunutze, die schon bald
größtenteils schlecht bezahlte Frauen und Kinder beschäftigten. Der
Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt stieg dadurch noch mehr, was zu noch
stärkerem Absinken des Lohnniveaus führte.
Das Phänomen der Arbeitslosigkeit griff um sich und mit ihm
wurde das ganze damit in Verbindung stehende soziale Elend zum Alltag der
Arbeiterfamilie.
Während die berufstätigen Frauen einer Doppelbelastung
ausgesetzt waren, da sie noch immer die Verantwortung für Haushalt und Kinder
hatten, ergaben sich viele der arbeitslosen Männer dem Alkoholismus.
Totale Verarmung, Krankheiten, die ihren Ursprung in Mangel- und
Fehlernährung oder den katastrophalen hygienischen Verhältnissen hatten,
Wohnungsnot, Familien- strukturen, die sich langsam auflösten, psychische
Probleme und häufig völlig fehlende Schulbildung waren die Folgen, die, mit
dem stark verharmlosenden Begriff der „sozialen Frage" umschrieben, das
frühe 19. Jahrhundert prägten. k
3.Die Situation der Arbeiter im 19. Jahrhundert:
Obwohl die meisten Unternehmer Kalvinisten waren, also aus
dem protestantischem Christentum stammten, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und
Wohltätigkeit zu ihren Wertvorstellung zählten und sie sicher weder Unmenschen
noch Sklaventreiber sein wollten, zwang der unerbittliche Konkurrenzkampf der
freien Wirtschaft sie doch dazu, das Lohnniveau extrem niedrig zu halten, da die
Höhe der Löhne direkt die Höhe des Gewinnes und damit den Erfolg und Bestand
des Betriebes bestimmte.
Damit brachten sie ohne dies zu wollen viele Menschen aus der
Arbeiterschaft in große soziale Not.
Die Arbeiter, die in der glücklichen Situation waren, einen
Arbeitsplatz zu haben, verbrachten oft bis zu 14 Stunden am Tag in der Fabrik,
bekamen wenn überhaupt maximal eine Woche Urlaub im Jahr und das oft auch nur,
wenn sie bereits 10 Jahre von der Volljährigkeit an in dem Betrieb gearbeitet
hatten, ohne Ausfälle aufzuweisen. Aber auch dann konnten sie den Zeitpunkt
des Urlaubes nicht selbst bestimmen.
Während der Arbeitszeit bestimmte der Takt der Maschinen den Arbeitsrythmus der Arbeiter in der Fabrik. Ein Verlangsamen des Arbeitstempos
oder gar eine individuelle Pause, um vielleicht eine Toilette aufzusuchen oder
ähnliches, war nicht möglich. Zudem mussten sich die Arbeiter dem strengen
Fabrikreglement unterwerfen, dass sowohl den Arbeitsablauf, als auch das
Verhalten auf dem Gelände der Fabrik regelte, von den Arbeitern ein Höchstmaß
an Disziplin einforderte und all das mittels harter Strafen durchsetzte.
Auszüge aus einer Fabrikordnung:
1
-
Die Arbeitszeit der Arbeiter, welches auch ihre
Arbeiten sein mögen, wird vom Fabrikherrn nach den Umständen und der
Jahreszeit bestimmt.
-
Jeder Arbeiter ist verpflichtet, länger als
gewöhnlich und auch sonntags zu arbeiten, wenn es die Umstände
verlangen.
-
Der Tagelohn gilt für 12 Arbeitsstunden.
-
Alle Arbeiter müssen auf den Glockenschlag auf
ihre Arbeit gehen; sie verfallen durch Zuspätkommen in eine
Geldstrafe von 6pf.-10Sgr. je nach ihrem Lohn und den Ursachen. (...)
-
Geistige Getränke dürfen nicht in die Fabrik
gebracht werden. Jeder, der damit angetroffen wird, verfällt in
eine Geldstrafe von 10 Sgr. – Thlr., und dieselben werden ihnen
abgenommen.
-
Jeder Betrunkene verfällt in eine Geldstrafe von
10 Sgr. bis1 Thlr. Und wird für zwei Tage weggeschickt. (...)
-
Wer aus der Fabrikarbeit austreten will, muß zwei
Monate vorher am Zahltag direkt auf dem Comptoir
Anzeige davon machen : doch werden an einem Zahltag nicht
mehr als drei Kündigungen angenommen. Ebenfalls wird vom
Fabrikherrn mit zwei Monaten aufgekündigt.(...)
-
Arbeiter, die gegen ihre Vorgesetzten
widersetzlich oder ungehorsam sind, können ohne Aufkündigung
entlassen werden.(...)
-
Die Arbeiter müssen sich der Untersuchung
vom Körper unterwerfen, wenn es der Fabrikherr als gut
erachtet, dieselben vornehmen zu lassen.(...)
p
Für die an Heimarbeit in der Großfamilie auf dem Lande oder
Zünfte gewohnten Arbeiter war der Dienst in den großen Fabriken eine enorme
Umstellung. Wenn auch die Fabriken der frühen Industrialisierung selten mehr
als 300 Beschäftigte zählten, so war die Atmosphäre doch durch eine den
Arbeitern unbekannte Anonymität geprägt. So war häufig sogar die unnötige
Unterhaltung untereinander , genau wie alles andere von der Arbeit ablenkende,
bei Strafe verboten. l
Auch der unabänderlich gleiche Rhythmus der Maschinen war
neu und unterschied sich deutlich von der bis dahin gekannten patriarchalischen
Diktatur des Familienoberhauptes der Hausgemeinschaft in der Zeit der
Agrargesellschaft.
Die sonstigen Arbeitsumstände waren für heutige
Vorstellungen unhaltbar. Die Räume vieler Arbeitsstätten waren viel zu dunkel
und schlecht beheizt. Die Luft war voll mit Abgasen und Staub. Es war zugig und
schmutzig . Die Arbeiter und Arbeiterinnen mussten oftmals die vielen Stunden
ihrer Dienstzeit in ein und derselben Körperhaltung verbringen, also entweder
an Maschinen stehend oder zum Beispiel an einem Webstuhl in gebückter Haltung
sitzend. n
Diese Zustände führten nicht selten zu berufsspezifischen
Krankheiten und einem schnellen Verschleiß der Arbeiter und Arbeiterinnen. So
kam es zu chronischen Entzündungen von Augen, Nase, Rachen und Kehlkopf bei
einem Großteil der Beschäftigten in der Ravensberger Spinnerei. Im gleichen
Betrieb traten aber auch auffällig häufig Muskelschwächen und Geschwüre an
den Beinen auf. q
Dies betraf besonders die in den Fabriken beschäftigten
Kinder, deren oft schwächliche, unterernährte Körper nicht für eine schwere
körperliche Arbeit ausgestattet waren und somit sehr unter den Anstrengungen
des Arbeitsalltags litten, der auch für die Jüngsten, die nicht selten erst
sechs Jahre alt waren, nicht weniger und häufig sogar mehr als 11 Stunden
Arbeit bedeutete. Die Kinder wurden damit nicht nur einer unbeschwerten Kindheit
beraubt und in den physischen Ruin getrieben, sondern ihnen wurde auch jede
Chance auf eine Schulbildung genommen. Nur wenige Fabrikbesitzer ließen
Fabrikschulen einrichten und dies häufig auch nur deshalb, weil sie sonst mit
dem Gesetz in Konflikt gekommen wären. Die Schulzeit addierte sich jedoch noch
zur Arbeitszeit dazu und war den übermüdeten Kindern wohl eher eine Last, als
ein Sprungbrett in eine bessere Zukunft. k
Doch war ihr Arbeitseinsatz notwendig, um die Existenz der
Familie zu sichern. Der Lebensstil der damaligen Arbeiterschaft ist sehr
einfach. Das meiste Geld wird in Lebensmittel investiert. Diese Lebensmittel
sind vor allem Schwarzbrot, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Der Konsum von
Fleisch, Zucker, Weißmehlprodukten und Obst steigt erst in der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts wieder an. Genussmittel werden nur selten und wenig konsumiert.
Eine Ausnahme stellt der von den zahlreichen Alkoholikern dieser Zeit sehr
geschätzte (weil billige) Branntwein dar. r
Erst die spätere Phase der Industrialisierung, die ja dann
auch zu einer allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards aller
Bevölkerungsschichten führt, bringt auch eine Aufstockung des
Nahrungsmittelsortimentes mit sich. k
Der zweitgrößte Teil des Einkommens wird in die Miete
investiert, die aufgrund des Wohnungsmangels oft enorm hoch ist. Die durch die
Bevölkerungsexplosion in die Städte strömenden Menschenmassen, sprengen
anfänglich den Rahmen der Unterbringungsmöglichkeiten. Wohnungen bestehen
häufig nur aus einem Zimmer, das zugleich Wohn-, Schlaf- und manchmal auch noch
Arbeitsraum ist. Nicht selten teilen sich mehrere Personen ein Bett und viele
Familien sind auf die Einnahmen durch die Unterbringung von Schlafleuten
angewiesen. Schlafleute sind ledige Arbeiter, die sich keine eigene Wohnung
leisten können und sich deshalb gegen Geld zum Schlafen bei einer Familie einmieten und sich meist auch nur zu diesem
Zweck und zu einer bestimmten Uhrzeit in den Räumlichkeiten aufhalten dürfen.
Es kam nicht selten vor, dass eine Familie über 30 Schlafleute beherbergte.
Da auch die Heizkosten für viele Arbeiterfamilien zu hoch
waren, war die Küche mitunter der einzig richtig beheizte Raum, der Wohnraum
hingegen blieb kühl. Sanitäranlagen waren entweder auf dem Treppenabsatz
zwischen den Etagen oder gar nicht im Haus zu finden. Ein Bad in der Wohnung war
nur ganz selten zu finden.
Die Wohnungen selbst waren nur spärlich eingerichtet und
befanden sich zumeist in mehrstöckigen Mietskasernen. Dies und die mangelnde
Hygiene erschwerten die Abwehr und die Bekämpfung von Seuchen und Krankheiten. k
Dies war besonders schlimm, da das Gesundheitswesen nicht
genug ausgeprägt war und ein normaler Arbeitnehmer und Lohnempfänger sich auch
keinen Arzt hätte leisten können. Es war kaum möglich die ausgefallenen
Verdienste im Krankheitsfall auszugleichen. Längere Krankheiten waren damit
automatisch mit einem sozialen Abstieg und völliger Verarmung verbunden. Auch
gab es erst sehr spät Kranken- und Unfallversicherungen, die jedoch kaum das
Existenzminimum sicherten, geschweige denn eine Familie versorgten.
Hilfe von den verschiedenen karitativen Einrichtungen, oder auch von den
kirchlichen Hilfsorganisationen anzunehmen, war immer mit einer
gesellschaftlichen Schmach verbunden und wurde deshalb weitestgehend vermieden.
Wer dennoch von diesen Gebrauch machen musste, hatte mit einem Entzug des
Wahlrechts und ähnlichen Schikanen zu rechnen. Er war kein mündiger Bürger
mehr.
Wer noch größeres Pech hatte, wurde in eines der Arbeitshäuser verbannt,
um damit vor dem Herumlungern und der daraus folgenden Unmoral zu schützen. m
4. Der sozialistische Lösungsansatz:
Das geringe Verständnis, das die Regierung für die
materiellen Nöte der Arbeiter aufbrachte, hat viel zur Entstehung
sozialistischer Bewegungen beigetragen. Aus der Arbeiterbewegung gingen
verschiedene politisch und an der Verbesserung der Lage der Arbeiter
interessiert Persönlichkeiten hervor. Sie wurden als Sozialisten bezeichnet und
später auch als solche verfolgt. Siehe
Sozialistengesetze unter 5.
Sie sahen und sehen den Ursprung allen Übels in den
Klassenunterschieden. Dies wird besonders anschaulich in einem Ausschnitt aus
einer der wohl bekanntesten sozialistischen Schriften, dem von Karl Marx und
Friedrich Engels verfassten „Kommunistischen Manifest" (1848)
h , verdeutlicht :
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die
Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron
und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückter
standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald
versteckten, bald offenen Kampf, der jedes mal mit einer revolutionären
Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang
der kämpfenden Klassen.
Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft
hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze
nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung,
neue Gestaltung des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt."
Jedoch wird nicht nur die Ursache der Missstände in diesem
Werk analysiert, es wird auch ein Lösungsansatz geliefert, der allerdings
weniger als Möglichkeit zur Verbesserung der derzeitigen Situation der
Arbeiter, als vielmehr als naturwendige Folge der Ungerechtigkeiten im
kapitalistischen System formuliert wird :
Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich
notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse
macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse
aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen
des Klassengegensatzes, der Klassen überhaupt, und damit seine eigene
Herrschaft als Klasse auf."
In seinem Hauptwerk „Das Kapital", dessen erster Band
1867 herausgegeben wurde, stellt Marx in verschiedenen Theorien die Entwicklung
vom Kapitalismus zum Kommunismus, der eine radikalisiertere Form des Sozialismus
ist, dar :
In der kapitalistischen Wirtschaft wird menschliche
Arbeitskraft als eine Ware betrachtet, deren Preis, wie auch bei jeder anderen
Ware, sich nach den Herstellungskosten richtet. Der Preis menschlicher Arbeit
entspricht also dem Wert jener Dinge, die der Arbeiter unbedingt braucht, um
seine Arbeitskraft zu erhalten (Existenzminimum). Der Wert der geleisteten
Arbeit übersteigt aber den Lohn, den er vom Unternehmer erhält
(Mehrwerttheorie).
Diesen Mehrwert behält der Unternehmer als Gewinn für sich. Er vermehrt
damit sein Kapital, das in den Betrieb investiert wird, um neue verbesserte
Maschinen anzuschaffen und um die Güterproduktion auszuweiten. Durch den
akkumulierten Mehrwert werden die Kapitalisten immer reicher
(Akkumulationstheorie).
Die Anhäufung des Kapitals konzentriert sich immer mehr in
den Großbetrieben, während die kleineren Betriebe zurückbleiben und ihre
Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Auch die Kapitalisten schalten sich durch die
erbarmungslose Konkurrenz gegenseitig aus, um den Profit zu vergrößern. Am
Ende befinden sich alle Produktionsmittel in den Händen Weniger
(Konzentrationstheorie).
Die Vervollkommnung der maschinellen Produktion erspart
Arbeitskräfte. Viele Arbeiter werden arbeitslos und um nicht zu verhungern,
müssen die Proletarier für weniger Lohn arbeiten, was zu einer Massenverarmung
führt (Verelendungstheorie).
Während durch den technischen Fortschritt die Produktion
immer weiter steigt, sinkt die Kaufkraft der verelendeten Massen. Die allgemeine
Überproduktion führt periodisch zu Krisen, die schließlich ein solches
Ausmaß annehmen, dass die Möglichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise
erschöpft sind (Krisentheorie).
Nun können die zum Klassenbewusstsein erwachten Proletarier
die Macht übernehmen: Die Expropriateure werden exproriiert.
(Zusammenbruchstheorie).
In einer Übergangsphase herrscht die revolutionäre Diktatur
des Proletariats. Sie beseitigt alle Klassenunterschiede während eine aus einer
allgemeinen und geheimen Wahl hervorgegangene Körperschaft gleichzeitig die
gesetzgebende und die ausführende Gewalt ausübt. Ist die klassenlose
Gesellschaft errichtet, wird der Staat überflüssig, denn nach der Auffassung
von Marx haben in der Geschichte jeweils nur die Besitzenden die Macht im Staat
ausgeübt und diese dazu benutzt, die Besitzlosen auszubeuten und zu
unterdrücken.
„An die Stelle der Regierung über Personen tritt die
Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird
nicht abgeschafft, er stirbt ab."
Doch nicht nur die wirtschaftliche Umgestaltung des Staates
stand im Mittelpunkt der sozialistischen Bestrebungen. Der ganze Mensch in
seinem Denken und Handeln sollte verändert werden. So sollte jeder nach den
Leitmotiven der Gleichheit, der Freiheit, der Solidarität
und für den Fortschritt handeln.
Die Gleichheit zielte darauf ab, dass jeder Mensch einen Sinn
darin sehen konnte, für die Gemeinschaft zu handeln. Dabei sollte das Motto
gelten, dass je mehr ich für die Gemeinschaft tue, desto mehr kann auch die
Gemeinschaft für mich tun.
Die Freiheit war nicht die, die der Liberalismus meinte, da
die Sozialisten der Meinung waren, dass diese Freiheit nur ein Privileg der
Begüterten und für alle anderen nur ein theoretisches und damit nicht
nutzbares Recht ist. Diese Freiheit sollte unabhängig von ökonomischen
Zwängen machen, was natürlich nur über eine Vielzahl an Institutionen mit
Regelungen, Ge- und Verboten, Hilfen und Unterstützungen möglich werden
konnte.
Die Solidarität sollte in Form von bedingungsloser
gegenseitiger Unterstützung und gemeinsames Kämpfen für die Verbesserung der
sozialen Verhältnisse helfen, das Elend, in dem sich die Arbeiter befanden, zu
beenden.
Der Fortschritt sollte die Überwindung der alten untragbaren
Zustände sein. Bildung, die jedem offen stand, sollte den Schlüssel dafür
liefern, die Gründe für den Zustand besser analysieren und verstehen zu
können. Wissenschaftlicher Fortschritt sollte dann einen wichtigen Beitrag zur
Abschaffung der Missstände leisten.
Wichtig zu unterscheiden sind die beiden sozialistischen
Strömungen, die sich vor allem zur Zeit der Industrialisierung
gegenüberstanden. Da waren zum einen die Vertreter des wissenschaftlichen
Sozialismus, zu denen auch Friedrich Engels (1820-1895), Karl Marx (1818-1883),
August Bebel (1840-1913) und Wilhelm Liebknecht
(1826-1900) gehörten und die einen sehr radikalen Übergang
vom kapitalistischen zum sozialistischen System für notwendig erachteten. Sie
waren der Meinung, dass nur eine Revolution die nötigen Grundvoraussetzungen
schaffen könnte, um den Sozialismus als Staatsform entstehen zu lassen.
Sozialreformerische Bemühungen im derzeit vorhandenen Staat hätten zwar die
Lage der Arbeiter zu diesem Zeitpunkt verbessern können, gleichzeitig aber auch
die Revolution verzögern können und wurde deshalb abgelehnt.
Die dem entgegengesetzte Strömung war die der demokratischen
Sozialisten. Auch sie wollten Staat und Mensch neu kreieren. Doch hielten sie
nichts von der Idee des revolutionären Umsturzes. Es schien viel wichtiger,
sich im bereits vorhandenen System einzubringen und durch aktive Hilfe die
Arbeiter zu Verbündeten zu machen. Nach der Einführung eines allgemeinen
Wahlrechts würden die Sozialisten dann automatisch die absolute Mehrheit
erlangen, da nun einmal der absolute Großteil der wahlberechtigten Bevölkerung
aus Proletariern bestand, und würden daraufhin den Staat nach ihren
Vorstellungen gestalten können. Ein wichtiger Vertreter dieser Gruppierung, die
vor allem für die eher pragmatischen Ziele wie allgemeines Wahlrecht,
Gleichberechtigung der Frau, aktive Sozialpolitik, gerechtere Steuerpolitik und
bessere Bildungsanstalten kämpfte, war Ferdinand Lasalle (1825-1864). j
5. Die Anfänge der Arbeiterbewegung:
Verbindungen zur Verbesserung Gruppierungen zur Einflussnahme der konkreten Lebensbedingungen auf Regierung und Gesetzgebung.
Gewerkschaften Parteien:
-
1837 Der Bund der Gerechten
® 1847
Kommunistenbund
-
1846 Katholischer Gesellenverein
-
1848 Allgemeine Deutschen Arbeiterverbrüderung
-
1863 Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein
(ADAV)
-
1864 Internationale Deutsche Arbeiterassoziation in London
-
1869 Sozialdemokratische Arbeiterpartei
-
1869 Hirsch-Dunker Gewerkverein
-
1875 Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAD)
-
- 1878 – 1890 Sozialistengesetze
-
-
1891 Neugründung SAD als SPD
Der Bund der Gerechten wurde in Paris von wandernden Handwerksgesellen
gegründet und als ein Geheimbund vom Ausland aus geleitet. 1847wurde er
umbenannt in den „Bund der Kommunisten".
Der Katholische Gesellenverein wurde von Adolf Kolping gegründet, sorgte
sich um moralische und wirtschaftliche Fürsorge für die Arbeiter und wandte
sich gegen den Klassenkampf.
Die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung entstand auf einem Kongress
in Bern unter der Führung des Schriftsetzers Stephan Born. Ihm gehörten neben
Handwerksgesellen und Heimarbeitern vor allem auch Fabrikarbeiter an.
Den ADAV gründete1863 von Ferdinand Lassalle. Hauptsächliche
Forderungen waren das allgemeine, gleiche Wahlrecht und die Gründung von
Produktivgenossenschaften zur Einschränkung bzw. Aufhebung des freien
Wettbewerbs des Kapitalismus. So sollte mit Gründungskapital vom Staat auf
friedliche Weise eine sozialistische Gesellschaft entstehen.
Die sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde von August Bebel, der auch
40 Jahre lang im Reichstag vertreten war, und Wilhelm Liebknecht in Eisenach
gegründet und stand unter starkem Einfluss der Ideen von Marx und Engels.
Die Hirsch-Dunkerschen Gewerkvereine entstanden zur gegenseitigen Hilfe
unter den Arbeitern und vertraten eine liberale Gesinnung.
Die SAD war ein Zusammenschluss des ADAVs und der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei, dessen Programm bei der Gründung in Gotha aus einem Kompromiss
der Ideen der beiden Parteien bestand.
Die Sozialistengesetze:
Nach zwei Attentaten auf den Kaiser, beschloss der Reichstag 1878 diese
Gesetze, die zweimal verlängert wurden, danach jedoch keine Mehrheit mehr
fanden. Sie beinhalteten ein Verbot der SAD und überhaupt aller sozialistischen
Organisationen, die Untersagung bestimmte Bücher und Zeitschriften zu
verbreiten, sowie sie auch die gesetzliche Grundlage für die Verfolgung der
aktiven Vertreter des Gewerkschaften, Parteien und Vereine bildete.
Ihr Ziel war also die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, das tatsächliche
Resultat jedoch bildete den genauen Gegensatz insofern, als dass die Sympathien
für die Sozialdemokraten wuchsen und klassenkämpferische Tendenzen gefördert
wurden. So war das Programm der SPD bei ihrer Neugründung im Jahre 1891 (als
Nachfolgepartei der SAP) auch stark marxistisch beeinflusst. a
6. Die kirchliche Sicht der sozialen Frage:
Die Kirche als Vertreter des Bürgertums sah grundsätzlich anfangs gar
keinen Grund für ihr Eingreifen gegeben. Nun jedoch muss man differenzieren
zwischen der katholischen und der evangelischen Seite.
Der Katholizismus war von starken inneren Spannungen, vor allem was
die Rolle des Staates in der Gesellschaft anging, geprägt. Jetzt aber trugen
zwei Personen zur Einigung der Katholiken bei: Zum einen der Mainzer Bischof
Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler (1811 - 1877), der die Ansichten der
katholischen Kirche verbreitete, u.a. in seiner Schrift „Die Arbeiterfrage und
das Christentum", jedoch auch dort keine neuen Wege einschlug. Später
wirkte er als Reichstagsabgeordneter an der sozialpolitischen Gesetzgebung mit,
jedoch „mit großem Ernst der Meinung, aber ohne wirkliche Beherrschung der
Fragen" (Fritz Vigener). Zum anderen war dort Reichskanzler Bismarck, der
völlig unabsichtlich die Solidarität der Katholiken untereinander dadurch
förderte, dass er versuchte den Einfluss der katholischen Kirche
zurückzudrängen, z.B. mit Entzug der Schulaufsicht und durch Einführung der
Zivilehe.
Der wohl wichtigste Vertreter der katholischen Sozialbewegung ist Adolf
Kolping (1813 - 1865), dessen 1849 gegründetes Kolpingwerk noch heute besteht.
Diese Vereinigung lässt sich am besten durch Kolpings Wahlspruch
charakterisieren: „Religion und Tugend, Arbeitsamkeit und Fleiß, Eintracht
und Liebe, Frohsinn und Scherz."b
Der politische Orientierungs- und Sammelpunkt des Katholizismus wurde nach
1870 die Zentrumspartei, in der sowohl konservative Adlige und Unternehmer, wie
auch progressive Arbeiter vertreten waren. So hieß es da nur generell, dass
sich die Ausgestaltung von Staat und Gesellschaft an den christlichen Lehren
orientieren solle und das Subsidiaritätsprinzip entstand. Dieses besagt, dass
jedes Individuum in jeder Angelegenheit zunächst seine unmittelbare Umgebung um
solidarische Hilfe bitten solle und wenn dies nicht ging, sollte immer erst die
jeweils nächste Ebene (Gemeinde, etc.) angerufen werde. So ist der Staat erst
das letzte Glied in dieser langen Kette.
Besonders prägend auf den politischen Katholizismus wirkte ein Rundbrief des
Papstes Leo XIII. mit dem Namen „Rerum Novarum" im Jahre 1881. Dort wird
betont, dass das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft grundsätzlich
harmonisch sei und richtete sich so gegen die sozialistische Vorstellung des
Klassenkampfes. Nur bei einer empfindlichen Störung dieses Verhältnisses ist
ein Eingreifen des Staates selbst in den ansonsten tabuisierten Bereich der
Familie zulässig und auch nötig. Damit wendet sich das Rundschreiben gegen die
absolute Form des Liberalismus, die dem Staat jegliche Einmischung untersagt.
Dies sieht man z.B. an diesem kurzen Ausschnitt: „Allerdings, wenn sich eine
Familie in äußerster Not befindet, dass sie sich in keiner Weise helfen kann,
so ist es der Ordnung entsprechend, dass staatliche Hilfe eintrete; die Familien
sind eben Teile des Staates." Zudem zeigt der Papst die Notwendigkeit von
Solidarität gegenüber den „Niederen" auf, die auch der Staat erbringen
muss, wie an diesem Zitat klar zu sehen ist: „Es ist überdies vor Augen zu
halten, dass der Staat für alle da ist, in gleicher Weise für die Niederen wie
für die Hohen. Die Besitzlosen sind vom naturrechtlichen Standpunkt aus nicht
minder Bürger als die Besitzenden, das heißt, sie sind wahre Teile des
Staates, [...] und sie bilden zudem, was sehr ins Gewicht fällt, in jeder Stadt
bei weitem die größere Zahl der Einwohner. Wenn es also unzulässig ist, nur für einen Teil der Staatsbürger zu sorgen, den anderen
aber zu vernachlässigen, so muss der Staat durch öffentliche Maßregeln sich
in gebührender Weise es Schutzes der Arbeiter annehmen. Wenn er dies nicht tut,
so verletzt er die Forderung der Gerechtigkeit, welche jedem das Seine zu geben
befielt..." Letzteres, die Gerechtigkeit betreffend, weist auch klar auf
christliche Tugenden hin, die trotz alles politischen Engagements im
Katholizismus stets im Mittelpunkt standen. Im folgenden weist Leo XIII. auf die
natürliche Ungleichheit der Menschen hin, denen als Buße die Arbeit auferlegt
worden ist, wie auch oben bereits angedeutet, so dass es immer die Klasse der
Besitzenden und die der Besitzlosen gibt, was so auch im kommunistischen
Manifest von Marx zu finden ist. Der Staat jedoch vertritt, nach christlicher
Ideologie, ALLE, und im besonderen die Arbeiter, schon allein aus quantitativen
Gründen, und da diese zudem auch nützliche Dienste für die Wohlfahrt des
Staates leisten. Somit kann der Staat sie nicht im Elend leben lassen. Dazu sind
folgende Passagen heranzuziehen: „ Wie immer sich die Regierungsform gestalten
mag, stets werden unter den Bürgern jene Standesunterschiede da sein, ohne die
überhaupt keine Gesellschaft denkbar ist." „Nicht anderswoher als aus
der Arbeit der Arbeiter entstehe Wohlhabenheit im Staate. Es ist also eine
Forderung der Billigkeit, dass man sich seitens der öffentlichen Gewalt des
Arbeiters annehme, damit er von dem, was zum allgemeinen Nutzen beiträgt, etwas
empfängt".
„ Es nutzt vielmehr sehr der Gesamtheit, die ein offenbares Interesse daran
hat, dass ein Stand, welcher dem Staate so notwendige Dienste leistet, nicht im
Elend seine Existenz friste."
Trotz aller Solidarität und des Anerkennens der Klassenunterschiede
bezeichnet das „Rerum Novarum" den Sozialismus und die geforderte
Revolution als Irrweg und pocht auf die Aufrechterhaltung der Ordnung im Staat
und Fügsamkeit gegenüber den geltenden Gesetzen, wie auch hier deutlich wird:
„Wenn sich öffentliche Wirren ankündigen infolge widersetzlicher Haltung der
Arbeiter oder infolge verabredeter Arbeitseinstellung, [...] in allen diesen
Fällen muss die Autorität und Gewalt der Gesetze innerhalb gewisser Schranken
sich geltend machen." c
Im Protestantismus erkannte Johannes Wichern (1808 - 1881), der auch
Kolping und Ketteler beeinflusste, als einer der ersten die Notstände des
Proletariats und gründete er bereits 1833 das „Rauhe Haus", das sich um
Obdachlose und verwaiste Kinder bemühte und die „Innere Mission", die
sich sowohl sozial als auch seelsorgerisch um Obdachlose und kranke Arbeiter
sorgte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erlangten diese beiden Institutionen
immer größeres Ansehen im In- und Ausland und überall bildeten sich
Freundeskreise, die die Häuser entweder durch Spenden unterstützten oder
selbst ähnliche Initiativen ins Leben riefen.
Wichern war ein gläubiger Optimist, der der Inneren Mission die Kraft
zutraute, das von der offiziellen Kirche entfremdete Volk wieder für das
Christentum zu gewinnen. Das Werk Wicherns wurzelt in dem Glauben, dass die
geistigen und geistlichen Kräfte am sichersten Hilfe bringen, jedoch hatte er
dabei eine deutliche Vorahnung von dem durch die Industrialisierung
herbeigeführten Anwachsen des Proletariats und so kann man ihn einen naiven
christlichen Sozialisten nennen, dem der Gedanke auf die Gesetzgebung
einzuwirken, gänzlich fern war.
Als Begründer des evangelischen Sozialismus sind Pfarrer Rudolf Todt (1838
– 1887) und Adolf Stoecker (1835 – 1909) zu nennen, die die Behauptung
widerlegen wollten, dass nur die Sozialdemokratie den Arbeitern helfen könne. Ihrer
Ansicht nach, müsse die Sozialreform vom monarchisch geführten Staat unter
Mitarbeit der evangelischen Kirche geleistet werden, vor allem auch durch Weckung der
christlichen Nächstenliebe und des sozialen Verantwortungsbewusstseins.
1878 gründete Stoecker die Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die „Evangelium
und Sozialismus vereinte". g Bismarck erwog, auch diese Partei
im Zuge der Sozialistengesetze zu verbieten, scheiterte jedoch am Widerstand
Wilhelm I., dessen Amt des Hofpredigers durch Stoecker bekleidet wurde.
7. Staatliche Maßnahmen:
Staatliche Maßnahmen wurden erforderlich, jedoch zögerten die deutschen
Staaten lange jegliche soziale Gesetzgebung heraus, vor allem mit Berufung auf
die Theorie des Liberalismus, wonach staatliche Eingriffe nur wirtschaftlichen
Fortschritt stören. Um die sozialen Notstände zu lindern und dem Geschehen
erstmals Luft zu machen wurde unter Veranlassung Bismarcks ein Entgegenkommen
vom Staat eingeräumt. Dies geschah aber vielmehr aus Selbsterhaltung und Wahren
der alten innenpolitischen Zustände, als aus humanitären/sozialen Gründen (à
Zuckerbrotpolitik).
So entstand zunächst im März 1839 das 1. deutsche Kinderschutzgesetz, durch
das Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten wurde. Dieses Gesetz existierte aber
vorerst nur auf dem Papier, da es keinerlei Kontrollen über die Einhaltung der
Vorschriften gab. Erst 1853 wurden Fabrikinspektoren eingesetzt, durch deren
Kontrolle das Kinderschutzgesetz erst Effektivität erlangen konnte.
Ab den 80er Jahren wurde der Reichstag mit der Beratung einer umfassenden
Sozialgesetzgebung aktiv. So setzte 1883 Reichskanzler Bismarck ein Gesetz zur
Krankenversicherung durch, das 1884 mit der Absicherung von Unfallopfern
ergänzt wurde. In einer knappen Abstimmung fand dann 1889 auch die
Gesetzesvorlage zur Alters- und Invaliditätssicherung die Zustimmung des
Reichstags.
Sehr hohe Effektivität ist besonders letzterem Gesetz jedoch nicht
zuzusprechen, da der Anspruch auch eine Altersrente erst mit Vollendung des 70.
Lebensjahres, nach 30jähriger Betragszahlung einsetzt, und auf Grund der
schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen kaum ein Arbeiter dieses Alter je
erreichte.
Zudem wurde diese Maßnahme nicht etwa allein staatlich finanziert, sondern
nur zu einem Drittel. Den Rest teilten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur
Hälfte.
Ab 1890 entstand dann schließlich öffentlicher Nahverkehr, der es den
Arbeitern erlaubte, für eine Stelle nicht mehr in die Stadt ziehen zu müssen,
und der Bau von Sozialwohnungen für die Arbeiter begann. Außerdem wurde zur
Erhöhung des Bildungsniveaus der Arbeiter die Schulen unterstützt, damit auch
ärmere Kinder eine fundierte Bildung erhielten. Eine Förderung der Gesundheitsfürsorge setzte
ebenfalls ein, z.B. durch Impfungen gegen Pocken und den Bau von Geburtskliniken
um gegen die hohe Kindersterblichkeit anzukämpfen.
8. Maßnahmen der Unternehmer:
Weitaus effektiver als die staatlichen Maßnahmen zur Verbesserung der
schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter waren (vorerst) die
konkreten Hilfeleistungen der Unternehmer. So bauten viele Fabrikherren
Arbeiterwohnungen in Fabriknähe, wie die Krupp-Siedlungen in Essen, die zum
Selbstkostenpreis vermietet wurden. Zudem wurden Fabrikschulen für die
minderjährigen Arbeiter und Kinder der Arbeiter eingerichtet, die ihnen zu
einer Grundbildung verholfen und ein wenig Abwechslung vom Fabrikalltag boten.
Außerdem wurden sogenannte Hilfs- oder Pensionskassen eingerichtet, die
gleichermaßen von Arbeitern wie Fabrikherren finanziert wurden. Über die
Motive eines Unternehmers zur Gründung einer solchen „betrieblichen
Pensionskasse" gibt ein Brief von Werner Siemens an den englischen Zweig
der Firma vom 1.12.1872 Aufschluss:
„Es wird in immer weiteren Kreisen als eine Pflicht der Arbeitgeber
aufgefasst, [...] für ihre Arbeiter, deren Kräfte sie ausnutzen, Sorge zu
tragen, und wahrscheinlich wird hier die Gesetzgebung diese Verpflichtung
allgemeingültig auferlegen – wie sie speziell für den Tod oder
Arbeitsunfähigkeit infolge von Unglücksfällen höchstwahrscheinlich schon in
der nächsten Reichtagssitzung tun wird. In Erwartung dieser Gesetzgebung werden
jetzt schon vorbereitende Schritte überall getan."
Dies zeigt, dass der Unternehmer damit auf den immer größeren
gesellschaftlichen Druck reagiert, der durch steigende Anerkennung
sozialistischer Ideen auf Fürsorge für die Arbeiter drängt und auch die
Gesetzgebung beeinflussen könnte.
Folgend wir eine weiter Motivation deutlich, nämlich die Bindung der
Arbeiter an die Fabrik:
„Es ist [...] von höchster Wichtigkeit einen festen Arbeiterstamm zu
schaffen, und zwar um so mehr, je weiter die Arbeitsteilung und die
Maschinenarbeit entwickelt werden. [...] Steht bei ihnen erst die Überzeugung
unwandelbar fest, dass denen, die bei uns bleiben, die Sorge für ihr Alter und
ihre Familie genommen ist, so werden sie dadurch fest an das Geschäft
geknüpft, sie werden den Umsturztheorien der Sozialisten abhold, werden sich
Streiks widersetzen und haben eigenes Interesse am Gedeihen des
Geschäftes." d
Hier lässt sich auch die weiterreichendere erhoffte Konsequenz erkennen: die
Abkehr von sozialistischem Gedankengut, das besonders in den Gewerkschaften
verbreitet war und bei den Unternehmern für Unmut sorgte. So äußerte sich
z.B. 1889 der saarländische Großindustrielle C.F. von Stumm, der als
erbitterter Gegner der Gewerkschaften und der SPD und Verfechter der Autorität
des Fabrikherrn galt, in einer Ansprache an seine Arbeiter folgendermaßen zu
seinen Befürchtungen:
„Das Aufhören der Autorität der Arbeitgeber [...] erscheint mir um so
gefährlicher, als sie sich auf die Dauer nicht auf denjenigen Stände
beschränken wird, um die es sich hier zunächst einmal handelt. Hat der
Arbeiter einmal die Autorität des Arbeitgebers über den Haufen geworden,
unterwirft er sich ihr nicht mehr, lacht er ihn einfach aus, wenn er ihn strafen
will, [...] dann wird die Autorität auf anderen Gebieten, in Staat und Kirche
sehr bald folgen."
Somit verdeutlich Stumm als Vertreter des Konservatismus die Auffassung, dass
mit Lockerung des autoritären Führungsstils der Unternehmer auch bald die
öffentliche Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten werden könne.
Als nächstes appelliert er an das Individualitätsgefühl der Arbeiter und
ihre christlichen Werte um sie von einem Eintritt in die Gewerkschaften
abzuhalten und lieber unter seinem „Schutz" zu bleiben:
„Ich für meine Person würde keinen Augenblick länger an Eurer Spitze
aushalten, wenn ich an die Stelle meines persönlichen Verhältnisses zu jedem
von Euch das Paktieren mit einer Arbeiterorganisation unter fremder Führung
setzen müsste. [...] Ein solche Verhältnis wie zu einer fremden Macht würden
mir schon mein sittliches Pflichtgefühl und meine christliche Überzeugung
verbieten."
Seine grundsätzliche Einmischung in diese und andere Angelegenheiten
rechtfertigt er wie folgt:
„Ein Arbeitgeber, dem es gleichgültig ist, wie seine Arbeiter sich
außerhalb des Betriebes aufführen, verletzt meines Erachtens seine wichtigsten
Pflichten. [...] Was das Heiratsverbot anlangt, so habe ich [...] konstatiert,
dass in meiner Arbeitsordnung von einem Verbot der Heirat ebenso wenig die Rede
sei, wie von einem Verbot von Prozessen und Klagen. Es ist lediglich
vorgeschrieben: der Arbeiter soll mir vorher seine Absicht anzeigen, damit ich
in der Lage bin, wenn ich es für zweckmäßig halte, unnötige Klagen
abzuwenden, resp. törichte Heiraten zu verhindern."e
9. Vergleich der Positionen von Liberalen und/oder Sozialisten und
Konservativen:
In den grundsätzlichen Ansätzen zur Lösung der sozialen Frage lassen sich
klare Unterschiede bei diesen politischen Gruppierungen erkennen, die sich etwas
derart verallgemeinern lassen: Die Vertreter des Liberalismus/Sozialismus sind
für eine stärkere Mitbestimmung der Arbeiter in den Fabriken, während
konservative Politiker der Meinung sind, ein Unternehmer solle sein Unternehmen
eigenverantwortlich führen, auch wenn dem Arbeitnehmer Miteigentum zugestanden
wird. In der Frage nach staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft nun sind
Sozialisten und Liberale uneins: Die sozialistisch eingestellten Politiker
befürworten eine stärkere staatliche Wirtschaftslenkung, während die
Liberalen mit den Konservativen mehr Marktfreiheit für die Unternehmen fordern.
Den Ausbau des Sozialstaates wollen die Sozialisten mit höheren staatlichen
Leistungen voranbringen, die Anhänger des Konservatismus plädieren jedoch für
mehr Selbstverantwortlichkeit des einzelnen in diesem Bereich. Auch das
Schulwesen wird unterschiedlich verstanden: Sozialistische und liberale
Politiker sehen eher die Vorteile des schülerorientierten Unterrichts und der
Einrichtung eines Gesamtschulsystem, während Konservative durch ein
differenziertes Schulwesen die Bildung von Eliten fördern und die Autorität
des Lehrers und der Schule unterstreichen. Die Religion wir von
sozialistischer/liberaler Seite aus als reine Privatsache betrachtet, während
hier die konservative Fraktion nach Unterstützung des Staates für die Kirche
ruft. Im Punkt der Staatsgewalt sind die Meinungen ebenfalls geteilt: Die
Sozialisten/Liberale streben eine Begrenzung der polizeilichen Befugnisse an,
die Konservativen im Gegenteil wollen die Autorität des Staates in diesem Punkt
stärken und verschiedene Bürgerrechte (wie z.B. das Demonstrationsrecht)
einschränken. f
|