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| Die
waldensische Bewegung und der Sonderweg der lombardischen Armen |
1. Einleitung:
Die Ideen der waldensischen Bewegung, die seit ihrer Entstehung in den 70'er
Jahren des 12. Jh. sich stark ausgebreitet hatten waren weder neu noch besonders
revolutionär für diese Zeit. Im Gegensatz zu vielen anderen, meist radikalen
religiösen Gruppen beschränkten sich die Waldenser auf ein einfaches
Wanderpredigertum und den Aufruf zur Buße.
Doch obwohl sie sich immer innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft sahen, wurden
sie in den Augen der römischen Kirche innerhalb kürzester Zeit zu einer der
gefährlichsten Häresien. Um zu klären, ob die Waldenser wirklich eine
häretische Bedrohung der Kirche waren oder nur eine missverstandene orthodoxe
Gruppe, ist eine Betrachtung der Anfänge der Bewegung und des genuinen
Waldensertums unerlässlich. Vor allem muss berücksichtigt werden, dass sich
neben dem ursprünglichen Waldensertum in Südfrankreich ein weiterer, wenn
nicht bedeutenderer Zweig der Bewegung in Italien gebildet hatte. Dort hatte das
Waldensertum in der Lombardei unter dem Einfluss verschiedener religiöser
Gruppen und den städtischen Kommunen eine eigene Lebens- und Glaubensform
entwickelt. Die Auffassungen dieser Gemeinschaft standen vielfach im Gegensatz
zu denen von Waldes und führten bald zu einem offenen Konflikt zwischen
französischen und italienischen Waldensern. Auf der Konferenz von Bergamo wurde
1218
von den zwei Gruppen versucht, den Konflikt beizulegen. Ein Protokoll dieser
Konferenz, auf dem beide Seiten ihre religiösen und organisatorischen Ansichten
darlegten, wurde von den Lombarden als Brief an ihre Brüder in Deutschland
gesandt. Dies macht den Text zu einem zentralen Dokument des Waldensertums, an
dem sich die verschiedenen Entwicklungen der beiden Gruppen und der Sonderweg
der lombardischen Waldenser deutlich aufzeigen lassen.
Die Quellenlage im Bezug auf die waldensische Bewegung stützt sich vor allem
auf inquisitorische Schriften aus der Zeit der Verfolgung und ist deshalb meist
unausgewogen. Dokumente aus der Feder der Waldenser selbst, wie das „Rescriptum",
sind recht selten. Dennoch hat vor allem Kurt-Victor Selge hier mit seinem Werk
„Die Ersten Waldenser" grundlegende Forschungsarbeit geleistet.
Allerdings können hier auch neuere Forschungsergebnisse von Molnar und
Grundmann, wie auch Schneider für das 13. und 14. Jh. zu zahlreichen, wenn auch
nicht zu grundlegenden Ergänzungen herangezogen werden.
2. Der Beginn der Waldensischen
Bewegung:
Der wohl verlässlichste Bericht über die Entstehung der waldensischen Bewegung
wurde von dem Zeitzeugen und Dominikaner Stephan von Bourbon überliefert.
Waldes, ein reicher Lyoner Kaufmann, beauftragte den Übersetzer Stephan von
Anse und den Kopisten Bernhard Ydros damit, die Evangelien und einige andere
biblische Schriften ins Romanische zu übersetzen. Über den Grund solch
spontaner Religiosität gibt es mehrere Mutmaßungen, doch gibt hier Stephan von
Bourbon die einleuchtendste Erklärung, wenn er schreibt:
„Quidam dives rebus in dicta urbe, dictus Waldensis, audiens evangelia, cum
non esset multum litteratus, curiosus intelligere quid dicerent, fecit cum
dictis sacerdotibus"
Der Dominikaner erläutert hier, dass das Vorlesen des Evangeliums in der
Kirche, das religiöse Interesse des Waldes, der des Lateinischen nicht
hinreichend mächtig war, geweckt hatte. Deshalb hatte der wohlhabende Bürger
den Wunsch, seine Kenntnis der Schrift durch Lektüre zu vertiefen. Als er
schließlich die Übersetzung erhielt und sie auswendig lernte, kam er zur
Einsicht, dass das Predigen des Evangeliums der einzige und wahre Weg sei, die
evangelische Vollkommenheit nach dem Vorbild der Apostel zu leben. Unter diesem
Vorsatz verkaufte, um 1177/78
er seinen Besitz. Seiner Frau hatte er zuvor einen Teil seines Vermögens
übereignet und seine Töchter in das Stift Fontévrault eingekauft. Das
restliche Geld schenkte er den Armen und begann auf den Straßen und Plätzen
Lyons zu predigen. Da Lyon bisher kaum von Wanderpredigern besucht worden war,
fand Waldes in Kürze viele Sympathisanten und Anhänger. Sie folgten seinem
Beispiel und begannen ebenfalls, die Evangelien in der Landessprache zu
predigen. Er versuchte dabei nicht Kleriker für sein Missionswerk zu gewinnen,
sondern Laien, insbesondere solche aus einfachen Berufen wie z.B. Handwerker.
Hier war die Kritik am Klerus am stärksten und er fand sofort begeisterte
Anhänger, da er das äußerte, was die Menschen über den Klerus dachten. Die
Anfänge einer neuen religiösen Bewegung waren entstanden.
Nach Waldes Auffassung war jeder Christ, sofern er sich berufen fühlte,
berechtigt, das Evangelium zu verkünden. Das Vorbild der Apostel wurde für die
Berufung, die Waldes verspürte, grundlegend in seinem Denken und Handeln. Eine
kirchliche Legitimation hielt Waldes für unnötig. Die waldensische
Gemeinschaft berief sich dabei auf Mk. 6, 7-9. Sie glaubten, den Auftrag der
Apostel fortzuführen, indem sie predigten, nicht ansässig wurden und nichts
auf den Weg mitnahmen, als einen Stab. Sie hatten kein Brot, keine Tasche und
kein Geld bei sich. Konsequenterweise kleideten sie sich ebenso einfach wie die
arme Bevölkerung und zogen paarweise predigend durch das Lyoner Umland. In
Bezug auf Matth. 6, 19-34 wurde jeglicher Reichtum abgelehnt. Außerdem nahmen
sie Abstand von körperlicher Arbeit, damit sie sich ganz der Tätigkeit des
Predigens widmen konnten. Nicht allein die Armut des Einzelnen stand im
Vordergrund, sondern vor allem die Freiheit von familiären Bindungen, dem
festen Wohnsitz, einer Berufspflicht und dem eigenen Besitz.
In der „vita religiosa" von Waldes war das zentrale Element die Predigt
und das Recht des Predigens. Die apostolische Predigt der Waldenser hatte als
einen Leitgedanken die Buße und als anderen, dass die Menschen ihre Erfüllung
im Glauben nur durch gute Werke erlangen. Den Gläubigen wurde in der Predigt
deutlich gemacht, dass jeder einzelne für seine Sünden die Verantwortung
trägt. Gleichzeitig lag es in des Hand des Gläubigen durch gute Werke sich die
Möglichkeit zu erschließen, das eigene Heil zu erlangen.
Der Leitgedanke aus Apg. 5, 29 „Man muss Gott mehr gehorchen, als den
Menschen" wurde von der ganzen Bewegung vertreten. In letzter Konsequenz
bedeutete es für die Waldenser, daß sie glaubten, ihren Missionsbefehl direkt
von Gott erhalten zu haben. Hier entstand der zentrale Konfliktpunkt mit der
römischen Kirche. Die Waldenser lehnten jegliche Einmischung der römischen
Kirche, die gegen ihre eigene Auffassung verstieß, ab. Waldes war hier zu
keinerlei Konzessionen bereit, obwohl er die Hierarchie der Kirche vollkommen
anerkannte.
Waldes sah sich als orthodoxen Teil der römischen Kirche und erwartete, dass
die Kirche seinen Standpunkt anerkannte. Er kritisierte hingegen die Lebensweise
des Klerus und forderte ihn auf, moralisch einwandfrei zu leben, sich voll
seiner Berufung zu widmen und im Idealfall unter Aufgabe der ökonomischen
Selbständigkeit in Armut zu leben. Der Klerus war jedoch unfähig zur
Selbstkritik, so dass Waldes den Klerikern vorschlug, nach seinem Vorbild auch
ein einfaches Leben zu führen. Prinzipiell forderte aber nicht die unbedingte
Armut des Klerus.
Der große Zulauf, den die waldensische Lehre hatte, ergab sich vor allem
daraus, dass mit dem Aufruf nach Buße und Beichte einem Verlangen in der
Laienfrömmigkeit entsprochen wurde. Die Laien hatten das Begehren, das ewige
Heil zu erlangen, und glaubten, dass sie durch ein bußfertigeres Leben der
Hölle und dem Fegefeuer entgehen konnten. Die katholische Kirche konnte diesen
Bestrebungen mit ihren Vorstellungen von Fegefeuer und dem komplizierten Ablass-
und Beichtsystemen nicht gerecht werden und nutzte die Situation, um materiellen
Gewinn aus der Religiosität des Volkes zu schlagen. Doch damit trieb sie das
Volk in die Arme der Wanderprediger. Waldes bot sich an, die diese
seelsorgerische Lücke mit seiner geistlichen Autorität und intensiver Predigt
zu schließen. Die waldensische Konzeption der Bewegung unterschied sich von der
monastisch-kanonischen Konzeption und von den Beispielen früherer
Wanderprediger dadurch, dass der Gedanke einer „vita communis" in der
Vorstellung einer „vita apostolica" völlig fehlte. Dies bedeutete, dass
aus waldensischer Sicht das Zusammenleben als Gemeinschaft, ein effektives
Wirken der Mitglieder als Wanderprediger nur behinderte. Diese Vorstellung von
Wanderpredigt unterschied auch sich deutlich von der anderer Wanderprediger wie
z.B. Arnold von Brescia, durch den auffallend geringen Anteil von
destruktiv-kirchenreformerischen Elementen. Diese forderten oft den offenen
Widerstand gegen die Kirche und versuchten, die Bevölkerung für ihre Zwecke zu
missbrauchen.
Wenn derartige Tendenzen bei den Waldensern dieser Zeit zu finden waren, so
äußerten sie sich nur in Form einer gemäßigten Kritik. Grundsätzlich wurden
jedoch solche Ansätze durch den positiven Inhalt der waldensischen Predigt
überflügelt.
3. Die Ausbreitung der Waldenser:
Die rasche Ausbreitung dieser neuen religiösen Gemeinschaft kam nicht von
ungefähr und wurde durch das wachsende Bedürfnis der Laien nach religiöser
Fürsorge und Entfaltung gefördert. Schon zu Beginn der Bewegung zeigte sich
diese Tendenz, die sich in den folgenden Jahren noch verstärken sollte. Gerade
in den Städten fanden die Waldenser die meisten Anhänger, denn das
Emanzipationsstreben der Bürger begann alle Bereiche des politischen und
wirtschaftlichen Lebens zu erfassen. Das Streben nach politischer
Selbstverwaltung zog die Entwicklung einer eigenen Kultur und einer
bürgerlichen Religiosität nach sich. Seit dem 12. Jahrhundert entstanden in
den Städten Europas verschiedene religiöse Gemeinschaften, die sich um ein
eigenständiges Leben bemühten.
Lyon war im 12. Jahrhundert eine blühende Fernhandelsstadt und besaß eine
rasch wachsende Bevölkerung. Stadtherren waren der Erzbischof Guichard von Lyon
und das Domkapitel, welche die Bürger in politischer Machtlosigkeit hielten.
Mit ihrer machtpolitischen Orientierung hatte die Kirche somit für das
Bürgertum keinerlei Attraktivität. Waldes, dessen Tätigkeit sich
hauptsächlich auf Lyon und Umgebung beschränkte, fand begeisterte Zuhörer.
Der Erzbischof war zwar bereit, die Armutsbewegung zu tolerieren, verbot jedoch
die Laienpredigt, da dies nur ordinierten Priestern erlaubt war. Waldes ließ
sich aber auch durch dieses ausdrückliche Verbot nicht daran hindern, weiter zu
predigen.
Im Bemühen, den uneinsichtigen Lyoner Erzbischof zu umgehen und eine
Legitimation seines Wirkens direkt bei Papst Alexander III. zu erwirken,
erschien, laut Stephan von Bourbon, Waldes 1179
mit einer Delegation vor dem 3. Laterankonzil. Er bat für sich und seine
Glaubensgenossen um Anerkennung ihrer religiösen Lebensform, legte das ins
Romanische übersetzte Evangelium Papst Alexander III. zur Approbation vor und
bat um die Erlaubnis, mit seinen Anhängern in der Öffentlichkeit predigen zu
dürfen. Die Delegation der Waldenser wurde zur Prüfung ihres Glaubens vor den
englischen Prälaten Walter Map geführt, der sie mit einer geschickt gestellten
Frage über die Trinitätsformel bloßstellte. Auf die Frage nach ihrem
Glaubensbekenntnis, antworteten die Waldenser, dass sie an Gottvater, Gott-Sohn,
den Heiligen Geist und die Mutter Christi glaubten. Doch mit Einschluss Marias
in das Glaubensbekenntnis wurde deutlich, dass die Waldenser keine umfassende
theologische Bildung besaßen. Der Glaube an irdische Geschöpfe, auch im Falle
der Mutter Jesu, war nicht gestattet. Ebenso war seit dem Konzil von Ephesos 431
die Bezeichnung Marias als Mutter Christi zugunsten von Mutter Gottes geändert
worden. Trotz dieser offensichtlichen Blamage billigte Alexander III. den
Waldensern die „vita apostolica" zu, entließ sie aber mit der Auflage,
nur noch bei besonderen Anlässen und mit Genehmigung des örtlichen Klerus zu
predigen. Dies kam jedoch aufgrund der bekannten Haltung des Lyoner Erzbischofs
einem vollkommenen Predigtverbot gleich. Das Ziel, die Anerkennung, das
Evangelium frei ohne hierarchische Aufsicht und ohne Investitur predigen zu
dürfen, war gescheitert.
Nach dem Tod Erzbischof Guichards im Sommer 1180
trat eine Verschärfung der Lage ein, als dessen Nachfolger Johannes Bellesmains
eine radikalere antiwaldensische Politik zu verfolgen begann. Noch in dem selben
Jahr musste Waldes vor der Synode in Lyon unter Leitung des päpstlichen Legaten
Heinrich von Marcy erscheinen. Ziel der Untersuchungen war, die
Rechtgläubigkeit des Wanderpredigers zu prüfen. Hintergrund war die steigende
Popularität häretischer Bewegungen, die in Südfrankreich reichen Zulauf
fanden. Das Glaubensbekenntnis, das man Waldes zur Unterschrift vorlegte, war
zum Ausschluss einer dualistischen Häresie nach katharischem Vorbild gedacht.
Waldes gab in dieser Situation jedoch der Kirche keine Gelegenheit, gegen ihn
vorzugehen. Er bekannte sich zur Einheit der Kirche, ihrer Schlüsselgewalt und
der Unabhängigkeit der Sakramente von der Würdigkeit der Priester.
Schließlich erkannte er auch die Nützlichkeit der Totenfürbitte an. Damit
schien es Heinrich von Marcy und Johannes Bellesmains gelungen, die Waldenser
als spezifische Gemeinschaft in die Kirche einzuordnen. Die eigentliche
Auseinandersetzung um die Rechtmäßigkeit der Laienpredigt war jedoch
offengeblieben. In dem Glaubensbekenntnis zu dem sich Waldes bekannte, wurde die
Frage seiner Predigertätigkeit nicht angesprochen.
In der folgenden Zeit verschärfte sich die Situation in Lyon erwartungsgemäß.
Einen vom Erzbischof gestellten Praepositus zur Beaufsichtigung ihrer
Gemeinschaft lehnten die Waldenser kategorisch ab. Als zum Entsetzen des Klerus
auch noch waldensische Frauen in der schnell wachsenden Gemeinschaft zu Predigen
begannen, ließ 1182/83
der Erzbischof Johann Bellesmains die Gemeinschaft wegen Ursupation des
Predigeramtes und Ungehorsams gegenüber dem Klerus exkommunizieren. Er
verbannte sie schließlich aus der Erzdiözese. Die Vertreibung aus Lyon wirkte
sich jedoch für die Waldensische Bewegung positiv aus, sie bekam einen
überregionalen Charakter und formte sich zu einer weiträumig aufgebauten
sozial-religiösen Bewegung um. Die Mehrheit der vertriebenen Prediger setzte
ihre Missionstätigkeit im südfranzösischen Raum fort, wo sich Narbonne bald
zu einem neuen Zentrum heranbildete. In verschiedenen Städten wurden Schulen
gegründet, die das eigentliche Rückgrat der Bewegung bildeten. Diese „scholae"
dienten nicht nur dem Treffen der Prediger, sondern auch als Zentren zur
Ausbildung und der Ausgangsbasis für Missionsreisen.
Zwischen Katharern und Waldensern entbrannte in dieser Phase ein heftiger Kampf.
Das Katharertum hatte mit seinen dualistischen Vorstellungen und der radikalen
Ablehnung der römischen Kirche vor allem in Südfrankreich regen Zulauf
erhalten. Mit der Unterstützung von Fürsten und Adligen war es der Bewegung
gelungen, eine eigene Kirchenstruktur aufzubauen und den Einfluss der römischen
Kirche weit zurückzudrängen. Obwohl die Kritik der Waldenser an der römischen
Kirche oft die gleiche war, wie die der Katharer, erkannten die Lyoner Armen das
theologische Fundament des Alten und Neuen Testaments an. Sie blieben zutiefst
orthodox und lehnten dualistische, esoterische oder radikal asketische Tendenzen
ab. Die Armen von Lyon sahen als Teil ihres apostolischen Auftrages die
Bekämpfung der katharischen Irrlehre. Vor allem der „Liber Antiheresis"
des Waldensers Durandus von Osca, der eine Sammlung von antihäretischen
Schriften enthielt, erreichte bald große Bekanntheit und diente als Hilfsmittel
im Kampf gegen die Häresie. Die Heftigkeit des entbrennenden Kampfes war auch
dadurch bedingt, dass beide Seiten davon überzeugt waren, ein besonders
heiliges Leben zu führen.
4. Waldensische Mission in Italien:
Die ersten waldensischen Kontakte in Italien ergaben sich wahrscheinlich schon 1179
auf der Fahrt der waldensischen Delegation nach Rom. Jedoch kam es erst nach der
Vertreibung aus Lyon zu einer intensiveren Missionierung in der Lombardei.
Vermutlich von Narbonne ausgehend kam es zu Missionsfahrten nach Oberitalien, wo
die Waldenser gegen Ende des 12. Jahrhunderts in vielen lombardischen Städten
zunehmend Anhänger gewannen. Ihr Erfolg lässt sich daran messen, dass es
bereits in den 90'er Jahren eine waldensische „schola" in Mailand gab.
Weitere Zentren waren Legnano, Pavia, Piacenza, Bergamo, Cremona und Verona.
Obwohl die waldensische Lehre nicht besonders für die Forderung nach
politischen Rechten geeignet war, trug sie jedoch dem neuen Selbstgefühl der
Bürger Rechnung. Dieses bestand neben Hunger nach Bildung und der Ablehnung
bestehender kirchlicher Formen auch aus einer tiefen Religiosität. Die Städte
der Lombardei hatten sich schon früh zu Aktionszentren von häretischen Gruppen
entwickelt. Es kam zu einer partiellen Interessengemeinschaft von Bürgertum und
Ketzern, da der Antiklerikalismus, von den Häretikern nicht hervorgerufen, wohl
aber geschürt, im Kampf gegen das feudale Stadtregime eines Bischofs eingesetzt
werden konnte. Der Widerstand der Städte gegen die Einführung der päpstlichen
und kaiserlichen Ketzergesetze war zugleich Teil des Kampfes der Städte um ihre
Unabhängigkeit gegenüber Papst und Kaiser.
Die Anhänger der lombardischen Waldenser fanden sich vor allem unter den
aufstrebenden sozialen Schichten, die auch die städtische „Kommune"
bildeten. Es kann keinesfalls gesagt werden, dass die einfach lebenden Waldenser
sich vornehmlich aus armen Bevölkerungsschichten rekrutierten. Dennoch standen
die religiösen Lebensformen in einem Zusammenhang mit den zeitgenössischen
Lebensbedingungen. Vor allem die Bürger versuchten in der neutestamentarischen
Botschaft Lebensregeln für ihre aktuelle Situation zu finden. Während Waldes
radikal Reichtum und alles weltliche Tun verwarf, versuchten die lombardischen
Armen in den veränderten sozialen und ökonomischen Bedingungen ein Stück
Urgemeinde zu verwirklichen. Damit standen sie ihrer realen Umwelt weitaus
näher, als Waldes mit seinen asketischen Vorstellungen eines Wanderpredigertums.
Die Berührung mit den verschiedensten religiösen Gruppen, die in den Städten
Oberitaliens schon legal oder illegal wirkten, führte dazu, dass sich die Lehre
und das Leben der dortigen Waldenser immer weiter von dem durch Waldes
bestimmten Verständnis von Gemeinschaft entfernte. In der Lombardei agierten
neben Katharern und kleineren häretischen Gruppen wie den Arnoldisten und den
Speronisten auch die in Arbeiterkongregationen lebenden Humiliaten. Die
waldensischen Prediger erkannten die Arnoldisten und Humiliaten als
Geistesverwandte, wie sie es in Frankreich nicht gegeben hatte. Dort hatte es
nur die Katharer gegeben, von denen man sich offen distanziert hatte. Die
Unterschiede zu den anderen hier verbreiteten Gruppen waren weit geringer und
die lombardischen Waldenser wurden auch in den Häusern von Humiliatengruppen
aufgenommen. Diese Bewegung war in der Lombardei schon weit verbreitet und lebte
in Arbeitergemeinschaften, die ein Leben nach Art der Urkirche zu verwirklichen
versuchten. Diese Lebensweise und religiösen Vorstellungen sollten die Ideen
und die Lebensweise der lombardischen Waldenser bald stark beeinflussen.
Auch die Gemeinschaft der Arnoldisten, benannt nach ihrem Gründer Arnold von
Brescia, schien viel mit den Waldensern gemein zu haben. Auch diese
beanspruchten das Predigtrecht nach apostolischem Beispiel, hatten
Wanderprediger und lehnten den Besitz von Grundeigentum ab. Diese scheinbare
Wesensverwandheit mit den Waldensern barg aber eine Gefahr in sich, da die
Arnoldisten aktiv gegen die korrupte Kirche protestierten und das Risiko eines
offenen Kampfes in Kauf nahmen. Folglich hatten sie bereits eine eigene
Hierarchie entwickelt und eigene Priester eingesetzte. Zu dieser Zeit waren die
Waldenser im Vergleich zu den genannten religiösen Bewegungen aufgrund des
weitgehenden Fehlens von innerer Organisation noch deutlich unterlegen. Die
waldensische „vita religiosa" mit ihrer Ablehnung jeder Unterordnung auch
innerhalb der Gemeinschaft und der Toleranz gegenüber der Kirche ließ ihre
Popularität gegenüber radikaleren Bewegungen sinken.
Der intensive Kontakt mit anderen religiösen Gruppen zeigte schon nach kurzer
Zeit Wirkung. Es drangen zunehmend radikale Elemente wie der Donatismus in die
Gedankenwelt der lombardischen Waldenser ein. Die Vorstellung, dass nur ein
würdig lebender Priester gültige Sakramente austeilen könne, war seit der
Zeit Gregors VII. und der Pataria in Oberitalien bekannt. Es waren wohl vor
allem arnoldistische Einflüsse, die diese Ideen den Waldenser nahebrachten. Als
Folge dessen wurde in der Gemeinschaft der lombardischen Waldenser Sakramente
nicht mehr nur in Notfällen ausgeteilt, sondern mit der Überzeugung, dass man
selbst würdig sei, dies zu tun. Über diesen Punkt ergaben sich bald heftige
Dispute zwischen den Lyoner und den lombardischen Armen, doch bildete diese
Entwicklung, die sich langsam bis zum Ende des 12. Jahrhunderts erstreckte, noch
nicht den Anlass zum offenen Bruch der zwei Gemeinschaften.
5. Das lombardische Schisma:
Die langsame ideologische Entfremdung der zwei Gruppen wurde erst
offensichtlich, als diese in Italien organisatorische Neuerungen nach sich zog,
und es offensichtlich wurde, dass Waldes genuine Konzeption verletzt worden war.
Die „Lombardischen Armen" lebten im Gegensatz zu den französischen
Brüdern in sogenannten Arbeiterkongregationen. Dies waren Gemeinschaften
arbeitender Bürger oder Handwerker, denen „Perfecti", d.h. Prediger als
Leiter und Seelsorger vorstanden. Im Unterschied zu den französischen Armen
gehörten nicht nur die predigenden „Perfecti" zur eigentlichen
Gemeinschaft, sondern auch eine Vielzahl von arbeitenden Mitgliedern und
Freunden. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften wurden oft von Webern gestellt,
die in den vielen Textilbetrieben der oberitalienischen Städte arbeiteten. Das
Leben vollzog sich im Rahmen einer festen Ordnung und war von Solidarität und
Organisation geprägt.
Die letzte und verhängnisvollste Neuerung der italienischen Waldenser war die
Wahl Johannes von Ronco aus Piacenza 1205
zum Vorsteher auf Lebenszeit. In den Augen von Waldes verriet dieser linke
Flügel der Waldenser unter Johannes von Ronco damit die Hoffnungen und Ideale
der ersten Stunde. Die waldensische Gemeinschaft hatte schon früher die
Bestellung eines „praepositus" als kirchlichen Aufsichtsbeamten abgelehnt
und Christus zum alleinigen Herren der Gemeinschaft erklärt. Waldes nahm
schließlich diese Wahl zum Anlass, die lombardischen Brüder noch in seinem
Todesjahr 1206
aus der Gemeinschaft auszustoßen.
6. Die Lombardischen und
französischen Waldenser auf der Konferenz von Bergamo:
Im Mai 1218
trafen sich in Anlehnung an die 12 Apostel je 6 lombardische und 6 französische
Abgeordnete in Bergamo. Beide waldensische Gruppen befanden sich schon in der
beginnenden offenen Verfolgung der Kirche und es schien geboten, eine
Wiedervereinigung der Gemeinschaften zwecks eines besseren Überlebens zu
erreichen. Begünstigt wurde dieses Ansinnen durch die Tatsache, dass sowohl
Waldes als auch Johannes von Ronco mittlerweile verstorben waren, und der Weg
für eine Wiederannäherung frei schien. Die Streitfragen, die auf dieser
Konferenz diskutiert wurden, geben Aufschluss über die verschiedenen
religiösen Standpunkte, die sich in den beiden Gemeinschaften entwickelt
hatten. Vor allem an drei Punkten lässt sich der beginnende oder schon
fortgeschrittene Sonderweg der lombardischen Waldenser deutlich erkennen.
6.1. Die Arbeiterkongregationen („laborancium
congregacio"):
Evangelischer Bezugspunkt war für die Lyoner Armen die Aussendungsrede Jesu
(Mt. 10), während die lombardischen Armen sich an den Erfahrungen der ersten
christlichen Gemeinden orientierten (Apg. 1-4). Diese wollten bewusst die
Alternative zwischen monastischem und weltlichem Leben überwinden und
betrachteten Familie und Handarbeit als religiöse Lebensformen. Ein
missionarisches Reisen nach dem Vorbild ihrer französischen Brüder war nach
dieser Ansicht nicht erforderlich, wurde jedoch toleriert. Das Verbot des
Tötens und der Eidesleistung schloss aber all jene aus, die irgendwie mit der
Ausübung politischer Verantwortung oder staatlicher Gewalt zu tun hatten. Somit
war die städtische Oberschicht in der waldensischen Bewegung kaum vertreten.
Nach der religiösen Auffassung der lombardischen Armen reichte es vollkommen
aus, mit den Brüdern und Schwerstern ein Leben in Arbeit und praktizierter
Nächstenliebe zu führen. Der missionarische Geist der Lyoner wurde von den
Lombarden also nur als Ergänzung und nicht als Alternative zu ihrer sachlichen
Lebensweise angenommen. Die Anhängerschaft der lombardischen Waldenser fand
sich vor allem bei Handwerkern und Arbeitern der damals bedeutenden
Textilindustrie. Die waldensischen Gruppen, bestehend aus Familien und deren
Freunden, wohnten, arbeiteten und beteten gemeinsam in ihren Häusern. Diese
wurden von einem Vorsteher geleitet, der sie bei Rechtsgeschäften vertrat und
ähnliche Rechte wie die eines Abtes ausübte. Dies war das Hauptärgernis für
Waldes gewesen. In der Frage, ob ein Waldenser arbeiten sollte, war für ihn ein
Kompromiß vollkommen ausgeschlossen. Nach Matth. 6, 24 war das Dienst an zwei
Herrn und stand der Befreiung des Predigers von allen irdischen Dingen entgegen.
So wird von ihm berichtet, dass er gesagt habe, dass es kein Frieden zwischen
den italienischen Brüdern und ihm geben könne, wenn diese nicht ihre
Arbeiterkongregationen auflösten.
„ Tercio querimus de hoc, quod audivimus Valdesium dixisse, quod, cum de
omnibus alüs esset pax et concordia inter eum et fratres ytalicos, nisi
separarentur laborancium congregaciones - que tunc temporie erant in Ytalia -
ita unus cum alio non maneret, pacem cum eo habere non possent ..."
Waldes hatte wohl auch erkannt, dass diese Tendenz den Abstand zur katholischen
Kirche vergrößern und sektiererische Tendenzen verstärken würde. Wie sich
zeigte, hatten auch Probleme wie z.B. die Sakramentsverwaltung in solch einer
Gemeinschaft einen ganz anderen Stellenwert als in der losen
Predigergemeinschaft der Lyoner Armen. Auch wenn zum Zeitpunkt der Konferenz
dies noch nicht zu einer wesentlich kirchenkritischeren Einstellung der
lombardischen Waldenser geführt hatte, so eröffneten diese Ansichten einen Weg
für spätere Entwicklungen. Die Frage, ob es Arbeitergenossenschaften
überhaupt geben dürfe, stellte 1218
auch für die französischen Armen kein Problem mehr dar. Diese hatten
mittlerweile erkannt, mehr auf die Bedürfnisse ihrer Anhänger eingehen zu
müssen, und dass die Mission von festen Stützpunkten erfolgversprechender
erschien. Obwohl Waldes selbst in diesem Punkt völlig unnachgiebig gewesen war,
erklärten sich doch die Lyoner bereit, die Arbeiterkongregationen als besondere
apostolische Lebensform anzuerkennen.
„Si aliqua persona consilium pauperum petierit volens in terreno labore
permanere, detur illi consilium secundum deum et eius legem, si sola manere
voluerit vel iungere se cum pluribus"
Der Lebensstil der Gemeinschaft musste sich den veränderten inneren und
äußeren Gegebenheiten anpassen.
6.2. Die Ordination von Dienern zu
Sakramentsverwaltung („ministrorum ordo"):
Dass sich die Genossenschaft der Lyoner Armen zu einer ordensähnlichen
Gemeinschaft und die lombardischen Armen sich in Richtung einer
kirchenähnlichen Gemeinschaft entwickelten, zeigte sich eindeutig bei der Frage
der Sakramentsverwaltung. Die lombardische Meinung dazu war, dass Priester mit
unwürdigem Lebenswandel das eucharistische Opfer nicht vollziehen könnten.
Dieser Donatismus hatte sich bis zum Ende des 12. Jahrhunderts in der
Gemeinschaft entwickelt und seit dem Schisma von 1205
radikalisiert. Obwohl die grundsätzliche Verwerfung der katholischen Kirche auf
der Konferenz noch nicht zur Sprache kam, wurde mit dieser Ansicht das römische
Priestertum faktisch abgelehnt, da es nach der Auffassung der Waldenser
mehrheitlich einen lasterhaften Lebenswandel führte. Aus dieser Auffassung
heraus wurde schließlich die Einrichtung eines eigenen Priestertums innerhalb
der lombardischen Gemeinschaft legitimiert. Die Lyoner Armen nahmen dazu die
orthodoxe Position Waldes ein. Die Ordination eigener „Diener" zur
Sakramentsverwaltung war eine von den französischen Waldensern nur im Notfall
geübten Vollzugs der „fractio panis". Diese vertraten den eindeutigen
Standpunkt, dass nur ein katholischer Geistlicher, unabhängig von einer
würdigen Lebensweise, Sakramente austeilen könne.
„Ad questionem que nobis facta fuit de panis fraccione sic credimus: a
sacerdote ab ecclesia Romana ordinato, donec congregatio baptizatorum sustinet
eum in offcio, sit iustus vel iniustus, si acceperit panem et vinum et eum
benedixerit in commemoracionem corporis et sanguinis domini credimus, quod post
benediccionem ab eo dictam corpus et sanguis fiat domini."
Im Gegensatz dazu erfolgte bei der lombardischen Gemeinschaft bereits die
Ordination eigener „Diener" zur Sakramentsverwaltung, namentlich der
Eucharistiefeier. Sie erfolgte wie die römische Priesterweihe auf Lebenszeit
und schuf damit dem römischen Priestertum eine dauernde Konkurrenz, während
das genuine Waldensertum nur eine Ausnahmeregelung getroffen hatte und
grundsätzlich an der Absicht festhielt, die Eucharistie von Priestern der
katholischen Kirche zu empfangen. Dies war das Hauptärgernis für Waldes
gewesen, dass die Institutionalisierung den Bruch mit Rom endgültig machte. Bei
den Lombarden war das Bewusstsein, zum Wirken als ein Stand der römischen
Kirche berufen zu sein, erloschen.
6.3. Die Vorsteherschaft („preponimentum"):
Die Frage der Vorsteherschaft bildete den dritten Problemkreis auf der
Konferenz. Mit der Wahl Johannes von Ronco zum „praepositus" der
lombardischen Gemeinschaft war ein wichtiger Grundsatz Waldes durchbrochen
worden. Nach dessen Ansicht sollte es in der Gemeinschaft keinen Herrn geben,
der für menschliches Gutdünken Gehorsamspflicht in Anspruch nehmen konnte. Zu
diesem Punkt wurde von Waldes eine eindeutige Stellungnahme überliefert. Es
soll sein Wille gewesen sein, dass weder zu seinen Lebzeiten, noch nach seinem
Tode einer der Brüder „prepositus" sein sollte.
„De hoc imprimis querimus a vobis fratribus ultramontanis, quod audivimus
Valdesium dixisse videlicet se nolle aliquem in societate ultramontanorum aut
ytalicorum fratrum fore prepositum in vita sua nec post mortem ..."
Bei dieser Frage ging es um das Verfassungsprinzip der Gemeinschaft. Keiner
sollte Herr des anderen sein, sondern allein Christus ihr gemeinsamer Herr. Die
Autorität, die Waldes Zeit seines Lebens in Anspruch nahm, war die eines „Hüters
der Regel" und kann am besten als charismatisch charakterisiert werden. Die
orthodoxe Position der französischen Waldenser wird um so deutlicher, als ein
heftiger Disput um die Wahl der italienischen Vorsteher Johannes von Ronco und
Otto von Ramazello entbrannte, obwohl diese sich keinesfalls als Bischöfe im
Sinne einer eigenen Kirche sahen. Zu dieser Zeit war es noch nicht zur
Einrichtung eines dreifachen Ordos nach dem Vorbild der römischen Kirche
gekommen und die Vorsteher waren zwar auf Lebenszeit gewählt, jedoch ohne
absolute Leitungsgewalt. Wichtige Fragen wurden nach wie vor von der Gesamtheit
der Brüder, der „commune" entschieden, und eine hierarchische Struktur
war noch nicht zu erkennen. Allerdings wurden auch hier Voraussetzungen für die
spätere Entwicklung einer eigenen Kirche geschaffen. Die Lombarden setzten auf
der Konferenz schließlich durch, dass jede waldensische Gemeinschaft das Recht
hatte, ihre Prediger zu wählen. Die Lyoner Armen erkannten mittlerweile die
Notwendigkeit einer institutionellen Spitze an. Man einigte sich darauf, dass
jede Kommune selbst entscheiden könne über die Wahl von Vorstehern („praepositi")
auf Lebenszeit oder von Leitem („rectores") für 2 Jahre.
„ [...] quod commune nostrum et illorum congregatum in unum, socut dictum est
cummuniter eligat prepositos eternaliter vel rectores ad tempus, secundum quod
utilius communi videbitur vel amplius ad pacem pertinere."
Die zweite Möglichkeit war als Konzession der Franzosen an die Lombarden
gedacht, wobei die ersteren aufgrund der dargestellten Position ausschließlich
von der Möglichkeit einer Wahl auf begrenzte Zeit, Gebrauch machten.
7. Waldenser in der Verfolgung:
Seit dem 3. Lateranum 1179
hatte sich die Ketzergesetzgebung zunehmend verschärft, so dass gemäß einer
Absprache zwischen Lucius III. und Kaiser Barbarossa die Exkommunikation
automatisch die Reichsacht nach sich ziehen konnte. Auf der Versammlung des IV.
Laterankonzils 1215
wurde schließlich die Vernichtung des Ketzertums sanktioniert und der Kreuzzug
als rechtes Mittel gegen Häretiker nachträglich gebilligt. Auch die
Exkommunikation der Waldenser wurde für alle Zeiten bestätigt. Im 13. Jh. war
die Kurie entschlossen die Häretiker durch Gewalt oder Einbindung in die Kirche
auszurotten.
7.1. Die Rückkehr von Waldenser zur
römischen Kirche:
Der offenen Verfolgung der Waldenser durch die römische Kirche ging eine Phase
aufrichtigen Werbens um die Rückkehr in den Schoß der Kirche voraus. Vor allem
Bischof Diego von Osma versuchte mit einer Predigttätigkeit nach Art der
Waldenser, das verlorengegangene Vertrauen in die Kirche wiederherzustellen.
Angebote zu Disputen mit allen Arten von häretischen Gruppen wurden
wahrgenommen, um die Ketzer gewaltlos zu schlagen. Die Waldenser boten bei
diesen Bemühungen besonders günstige Angriffspunkte, da sie bei einer Vielzahl
von Streitpunkten, nach wie vor eine orthodoxe Meinung vertraten. Der römischen
Kirche gelang es schließlich, zwei waldensische Gruppen wieder zu integrieren.
Nach dem Disput von Pamier im September 1207,
bei dem auch Bischof Diego von Osma teilnahm, entschied sich Durandus von Osca
dafür, sich mit Rom zu versöhnen. Innozenz III. gestand ihm zu, seine
Wanderpredigten fortzusetzen und weiterhin in Armut zu leben. Er gründete 1210
den neuen Orden der „katholischen Armen", nachdem er ein ähnliches
Bekenntnis wie Waldes abgelegt hatte. Durandus Ziel war, die Ideale Waldes
innerhalb der römischen Kirche zu vertreten. Allerdings hatte dieser Orden
keine besondere Wirkung auf die innerkirchliche Erneuerung, so dass er sich nach
seiner Auflösung 1245
mit den Augustinern vereinigte.
Ähnlich erging es der Gruppe um Bernhard Prim, der in Südfrankreich und der
Lombardei Anhänger hatte. Nachdem er sich 1210
dem Papst unterworfen hatte, gründete er den Orden der „versöhnten
Armen", der eine Zeitlang wirkungslos in Oberitalien agierte. Auch er hatte
wie Waldes und Durandus ein Glaubensbekenntnis zur Bedingung der Versöhnung mit
dem Papst unterschrieben.
7. 2. Die
offene Verfolgung durch die Kirche:
Seit dem Beginn der waldensischen Predigertätigkeit waren Verfolgungen,
Enteignungen, Vertreibungen und Exkommunikationen vorgekommen. Auch die
Ausweisung der Gemeinschaft aus Lyon durch Erzbischof Johannes Bellesmains 1182/83
hatte noch keine dramatischen Folgen für das Wirken der Waldenser. Diese
ergaben sich erst mit dem Albigenserkrieg, als die Verfolgung an Kraft und
System gewann. Ebenso wie die Albigenser wurden auch die Waldenser an die
Peripherie der Christenheit drängt. Unter diesem Eindruck begriff man auch bei
den französischen Waldensern, daß die innere Struktur der Gemeinschaft
gefestigt werden musste. Es fanden jährlichen Treffen statt, die bald zu festen
Institutionen wurden. In der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts kam es zu einer
starken Abnahme der waldensischer Gruppen unter dem Eindruck der kirchlichen
Gegenreaktion in Gestalt der Bettelorden und der Inquisition. Es hatten sich nun
ausreichend Möglichkeiten ergeben, sich innerhalb der Kirche zu Gemeinschaften
und Bruderschaften zusammenzuschließen.
Bei den lombardischen Waldensern kam es aufgrund zunehmender Verfolgungen und
dem schon beschriebenen Einfluss anderer häretischer Gruppen zu einem Radikalisierungsprozess.
Dieser führte Mitte des 13. Jh zum Anspruch, die „Ecclesia Dei" zur
repräsentieren, und bewirkte die Ergänzung der Hierarchie durch gewählte
Diakone und Bischöfe. Mangels der Möglichkeit, ihre Geistlichen nach dem
Vorbild der römischen Kirche zu legitimieren, beriefen sich die lombardischen
Waldenser bei der Wahl ihrer Priester und Bischöfe darauf, dass diese ihr Amt
von der Gesamtheit der Brüder übertragen bekommen hätten. Der Kampf der
übrigen Waldenser gegen den Feudalklerus veränderte sich mit der Wende des
13./14. Jh. zu einer Verdammung aller Katholiken. Arbeiterkommunen konnten schon
seit der Mitte des 13. Jh. kaum mehr praktiziert werden. Eine Gewinnung der
katholischen Massen war nicht mehr geplant und der expansive Geist wurde
aufgegeben. Angesichts der ständigen Verfolgung kam es zu einer Angleichung der
Lebensweise und der Gemeinschaftsform der französischen und italienischen
Waldenser. Der Versuch der Lombarden eine Kirche zu sein, musste so scheitern.
Mit dem Beginn der Verfolgungen verlagerte sich die Wirksamkeit der Waldenser in
den Untergrund. Predigt, Gemeinschaftsleben, Versammlungen und Gottesdienste
waren nur noch schwer möglich. Ein kleiner Kreis von Predigern zog nachts
verkleidet durch das Land, kleine geschlossenen Gemeinschaften besuchend, die
seine Predigt hörten und ihm beichteten. Auch die französischen Waldenser
lehnten jetzt die katholische Kirche ab. Diese Sondergemeinschaft war am Beginn
des 14. Jh. kein Predigtorden oder Gegenkirche, sondern eine Sekte, die jenen
Teil der Laienfrömmigkeit repräsentierte, der in die institutionelle Kirche
nicht integriert werden konnte. Derart ausgegrenzt identifizierten sich die
Waldenser bald mit dem Jüngerkreis und der Urgemeinde des Neuen Testaments, die
gleichsam von den Pharisäern und Schriftgelehrten der damaligen offiziellen
Kirche ausgestoßen und verfolgt wurden.
In der 2. Hälfte des 14. Jh. verschwanden die Waldenser nach langen Jahren der
Inquisition endgültig aus Südfrankreich. Das Gros der Bewegung war schon den
Verfolgungen während der Albigenserkreuzzüge zum Opfer gefallen. Auch in der
Zeit der Verfolgung blieben die Waldenser missionarisch tätig und breiteten
sich vor allem in den kottischen Alpen aus. Doch geschah dies weniger offen und
mit weniger auffälligen Methoden. Wie andere religiöse Minderheiten wurden die
Waldenser sozial deklassiert und heimatlos gemacht. Immer auf der Flucht hatten
sie nur wenig zu verlieren. Ab 1232
waren acht Inquisitoren auf Anordnung Papst Gregor IX. in der Lombardei auf der
Suche nach Waldensem. Im Jahre 1304
waren es schon zehn. Im 14. Jh. fanden sich italienische Waldenser fast nur noch
im Piemont, wo sie die Verfolgungen überdauern und sich schließlich der
Reformation anschließen sollten.
8. Schlussbetrachtung:
Die Entwicklung des Waldensertums lässt sich in drei Abschnitte gliedern. Die
erste Phase reicht von dem Beginn der Mission Waldes bis zum Ende des 12. Jh. In
dieser Zeit wurde das Waldensertum innerhalb der Kirche geduldet bis es
schließlich zu seiner eindeutigen Verurteilung kam. Der zweite Abschnitt
erstreckt sich über die folgenden 30 Jahre, bis zum Beginn der systematischen
Verfolgung in Südfrankreich, Norditalien und Deutschland. Schließlich folgte
der dritte Abschnitt, in dem das Waldensertum in den kottischen Alpen das
Mittelalter überdauerte.
Die Zeit zwischen der offiziellen Verurteilung durch Papst Lucius III. und dem
Beginn der offiziellen Verfolgung war die Phase größter geographischen
Ausdehnung und dynamischster innerer Entwicklung des Waldensertums, denn trotz
der Verurteilung konnten die Waldenser weiter missionieren. Doch die große
Ausbreitung der waldensischen Gruppen und die Verurteilung durch die Kirche
führten zu inneren Spannungen. Der lombardische Zweig der waldensischen
Bewegung entwickelte unter dem Einfluss von anderen häretischen Gruppen eine
beträchtliche Eigendynamik. Gegen den ausdrücklichen Willen von Waldes
wandelte sich in Italien das Waldensertum von einer lockeren Gruppierung von
Wanderpredigern zu einer geordneten Gemeinschaft, die begann eine eigene
Hierarchie aufzubauen und selbst Sakramente zu verwalten.
Die französischen Waldenser begriffen sich hingegen als eine orthodoxe
Gemeinschaft innerhalb der römischen Kirche. Die Gemeinschaft bestand aus einer
losen Gruppe herumziehender Wanderprediger und beachtete, außer dem Verbot der
Laienpredigt, die kirchlichen Dogmen. Waldes hatte in dieser Gemeinschaft eine
zentrale Bedeutung und hielt diese Kraft seiner Autorität zusammen.
Nach dem Tode Waldes und unter dem Eindruck erster Verfolgungen schien die
Wiedervereinigung der lombardischen und französischen Waldenser möglich. Aber
auf der Konferenz von Bergamo (1218)
erkannte man nur die gewachsenen Unterschiede. Einigungen, sofern sie über die
drei Hauptpunkte: Ordination von Diener zur Sakramentsverwaltung, Wahl von
Vorstehern und Organisation von Arbeiterkongregationen erreicht wurden, stellten
nur vorläufige Zugeständnisse dar. Die sich während der Konferenz von Bergamo
abzeichnenden Unterschiede der zwei waldensischen Gruppierungen erwiesen sich in
der folgenden Zeit als unüberbrückbar und verstärkten sich weiter. Einen
großen Anteil an dieser Entwicklung hatte vor allem die starke Verfolgung durch
die Inquisition, welche die Waldenser zunehmend an den Rand der Gesellschaft
drückte. Schon nach wenigen Jahren der Verfolgung waren die Unterschiede
zwischen französischen und lombardischen Waldensern deutlich gewachsen.
Die französischen Waldenser hatten sich zu einer ordensähnlichen Gemeinschaft
entwickelt, die sich weiterhin bemühte mit einem Mindestmaß an Organisation
den Gläubigen das Evangelium zu predigen.
Die lombardischen Armen hingegen stellten eine vollkommen andere Lebens- und
Gemeinschaftsform dar, die sich nicht am Ideal des Jüngerkreises sondern an der
Lebensauffassung der Urkirche orientierte. Die lombardischen Armen
beabsichtigten die Alternative zwischen monastischem und weltlichem Leben zu
überwinden, indem sie Familie und Handarbeit als religiöse Lebensformen
entdeckten. Damit hatte der lombardische Zweig der Waldenser jedoch bereits eine
Art Gegenkirche nach Vorbild der Katharer aufgebaut.
Nachdem das französische Waldensertum schon im Zuge des Albigenserkreuzzuges
weitgehend vernichtet worden war, wurden die lombardischen Brüder, die nun
offen häretische Lehren vertraten, zum Ziel kirchlicher Gegenreaktionen. Das
eigentliche Waldensertum überdauerte die folgenden Jahrhunderte in den
kottischen Alpen, bis es sich der Schweizer Reformation anschloss. Die Ideen der
waldensischen Bewegung wirkten jedoch bis in die Neuzeit auf viele
reformatorische Gruppen und Bewegungen.
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