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| Das
Reich des Großen Kahns |
Der Mongoleneinfall des 13.
Jahrhunderts konfrontierte das Abendland zum erstenmal seit dem Vorstoß
Alexanders des Großen nach Indien 1500 Jahre zuvor wieder direkt mit den
Völkern Asiens und stellt damit einen bedeutenden Einschnitt in der
geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas dar. War die Beschäftigung mit dem
Fremden in Gestalt der Mongolen zunächst ganz der biblisch geprägten
Vorstellungswelt verhaftet, erzwang der unmittelbare Kontakt eine zunehmende
Entmythologisierung, die in den Reisebeschreibungen Marco Polos ihren
vorläufigen Höhepunkt fand. Damit deutete sich erstmals jener Umbruch des
mittelalterlichen Weltbilds an, der später das sogenannte Zeitalter der
Entdeckungen einläutete. Auf der anderen Seite lassen das Verkennen der Gefahr
und die Voreingenommenheit, mit der das Abendland diesem Eindringen feindlich
gesinnter Völker lange begegnete, umgekehrt auch die Haltung der amerikanischen
Indianer gegenüber den europäischen Eroberern verständlicher erscheinen.
Vorgeplänkel:
Die überlieferte Geschichte der Mongolen beginnt mit dem Aufstieg Tschingis
Khans, der die nomadischen Völker im Gebiet der heutigen Mongolei erstmals
einigte und unter Auflösung ihrer traditionellen Stammesstrukturen zu einer
gewaltigen Militärmacht verschmolz. Seiner Ausrufung zum Großkhan im Jahr 1206
folgten schon bald erste Vorstöße in die umliegenden Länder, auf denen weite
Gebiete Zentralasiens sowie Nordchinas geplündert und tributpflichtig gemacht
wurden. Die innere Konsolidierung der unterworfenen Regionen sollte ebenso wie
die Konzentration auf die weitere Expansion in China durch ein Abkommen mit
Persien, bis zu dessen Grenzen Tschingis Khans Imperium bereits angewachsen war,
gewährleistet werden. Dieses Abkommen brach jedoch als Folge der Hinrichtung
einer Gruppe mongolischer Händler unter dem (vermutlich durchaus korrekten)
Vorwurf der Spionage schnell zusammen, so dass eine Stammesversammlung
schließlich die Aussendung einer militärischen Strafexpedition beschloss, die
im Jahr 1219
begann.
Die disziplinierten und durch die nomadische Lebensweise bestens ausgebildeten
mongolischen Reiterheere zählten zweifellos zu den hervorragendsten
Streitmächten ihrer Zeit. Vor allem die rationale, grausame Behandlung ihrer
Gegner sorgte jedoch dafür, dass ihnen wie später beim Einfall in Europa bald
Angst und Schrecken vorauseilten. Während die Mongolen Siedlungen, die sich
freiwillig unterwarfen, lediglich plünderten und tributpflichtig machten,
wurden andere Städte dem Erdboden gleichgemacht und die Bevölkerung gleichsam
entweder massakriert oder zwangsweise an vorderster Front in das weiterziehende
Heer eingegliedert. Die in zeitgenössischen persischen Chroniken genannte Zahl
von mehreren Millionen Toten wird realistisch, wenn die Folgen zerstörter
Ernten und der Verwüstung des Bewässerungssystems, das viele Regionen erst
landwirtschaftlich nutzbar machte, mitberücksichtigt werden. Der Schah, dem es
nicht gelang, seine Armee gegen den mongolischen Vormarsch zu mobilisieren, floh
und rettete sich auf eine Insel im Kaspischen Meer. Während Tschingis Khan
selbst nach der Eingliederung Persiens in das Imperium und der Einsetzung
örtlicher Vizekönige wieder in die Mongolei zurückkehrte, nahm ein Teilheer
unter dem Kommando seines Generals Sübodei die Verfolgung des geflohenen Schahs
auf und zog weiter nach Westen. Damit erreichten mongolische Verbände erstmals
die Grenzen des abendländischen Kulturraums.
Erste Berührung und
Legendenbildung:
Zur gleichen Zeit, als der mongolische Vormarsch nach Persien begann, hatte ein
unter der Führung des päpstlichen Legaten Pelagius stehendes Kreuzfahrerheer
mit Damiette einen ersten Stützpunkt in Ägypten erobert. Uneinigkeit über die
Verteilung der Beute sowie über die weitere Strategie führten jedoch schnell
zu einer zunehmenden Demoralisierung, bis in dieser Situation im
Kreuzfahrerlager verschiedene Prophezeiungen bekannt wurden, die vom
bevorstehenden Ende des Islam und der Befreiung Jerusalems durch zwei Könige,
je einer aus dem Orient und dem Okzident, kündigten. Während diese
Prophezeiungen noch nicht mit dem mongolischen Vormarsch in Zusammenhang
standen, verbreitete sich bald schon die Kunde von der Unterwerfung Persiens
durch ein von Osten heranrückendes Heer. Entscheidend für die weiteren
Ereignisse war dabei jedoch, dass dessen Natur völlig verkannt wurde und die
Berichte als Heerführer die Gestalt eines christlichen Königs David benannten,
dessen Ziel die Vernichtung des Islam und die Bekehrung der Ungläubigen sei.
Natürlich verband sich dieser Bericht sehr schnell mit den vorher verkündeten
Prophezeiungen, so dass an der Identifikation Tschingis Khans mit dem
vorhergesagten, aus dem Orient erscheinenden Christenkönig, die zusätzliche
Glaubwürdigkeit noch aus der weitverbreiteten Legende vom Priesterkönig
Johannes bezog, bald kein Zweifel mehr bestand. Diese unmittelbare Einbindung in
ein enges Netz von Weissagungen und Wunschvorstellungen macht es verständlich, dass
alle alarmierenden Zeichen wie die später bekanntgewordene große Zahl der
Ungläubigen in dem heranrückenden Heer oder die Unterwerfung des christlichen
Georgiens ignoriert wurden. Im Vertrauen auf den sich entwickelnden Plan Gottes
schlug Pelagius gar ein Friedensangebot des sich nun von zwei Seiten bedroht
sehenden ägyptischen Sultans aus und befahl den Angriff auf Kairo, der jedoch
auf katastrophale Weise in der Nilschwemme endete und schließlich zum
vollständigen Rückzug der Kreuzfahrer führte.
Zur großen Verwunderung des Abendlands wandte sich jedoch auch die Streitmacht
des angeblichen Königs David von Jerusalem ab und zog stattdessen nördlich
durch den Kaukasus ins Wolgagebiet, wo die Mongolen 1223
an der Kalka ein gemeinsames Heer der nomadischen Kumanen und der zu Hilfe
gerufenen Russen vernichteten. Diese Niederlage sowie die darauf folgenden
Plünderungen ließen jenseits der katholisch-orthodoxen Glaubensgrenze ein
gänzlich anderes Mongolenbild entstehen, dem freilich ein ebenso biblisches
Weltbild zugrunde lag: Ausgehend vom Buch der Richter des Alten Testaments
wurden die Mongolen hier mit den von Gideon vertriebenen Midianitern
identifiziert, die einer russischen Tradition zufolge von Alexander dem Großen
noch einmal besiegt und hinter den Kaspischen Bergen eingeschlossen wurden, um
am Ende aller Zeiten erneut hervorzubrechen und zum Endkampf gegen die
Christenheit anzutreten. Die so erfolgte erste Verbindung mit den biblischen
Endzeitvölkern schlug sich auch in der bald überall verbreiteten Bezeichnung
"Tartaren" nieder, die sich vom Teilstamm der Tataren ableitet und die
Mongolen als Heerscharen der Hölle (griech. Tartaros)
charakterisiert. Das Auftauchen Tschingis Khans wurde somit als göttliche
Mahnung vor dem bevorstehenden Weltende verstanden, der folgende Rückmarsch in
die Mongolei als Gottes Annahme eines erneuerten christlichen Gelöbnisses.
Diese Interpretation führte zwangsläufig zu einer folgenreichen Verharmlosung
der drohenden Gefahr aus den asiatischen Steppen.
In den katholischen Ländern Westeuropas ließen selbst diese neuen Ereignisse
immer noch keine Zweifel an der Integrität des angeblichen König Davids
aufkommen, da man die Russen als Orthodoxe ja ebenfalls zu den nicht
rechtgläubigen Völkern zählte, deren Bestrafung damit genauso ihre Erklärung
fand wie die der Georgier zuvor. Der trotz päpstlicher Intervention und seiner
Exkommunizierung erfolgreiche Kreuzzug des deutschen Stauferkaisers Friedrich II
sowie die auf die Einnahme Jerusalems folgende Annäherung mit den Ostkirchen
trugen weiter zu einer Welle des Optimismus bei, so dass auch hier keinerlei
militärische Vorbereitungen für eine mögliche neue Angriffswelle der Mongolen
getroffen wurden. Die Schreckenszeit:
In der fernen Mongolei war Tschingis Khan im Jahr 1227
an den Folgen eines Jagdunfalls gestorben. Seinem Willen entsprechend wurde das
Reich nach mongolischer Steppetradition so unter seinen vier Söhnen aufgeteilt,
dass der jüngste das Stammland und der älteste die am weitesten entfernt
liegenden Gebiete "so weit sie Hufe mongolischer Pferde betreten
hatten" zugesprochen bekam. Tschingis Khans dritter Sohn, Ögädei, wurde
außerdem als Großkhan zum Nachfolger seines Vaters bestimmt. Nachdem unter
Ögädei Khans Herrschaft zunächst die Eroberung des nordchinesischen
Kin-Reiches abgeschlossen und die innere Konsolidierung des mongolischen
Imperiums durch die Gründung einer Hauptstadt, Karakorum, vorangetrieben worden
war, beschloss eine Stammesversammlung, nun die dem ältestem Sohn
zugesprochenen und nach dessen Tod an Tschingis Khans Enkel Batu gefallenen
Gebiete auch tatsächlich militärisch in Besitz zu nehmen. So setzte sich im
Jahr 1237
unter dem Kommando Batus und des Veteranen Sübodei erneut ein gewaltiges
mongolisches Heer nach Westen in Bewegung.
Die ersten Informationen über den bevorstehenden Angriff wurden dem Abendland
durch die vom ungarischen König Bela IV ins Wolgagebiet ausgesandten
Dominikanermissionen überbracht. Vor allem der eindringliche Bericht Bruder
Julians, der vor dem heranrückenden Heer fliehen musste und als erster
Europäer auch den mongolischen Weltherrschaftsanspruch klar erfasste, hätte
eine deutliche Warnung sein müssen, wurde aber weitgehend ignoriert. Ein Teil
der Kumanen floh vor einer weiteren kriegerischen Auseinandersetzung mit den
Mongolen und erhielt von Bela IV gegen die Zusicherung von Taufe und
militärischer Gefolgschaft neue Siedlungsgebiete in Ungarn. Diese Stärkung der
Krone wurde vom ungarischen Adel jedoch hintertrieben, und der auf die Ermordung
mehrerer ihrer Stammesführer folgende Abzug der Kumanen schwächte so die
Verteidigungskraft Ungarns, des äußersten Vorpostens des katholischen Europas,
noch zusätzlich. Das mongolische Heer rückte derweil immer weiter nach Westen
vor. Am Dnjepr wurden schließlich zwei Späher festgenommen und verrieten im
Verhör durch einen ungarischen Bischof den unmittelbar bevorstehenden Angriff
auf Kiew. Aber auch dieses letzte Warnsignal wurde ignoriert.
Als Kiew, Moskau und die übrigen russischen Fürstentümer innerhalb kürzester
Zeit überrannt wurden und die Mongolen plötzlich in Mitteleuropa einfielen,
trafen sie daher auf keinen geordneten Widerstand. In einer Schlacht am Sajó
wurde so das ungarische, beim schlesischen Liegnitz ein hastig aufgestelltes
deutsch-polnisches Heer vernichtet, und die Kolonnen schoben sich stetig immer
noch weiter nach Westen vor. Wie vorher in Russland brach aufgrund dieser
verheerenden Niederlagen und der darauf folgenden Plünderungen und
Verwüstungen nun auch in Westeuropa eine fatalistische Weltuntergangsstimmung
aus, die die Mongolen ebenfalls mit den biblischen Armageddonvölkern
identifizierte, nämlich mit den im Buch Ezechiel und der Apokalypse des
Johannes beschriebenen Völkern Gog und Magog. Der Traum vom König David war
endgültig ausgeträumt.
Trotz der übermächtigen Bedrohung zeigten sich die europäischen Herrscher
unfähig, interne Konflikte zugunsten einer gemeinsamen Verteidigungsstrategie
beiseite zu legen. Papst Gregor IX im fernen Rom sah in den Mongolen zwar
durchaus eine Gefahr für die Christenheit, aber keine größere als die Araber
im Heiligen Land, die Ketzer oder gar Kaiser Friedrich II, gegen den er noch
Monate zuvor das Kreuz hatte predigen lassen. Da sich die Kreuzzugsidee durch
diese Wandlung zum reinen kurialen Machtinstrument somit längst diskreditiert
hatte, blieben die bereits zur Routine verkommenen Aufrufe auch diesmal
erwartungsgemäß ohne Resonanz. Friedrich II dagegen erkannte in den Mongolen
durchaus eine ganz besondere Bedrohung und fühlte sich in seiner kaiserliche
Rolle der Abwehr dieser Gefahr zutiefst verpflichtet. Der anhaltende Konflikt
mit der Kurie hatte seine Autorität jedoch so untergraben, dass er beschloss,
unter Ausnutzung dieser Situation nun endlich den Papst gewaltsam zur Rücknahme
seiner Exkommunizierung zu zwingen. Diese Entwicklung führte zur schlechtesten
aller denkbaren Konstellationen, da das kaiserliche Heer abseits in Italien
vorrückte, während die Mongolen über Europa herfielen. Die Situation wurde
endgültig zur Farce, als Gregor IX beim Eintreffen des Kaisers in Rom bereits
verstorben war. Der ungelöste Konflikt zwischen Kaiser und Kurie verbreitete
einen Fatalismus, in dem die Anrufung göttlicher Hilfe als letzter Ausweg
erschien.
Als sich die Mongolen ohne militärische Not bald wirklich aus Mitteleuropa
zurückzogen, fühlten sich die Prediger durch den Lauf der Ereignisse
bestätigt. Tatsächlich war im Jahr 1241
Ögädei Khan gestorben. Wegen des Fehlens eines automatischen dynastischen
Prinzips musste Batu wie alle Stammesführer, die ihren Einfluss bei der Wahl
eines neuen Großkhans geltend machen wollten, nach Karakorum zurückkehren und
zog seine Truppen daher in die asiatischen Steppen zurück. Dass Mitteleuropa
einer längeren Besetzung durch die Mongolen entging, ist somit vor allem
historischen Zufällen zuzuschreiben.
Erste Vorstöße zu den
Mongolen:
Nach bekannt werden des vollen Ausmaßes der Zerstörung wurde an der römischen
Kurie die Notwendigkeit erkannt, durch neue außenpolitische Initiativen den
päpstlichen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der neugewählte
Innozenz IV bereitete daher auf dem Konzil von Lyon 1245
die Aussendung mehrerer diplomatischer Missionen nach Osten vor, deren
Hauptaufgabe in der Sammlung strategischen Aufklärungsmaterials anhand eines
vorbereiteten Fragenkatalogs bestand. Die bedeutendsten Missionen waren die des
Franziskaners Johannes von Pian del Carpine, der über Osteuropa das Heerlager
Batus erreichte und von dort aus als erster Europäer zum Hof des Großkhans in
Karakorum gelangte, und die des Dominikaners Ascelin, der über Persien reiste,
durch seine diplomatische Unfähigkeit innerhalb kürzester Zeit das gesamte
dortige Mongolenlager gegen sich aufbrachte und mit seinen Gefährten nur knapp
dem christlichen Märtyrertod entging. Trotz der von den jeweils
unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen beeinflussten Berichte leiteten
diese Missionen die rationale Auseinandersetzung und damit auch die
Entmythologisierung der Mongolen ein. Bei allen Unterschieden kamen die Berichte
doch auch zu den gleichen strategischen Schlussfolgerungen, nämlich dass die
Gefahr keineswegs gebannt und ein erneuter Angriff zu befürchten sei, ihr
Weltherrschaftsanspruch Verträge mit den Mongolen unmöglich mache, jedoch die
fortgesetzte Sammlung strategischer Informationen durch diplomatische Missionen
sicher erschien. So folgten eine Reihe weiterer Missionen, von denen die des in
französischem Auftrag reisenden Franziskaners Wilhelm von Rubruk das bis dato
differenzierteste Bild der Mongolen ergab und ihnen durch Bezug zu den Hunnen
und Ungarn erstmals auch die Einzigartigkeit absprach.
Alle diese Aufklärungsarbeit nützte nichts, als sich 1251
nach einem längeren Interregnum Möngke Khan, ein Enkel Tschingis Khans aus der
Linie dessen jüngsten Sohns, als Großkhan durchsetzte und mongolische Kolonnen
wieder in alle Himmelsrichtungen marschierten. Die Invasion des südchinesischen
Sung-Reichs wurde in Angriff genommen und die mongolische Herrschaft im Nahen
Osten durch die Zerschlagung des Assassinenordens und der Eroberung Syriens
sowie des Kalifats von Bagdad weiter ausgedehnt. In Osteuropa verbreitete dieser
zweite Mongolensturm ebenso wie der erste fünfzehn Jahre vorher wieder
apokalyptische Vorstellungen, über die russische Westgrenze kam dieser neue
Vorstoß jedoch nicht hinaus. Dies kann sich das Abendland jedoch nicht als
Verdienst anrechnen, da sich die bisherigen Erkenntnisse nach wie vor nicht in
entsprechenden Verteidigungsstrategien niedergeschlagen hatten. Vielmehr
gestatteten Partikularinteressen und das zunehmende Auseinanderdriften des
riesigen mongolischen Imperiums die Aufstellung einer ausreichend großen
Heeresmacht zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr.
Mit der Festigung der äußeren Grenzen öffnete sich das mongolische Reich, das
Europa ja erstmalig unter einem geeinten Herrschaftsgebiet mit dem Fernen Osten
verband, zunehmend auch für reisende Händler, deren Erlebnisberichte die der
christlichen Missionare ergänzten, da sie die fremden Länder aus einem ganz
anderen Blickwinkel betrachteten. Hierzu zählt vor allem die von 1271
bis 1295
währende Asienreise Marco Polos an den Hof Kubilai Khans, der als Nachfolger
seines Bruders Möngke die mongolische Yüan-Dynastie in China begründet und
die Hauptstadt von Karakorum nach Peking verlegt hatte. Mit Marco Polos
Reiseberichten erreichte die ethnographische Beschreibung fremder Völker wieder
ein Niveau, das es im Abendland seit der Antike, etwa in Gestalt der
Germanenbeschreibungen Cäsars, nicht mehr gegeben hatte. Einen echten Wandel
des Weltbildes bewirkte diese Auseinandersetzung mit den asiatischen
Zivilisationen zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht; auch auf Marco Polos
Weltkarten sind die Endzeitvölker Gog und Magog weiterhin verzeichnet, sie
werden nur nicht mehr mit den Mongolen identifiziert und sind stattdessen noch
weiter östlich angesiedelt. Und obwohl die Wundergeschichten eines John
Mandeville noch für lange Zeit mehr Leser fanden, wurden in dieser Zeit doch
wertvolle Erkenntnisse über fremde Länder gesammelt, auf die man später im
Zeitalter der Entdeckungen zurückgreifen konnte. Christoph Kolumbus´
Berechnung des westlichen Seewegs nach Indien beruhte sogar explizit auf den von
Marco Polo gegebenen Entfernungsangaben. Ironischerweise waren diese jedoch
nicht korrekt, sonst wäre Kolumbus vom Erfolg seines Unterfangens wohl weniger
überzeugt gewesen.
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