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| Die
"Epoche der Schweizer Lokomotiven" - 150 Jahre "rollender
Fortschritt" am Ende |
Mit dem Aus für SLM und die Schweizer
Produktionsbetriebe von Adtranz wurde ein ruhmreiches Kapitel Technikgeschichte
zuletzt wenig ruhmvoll abgeschlossen.
Das Aus für die traditionsreiche
Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur (SLM) und die nur wenig
später, im November 1999,
vom neuen Adtranz-Management in Deutschland verfügte Schließung der
Produktionsbetriebe in Zürich-Oerlikon und Pratteln stellen eine historische
Zäsur in der Industriegeschichte der Schweiz dar. Das einstige Eisenbahn- und
Elektropionierland hat damit seine selbständige Rolle ausgespielt. Die
"Epoche der Schweizer Lokomotiven" - die mit so illustren Namen wie
dem "Gotthard-Krokodil" oder der ersten laufachslosen
Drehgestelllokomotive Bo'Bo' der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn verbunden bleibt
- ist im Zeichen der Globalisierung und weltweiter Firmenzusammenschlüsse
zuletzt wenig ruhmvoll zu Ende gegangen. Ein historischer Rückblick auf 150
Jahre "rollenden Fortschritts:
Als Nikolaus Riggenbach, der spätere Zahnradbahnpionier, im August 1847
auf der Lokomotive "Limmat" den ersten Eisenbahnzug der Schweiz
von Baden im Kanton Aargau nach Zürich führte, war die Dampftechnik bereits
weit fortgeschritten. Es gab weder Zwischenfälle noch Pannen, wie sie bei
früheren Eröffnungsfahrten fast zur Tagesordnung gehört hatten.
Riggenbachs Lehrmeister und Lieferant der Lokomotiven für die Schweizerische
Nordbahn, der badische Maschinenindustrielle Emil Kessler, konnte bereits
auf umfangreiche internationale Erfahrungen - vorwiegend englische,
amerikanische und belgische - aufbauen, als er zunächst in Karlsruhe und
später in Esslingen mit dem Bau von Eisenbahnlokomotiven begann.
Kessler war neben Krauss und Maffei in München und der Société Alsacienne de
Constructions Mécaniques in Mühlhausen (Mulhouse) in den Anfängen des
Schweizer Eisenbahnwesens der wichtigste Lokomotivlieferant. Ein eigener
Lokomotivbau setzte in unserem Land erst in den fünfziger Jahren des
Jahrhunderts ein, als Riggenbach als Werkstättenleiter der Schweizerischen
Centralbahn in Olten zunächst Engerth-Lokomotiven aus Esslingen konstruktiv
verbesserte und später - primär für den Eigenbedarf seiner Gesellschaft -
auch selber baute.
Von
Winterthur in die Welt:
Die Gründung der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in
Winterthur 1871
legte dann den eigentlichen Grundstein für einen Industriezweig, der - später
vor allem im Verein mit der führenden Schweizer Elektroindustrie - Weltruf
erlangte. Dampflokomotiven fanden indessen noch bis in die fünfziger Jahre des
20. Jahrhunderts den Weg von Winterthur in die Welt (die letzte ging 1952
nach Indien). Neuerdings haben Dampfzahnradlokomotiven für Bergbahnen in
Österreich und der Schweiz bei SLM sogar eine Dampfrenaissance eingeleitet, bei
der sich Nostalgie mit neuester Technik verbindet.
Pacific 231
oder Dvorá k und der Bahnbanause:
Die frühe Elektrifizierung des Schweizer Eisenbahnnetzes führte dazu, dass die
eigentlichen Pionierleistungen unseres Landes bei der elektrischen Traktion
lagen.
Dampfgiganten wie die französische "Pacific 231", die
den Schweizer Komponisten (und Eisenbahnfreund) Arthur Honegger zu seiner
gleichnamigen Komposition anregten, entstanden anderswo. Honegger folgte in
seiner Lokomotivbegeisterung übrigens dem alten Antonín Dvorá k, der
seinen begabten späteren Schüler und Schwiegersohn Josef Suk nur deshalb
verstoßen wollte, weil dieser ihm partout den Lokomotivtyp des Zuges nicht
nennen konnte, mit dem er nach Prag gereist war.
Ein Genfer
macht Dampf:
Immerhin findet sich unter den Ingenieuren, welche die Dampftraktion zu
höchster Vollkommenheit brachten, auch ein Schweizer Name: Der Genfer Anatol
Mallet (1837-1919)
war zunächst gemeinsam mit dem österreichischen Baumeister der "Spanischbrötlibahn",
Alois von Negrelli, an den Vorarbeiten für den Bau des Suezkanals beschäftigt
gewesen, bevor er sich in Paris auf den Dampfmaschinenbau verlegte. Mallet
entwickelte 1874
das Prinzip der Dampf-Verbundlok, das er 1884
zur Vierzylinder-Verbundlok verbesserte. Er gab auch der 1876
erstmals gebauten und später auf der Gotthardbahn bewährten Mallet-Lok ihren
Namen - einer speziell für Gebirgsbahnen gebauten, entsprechend starken und
besonders kurvengängigen, zweiteiligen Gelenklok.
Neben SLM erwarb sich noch eine weitere Winterthurer Fabrik Verdienste bei der
Eisenbahntraktion: Sulzer. Sie entwickelte leistungsfähige
Dieselmotoren, die auch in Lokomotiven Verwendung fanden. Für unser Land
blieben jedoch Benzin- oder Diesel-Verbrennungsloks - anders als im
überwiegenden Ausland - von marginaler Bedeutung. Auch die von Brown, Boveri
& Cie. (BBC) im aargauischen Baden mitten im Zweiten Weltkrieg (1941)
entwickelte und gebaute erste Gasturbinenlok der Welt (Am 4/6 10001)
blieb letztlich ein Unikat auf helvetischen Schienen. In der Schweiz ging die
Ära der kohlengefeuerten Dampflokomotiven direkt ins Zeitalter der
"weißen Kohle" über.
Oerlikon contra Baden:
Vom Seebacher "Marianneli" zur "Lok 2000":
Die erste Epoche der Eisenbahn
hatte in den Kohlenzechen Englands begonnen; der Betrieb in den Kohlenminen gab
auch den Anstoß für die erste elektrische Bahn: Dampflokomotiven eigneten sich
wegen ihrer Funken- und Rauchentwicklung schlecht für den Betrieb von
Stollenbahnen; die daher eingesetzten Druckluftlokomotiven hatten einen
eingeschränkten Wirkungsradius. Das brachte den Berliner Elektropionier Werner
von Siemens (1816-1892)
auf die Idee zum Bau einer mit Elektrizität betriebenen Grubenbahn.
Hundert Jahre nach Watts Dampfmaschine hatte die Elektrizität eine zweite
Revolution der Technik ausgelöst; sie wurde zur vielbestaunten Sensation der
hellerleuchteten Wiener Weltausstellung von 1873.
Vom
Volksbelustigungsmittel zum Elektrotram:
Wenige Jahre später lief die mit Gleichstrom betriebene Grubenbahn von Siemens
& Halske als Hauptattraktion auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1879
und transportierte Tausende begeisterter Besucher durch das
Ausstellungsgelände: Aus der Bergwerksbahn war zunächst einmal ein neues
Massenbeförderungs- und Volksbelustigungsmittel geworden.
Die städtischen Straßenbahnen machten sich dann als erste die Vorzüge der
Elektrizität zunutze: Die langsame Pferdestraßenbahn und die schmutzige
Dampftramway wurden durch saubere und schnelle Elektrotriebwagen ersetzt. Berlin
machte 1881
den Anfang.
In der Schweiz fuhr das erste elektrische Tram 1888
zwischen Montreux, Vevey und Chillon. Überlandstraßenbahnen wie die 1891
eröffnete (heute nicht mehr bestehende) Schmalspurbahn von Sissach nach Gelterkinden
und die ersten Bergbahnen folgten: Grütschalp-Mürren 1891,
Gornergrat- und Jungfraubahn 1898,
die beiden letzteren schon mit Drehstrombetrieb.
Erste normalspurige Bahn der Schweiz mit Gleichstrombetrieb wurde 1894
die Bahn von Orbe nach Chavorney.
Brown-Boveri
eröffnet den Vollbahnbetrieb:
Hatten alle diese Bahnen noch lokalen Charakter, so gelang dem 1891
in Baden gegründeten jungen Elektrounternehmen von Charles E. L. Brown (1863-1924)
und Walter Boveri (1865-1924)
zwischen Burgdorf und Thun 1899
der Durchbruch zum elektrischen Vollbahnbetrieb.
Brown kam von der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), dem zweiten Pionier der
elektrischen Traktion. Deren Direktor Emil Huber-Stockar, der später das
Elektrifizierungsprogramm der Schweizerischen Bundesbahnen leitete, kommen die
wesentlichsten Verdienste um die frühe und fast vollständige Elektrifizierung
des Schweizer Bahnnetzes zu.
Während man bei Brown, Boveri & Cie. (BBC) in Baden auf Drehstrom
setzte und neben Burgdorf-Thun-, Gornergrat-, und Jungfraubahn auch die
Engelberger Bahn entsprechend ausrüstete, war man Oerlikon auf Wechselstrom
eingeschworen. Beide Systeme hatten ihre Vor- und Nachteile: Drehstrommotoren
waren verhältnismäßig einfach und robust; dagegen benötigte Wechselstrom-
und Gleichstrombahnen lediglich einen einfachen Fahrdraht - im Gegensatz zur
Drehstrombahn die eine komplizierte zweipolige Fahrleitungsanlage erforderte.
Oerlikon
elektrifiziert Seebach-Wettingen:
Oerlikon wie BBC entschlossen sich zur praktischen Erprobung: MFO
elektrifizierte 1904/05
auf eigene Kosten den ehemaligen Nationalbahnabschnitt zwischen Seebach und
Wettingen und steuerte ihre beiden Lokomotiven "Marianne"
("s'Seebacher Marianneli") und "Eva" (wegen ihrer
äußeren Form wenig charmant "Glättiise" [Bügeleisen] genannt) bei.
1907
kam aus Deutschland zu Vergleichszwecken auch noch eine "Nr. 3"
von Siemens-Schuckert auf die Strecke.
SBB-Premiere
am Simplon:
Brown wiederum erkannte richtig, dass ein Dampfbetrieb im dafür viel zu langen Simplontunnel
kaum möglich wäre, und offerierte die Elektrifizierung des Bahnabschnitts
zwischen Brig und Iselle. 1906
fuhren die ersten SBB-Drehstromlokomotiven durch den damals noch längsten
Tunnel der Welt.
Die Erfindung des Reihenschlußmotors durch Huber-Stockars Mitarbeiter Hans
Behn-Eschenburg gab schließlich den Ausschlag für das
Einphasenwechselstromsystem mit 15 kV und 16 2/3 Hz, das auf den normalspurigen
Linien der Schweiz, Deutschlands, Österreichs, Hollands und Norwegens zur Regel
wurde.
Der
Lötschberg macht am Gotthard Schule:
Auf den Rampen der 1913
fertiggestellten, von Anfang an elektrisch betriebenen Lötschbergbahn (BLS)
stellte MFO ihr Können mit den 2500 PS (1840
kW) starken Be 5/7 unter Beweis. Sie schleppten für damalige Verhältnisse
unglaubliche 450 Tonnen auf der bis zu 27 Promille steilen Strecke über den
Berg.
Pionierbahn mit Einphasenwechselstrom-Traktion war schon 1910
die (damals noch private) Seetalbahn von Wildegg über Lenzburg nach
Luzern, mit Stichbahn von Beinwil am See nach Beromünster.
Das Beispiel der Lötschbergbahn überzeugte - insbesondere, als der Kohlenmangel
im Ersten Weltkrieg die Abhängigkeit unseres Landes vom Ausland bewies. Im
Gegensatz zur Kohle war Wasserkraft zur Gewinnung elektrischen Stroms in Hülle
und Fülle vorhanden. Auch der Bundesrat entschied sich daher für den
Fortschritt und beschleunigte den Umstieg auf die "Weiße Kohle": Ab 1920
fuhr man auch am Gotthard elektrisch.
Die Elektrifizierung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) ging zügig
voran und wurde bis auf wenige verbliebene Ausnahmen während des Zweiten
Weltkriegs auch auf Nebenstrecken ausgedehnt. Die Schweiz wurde so das erste
vollelektrifizierte Eisenbahnland der Welt. Die Gotthard-"Krokodile"
Be und Ce 6/8 eroberten über unser Land hinaus den noch lange von
Dampflokomotivmodellen beherrschten Spiel- und Modelleisenbahnmarkt.
Beim späteren Lokomotivbau arbeitete die Konkurrenten der Schweizer Elektro-
und Maschinenindustrie bald mehr oder weniger einträchtig zusammen: SLM
lieferte den mechanischen, BBC, MFO und Sécheron - die spätere Vereinigung
lange vorwegnehmend - den elektrischen Teil. Mit dem BBC-Buchli- und dem
Sécheron-Antrieb in der Zwischenkriegszeit und mit der 1944
vollendeten ersten laufachslosen Hochleistungs-Drehgestelllokomotive, der Ae 4/4
der BLS, wiesen Schweizer Ingenieure dem Elektrolokomotivenbau für Jahrzehnte
den Weg.
Spätes
Come-back für den Badener Drehstrom:
Die seinerzeit gegen die Oerlikoner Konkurrenz unterlegenen, frühen Badener
Drehstrompioniere bekamen übrigens mit der jüngsten Entwicklung des
Bahnmotorenbaus eine späte Rehabilitierung: Bei den auch zum Exportartikel
(Norwegen, Finnland, China) gewordenen "Lok 200" der SBB-Reihe
460 und der BLS Re 465 sind über Umrichter versorgte, leistungsfähige und
besonders wartungsarme Asynchrom-Drehstrommotoren Standard.
Moderne Halbleitertechnik - zum Teil in Baden in der Schweiz entwickelt - macht
den Antrieb der Loks von der Stromart in der Fahrleitung unabhängig. Das
führte schließlich zum Ende der "Behn-Eschenburg-Epoche" und zu
einem Come-back der früh verlassenen Drehstromtechnik. Am längsten treu blieb
man der klassischen Lokomotive mit Einphasen-Wechselstrom-Fahrmotoren bei der
Deutschen Reichsbahn in der ehemaligen DDR.
Mit der Drehstromtechnik sind grenz- und systemübergreifende
Lokomotivlangläufe ohne den großen technischen Aufwand möglich geworden, wie
ihn noch die epochalen, zum großen Bedauern vieler "Stammreisender" 1999
aus dem Verkehr gezogenen SBB-TEE-Vierstromzüge der sechziger Jahre benötigt
hatten.
Die
Globalisierung brachte das Aus:
Der technischen Universalität der neuen Lokomotiven folgte indessen sehr rasch
die organisatorische Globalisierung in Form weltweiter Firmen- und
Branchenzusammenschlüsse: BBC, in der schon früher Séceheron und MFO
eingegangen waren, fusionierte zunächst mit der schwedischen Asea zu ABB. Mit
der Ausgliederung des Bahnbereichs in die, später mit den Eisenbahnaktivitäten
von Daimler-Chrysler zusammengelegte Adtranz und der 1999
vom neuen Management (aus überwiegend nationalen, deutschen Überlegungen
heraus) überraschend verfügten Schließung der (bis zuletzt rentablen)
Schweizer Produktionsbetriebe in Zürich-Oerlikon und Pratteln bei Basel endet
das durchaus ruhmreiche Kapitel Lokomotivbau der Schweizer Technik-Geschichte
wenig ruhmvoll. Die letzten Schweizer "Elektriker" hatten die bereits
früher geopferten "Mechaniker" der Schweizerischen Lokomotiv- und
Maschienfabrik Winterthur (SLM) nur mehr kurze Zeit überleben können.
Erstellt am 30.
November 1999
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Arthur Meyer, Wien
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