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| Die
Anfänge der Modernisierung in Japan |
Die japanische Entwicklung in Folge der
Konfrontation mit den westlichen Kolonialmächten stellt in mehrfacher Hinsicht
einen Sonderfall dar. Obwohl die Öffnung Japans unter militärischem Druck und
vergleichsweise spät stattfand, setzte sie sofort eine energisch
vorangetriebene Modernisierung in Gang, die das Land innerhalb weniger
Jahrzehnte zum gleichberechtigten Verhandlungspartner des Westens aufsteigen
ließ und das Abtreten von Konzessionsgebieten vermied. Rückblickend wird das
konstruktive Aufgreifen westlicher Technik und Kultur in Japan daher oft als
eine Option gesehen, die Nachbarländern wie China oder Korea ebenso offen stand
und ihnen bei rechtzeitiger Erkenntnis der sich daraus ergebenden Chancen eine
lange Phase der Kolonisierung und territorialen Konzessionen erspart hätte.
Hierbei wird die mögliche Bedeutung landesspezifischer Unterschiede in der
historischen Situation jedoch weitgehend ausgeblendet. Im folgenden sollen daher
die Faktoren analysiert werden, die für Japans Reaktion auf das Zusammentreffen
mit dem Westen entscheidend waren.
Vorgeschichte bis zur Abschließung
Japans:
Die Aneignung fremder Technik und Kultur nach der Öffnung Japans gegenüber
dem Westen im 19. Jahrhundert stellt keinen neuen historischen Präzedenzfall
dar, vielmehr waren ausländische Einflüsse bereits seit dem Neolithikum für
nahezu alle wichtigen zivilisatorischen Impulse verantwortlich gewesen:
Reisanbau, Staatswesen, Schrift, Buddhismus, Kunst und Architektur gehen direkt
auf chinesische Vorbilder zurück und entwickelten erst im Lauf der Zeit mehr
oder weniger ausgeprägte eigenständige Formen. Auch das politische System
orientierte sich zunächst am großen Nachbarn. Im Gegensatz zu den chinesischen
Herrschern gelang es den japanischen tennô (Himmelsprinz) aber nicht, eine
langfristige politische Hegemonie zu errichten. Der sich emanzipierende Adel
gewann zunehmend Einfluss auf den kaiserlichen Hof, während der
Kamakura-Periode (1185-1333) und der Muromachi-Periode (1336-1573) lag die
tatsächliche Macht schließlich auch offiziell in den Händen eines shôgun
(Großmarschall) aus den Reihen des Erbadels. Aus Gründen der Legalität und
seiner zentralen Bedeutung für die einheimische shintô-Religion wurde das
entmachtete Kaisertum jedoch als Institution formal beibehalten. Da es im
folgenden auch den shôgun nicht gelang, die erstarkenden daimyô (lokale
Fürsten) wirksam zu kontrollieren, mündete die Muromachi-Periode in eine
Epoche des Bürgerkriegs, die nacheinander von Oda Nobunaga (1534-1582),
Toyotomi Hideyoshi (1536-1598) und Tokugawa Ieyasu (1542-1616) entscheidend
geprägt wurde. Dem Geschick, dem Glück und der Skrupellosigkeit dieser drei
Männer, die nach und nach ihre Konkurrenten ausschalten und immer größere
daimyô-Verbände um sich versammeln konnten, verdankt Japan seine erneute
Einigung unter einer zentralen Gewalt.
Mitten in diese unruhige Epoche des Bürgerkriegs fiel Japans erster Kontakt mit
portugiesischen Seefahrern, die ihre Handelsrouten entlang der ostasiatischen
Küsten kontinuierlich ausbauten und 1543 erstmals an der südlich vorgelagerten
Insel Tanegashima landeten. Nur wenige Jahre später stießen Erkundungsschiffe
bis zum japanischen Mutterland vor. Obwohl sich in der Folgezeit auch
Handelsbeziehungen entwickelten, bildete die christliche Missionierung doch
eindeutig den Schwerpunkt der portugiesischen Aktivitäten in Japan. Begünstigt
vom Auseinanderbrechen der einheimischen politischen Strukturen gewann vor allem
der neu gegründete Jesuitenorden unter dem seit 1549 in Japan tätigen St.
Francis Xavier (1506-1552) eine große Anhängerschaft. Auf der anderen Seite
hatte der Kontakt mit dem Westen aber auch unmittelbare Auswirkungen auf den
Verlauf des Bürgerkriegs, da mit den portugiesischen Seefahrern europäische Schusswaffen
ins Land kamen, die von den streitenden Parteien auf Grund ihrer
überlegenen Feuerkraft begierig angenommen wurden. Beide Faktoren beunruhigten
die siegreichen militärischen Führer in erheblichem Maße, als sich der
Bürgerkrieg seinem Ende zuneigte, weil sie Widerstandszellen gegen die sich neu
formierende Zentralgewalt begünstigten. Die christliche Mission konnte darüber
hinaus als mögliche Vorhut eines umfassenderen europäischen Engagements in
Japan gesehen werden, so wie sie zuvor in Amerika Eroberung und Kolonisation
nach sich gezogen hatte. Dieser Zusammenhänge war sich Toyotomi Hideyoshi
durchaus bewusst, als er 1587 ein Verbot der Missionierung und im Folgejahr auch
die Konfiszierung aller Schusswaffen verfügte.
Die Ernennung von Tokugawa Ieyasu, der sich nach Hideyoshis Tod in der Schlacht
von Sekigahara 1600 gegen seine Rivalen durchsetzen kann, zum shôgun markiert
das Ende des Bürgerkriegs und den Beginn der Edo-Periode (1603-1867), die wie
die vorhergehenden Phasen der japanischen Geschichte nach dem Sitz der
jeweiligen Militärregierung benannt ist (Edo wurde 1868 zu Tôkyô). Nach der
offiziellen Anerkennung seines Machtanspruchs bestand Ieyasus Absicht darin, das
Land unter seine absolute Kontrolle zu bringen und die Herrschaft seiner
Familiendynastie auf diese Weise dauerhaft zu sichern. Mit der Präsenz einer
aggressiven und intoleranten fremdländischen Religion wie dem Christentum jener
Zeit wäre dieses Ziel nicht zu verwirklichen gewesen, so dass die schon früher
in Kraft getretenen Sanktionen nun verschärft und rigoros durchgesetzt wurden.
Der Ausweisung aller Missionare 1614 folgen bald Pogrome und staatliche
Zwangsmaßnahmen, die schließlich zur nahezu vollständigen Auslöschung des
Christentums in Japan führten. Den Schlusspunkt dieser Politik markierte die
vom dritten shôgun der Tokugawa-Dynastie, Iemitsu, verfügte Isolation Japans
im Jahr 1639. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt bildeten fortan chinesische
und niederländische Händler, die ihre Geschäfte unter strengen Auflagen und
ausschließlich über die eigens hierfür künstlich aufgeschüttete Insel
Deshima in der Bucht von Nagasaki durchführen durften. Letztere wurden
toleriert, weil sie als reformierte Calvinisten nicht mit den ausgewiesenen
katholischen Orden in Verbindung gebracht wurden und ihrerseits keine
Missionierungsabsichten zeigten.
Die Doktrin von der destabilisierenden Wirkung westlich-christlicher Einflüsse
prägte die japanische Außenpolitik während der gesamten Edo-Periode. Die
Isolation konnte über zwei Jahrhunderte lang funktionieren, weil Japan
geographisch nur an der Peripherie europäischer Interessen lag und sämtliche
Exportwaren (Rohseide, Tee, Kupfer, Lackwaren, Fischereiprodukte) auch in
anderen Ländern der Region, namentlich China, ohne den erbitterten Widerstand
der dortigen Regierungen zu erwerben waren. Erst als Russland und die USA am
Ende des 18. Jahrhunderts zu pazifischen Seemächten aufstiegen und Japan auf
Grund dieser geopolitischen Verschiebung eine neue strategische Bedeutung zukam,
änderte sich die Situation.
Gesellschaftliche Entwicklung
während der Edo-Periode:
Während die japanische Führungselite zur Sicherung der eigenen Machtposition
feindselige Vorstellungen des Fremden konservierte und das Land isolierte,
betrieb sie in Abgeschiedenheit von der Außenwelt den Aufbau jener
sozialrestaurativen Feudalgesellschaft, die sich am Ende der Edo-Periode erneut
mit amerikanischer und europäischer Intervention auseinandersetzen musste. Als
oberster Lehnsherr fungierte der shôgun, dessen Titel innerhalb des Hauptzweigs
der Tokugawa-Familie vererbt wurde. Die von der Verwandtschaft des shôgun
direkt regierten Ländereien umfassten strategisch bedeutsame und ertragreiche
Regionen im Zentrum der Hauptinsel Honshu, die insgesamt fast ein Viertel der
gesamten Reisernte Japans lieferten und die Vormachtstellung der Dynastie
sicherten. Wie schon in früheren Epochen wurde die Fiktion der kaiserlichen
Herrschaft aus Legalitätsgründen weiter beibehalten, die tatsächliche
Marginalisierung des Hofes in Kyôto drückt sich aber in nichts so deutlich aus
wie in der Errichtung eines neuen nationalen Regierungsapparats um die Burg des
shôgun im weit entfernten Edo. Um eine koordinierte Opposition gegen das Regime
zu verhindern, war anderen Fürsten der Besuch am kaiserlichen Hof untersagt.
Dies betraf insbesondere die lokal regierenden daimyô, deren Zahl 295 zu Beginn
des 17. Jahrhunderts und 276 am Ende der Edo-Periode betrug. Obwohl als direkte
Lehnsempfänger per Eid an den shôgun gebunden, wurden zusätzlich umfangreiche
Maßnahmen zu ihrer politischen und wirtschaftlichen Kontrolle implementiert.
Hierzu zählten insbesondere eine persönliche Residenzpflicht in Edo in jedem
zweiten Jahr und eine Entsendung engster Familienangehöriger zu anderen Zeiten
sowie die Heranziehung zu militärischen und administrativen Dienstleistungen
und Infrastrukturprojekten. Als Lehnsherr besaß der shôgun das Recht,
Ländereien zu entziehen oder neu zuzuteilen, familiäre Verbindungen zwischen
daimyô-Clans bedurften seiner ausdrücklichen Genehmigung. Trotz dieser
Maßnahmen und einer strategisch-politischen Klassifizierung nach Grad ihrer
Verbundenheit mit der Tokugawa-Dynastie, die den Zugang zu politischer Macht am
Hof des shôgun regelte, blieben die daimyô auf Grund ihrer militärischen
Hausmacht stets der größte potentielle Risikofaktor für das Regime.
Die Gesellschaft der Edo-Periode zeichnet sich durch eine strikte Gliederung in
samurai, Bauern, Handwerker und Händler aus, die jeweils strengen Verhaltens-
und Beschäftigungsauflagen unterworfen waren. Ausgestoßene und Unreine standen
noch außerhalb dieser Klassifizierung, die sich an der wirtschaftlichen
Bedeutung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen innerhalb des Agrarsystems
orientierte. Die samurai bildeten als Kriegerstand und Vasallen der daimyô das
Rückgrat des Feudalstaats, als Bildungselite besetzten sie gleichzeitig
wichtige Führungsposten in der Verwaltung. Landesweit zählte gegen Ende der
Edo-Periode jeder achtzehnte Japaner zum Kriegerstand, wobei das Verhältnis
regional stark variierte. Im Lauf der Zeit geriet das sozialrestaurative
Feudalsystem jedoch in immer größeren Gegensatz zu der sich ausbreitenden
markt- und profitorientierten Geldwirtschaft. Steigende Ausgaben für
Repräsentations- und Militärpflichten sowie Misswirtschaft sorgten bald für
ein chronisches Defizit in den Kassen aller Ebenen der Feudalhierarchie, obwohl
sich die landwirtschaftliche Produktion bei einer gleichbleibenden
Bevölkerungszahl von etwa 26 Millionen stetig erhöhte. Wenngleich einige
Bauern von dieser Entwicklung auch profitierten und selbst zu wohlhabenden
Grundbesitzern aufstiegen, nahmen Landflucht und Unruhen wegen wachsender
Abgabenlasten zu. Diese Proteste blieben jedoch sporadisch und unkoordiniert,
somit auch nicht systemgefährdend. Ein großes Problem stellte hingegen die
Verarmung der gebildeten und zum Teil politisch ambitionierten samurai dar, die
finanziell von ihren daimyô abhingen.
Die vom Tokugawa-Regime unterstützte konfuzianische Schule, die sich auf den
chinesischen Gelehrten Chu Hsi (1130-1200) der Sung-Dynastie berief, entwickelte
sich im Lauf der Edo-Periode zur offiziellen Staatsphilosophie. Neben das
zentrale Vater-Sohn-Verhältnis trat in der japanischen Interpretation jedoch
mindestens gleichberechtigt die Beziehung zwischen Regierenden und Regierten,
die von den gleichen Idealen wie Fürsorgepflicht und Loyalität geprägt sein
sollte. Hierdurch wurde nicht nur die existierende politische und
gesellschaftliche Hierarchie gestärkt, sondern auch eine Zurückstellung von
Individual- gegenüber Gruppeninteressen eingefordert - ein Leitmotiv, das sich
ebenso im Buddhismus wie auch im Kodex der samurai, dem bushidô, findet und das
die Edo-Periode weit überlebte. Trotz eines Verbots aller heterodoxen
Philosophien von 1790 fanden alternative Denkschulen angesichts der wachsenden
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme jedoch immer größeren
Anklang. Obwohl diese selten als homogene Gruppen auftraten, lassen sich doch
vier Hauptströmungen ausmachen, die alle auf verschiedene Weise die Isolation
Japans unterminierten: Die niederländische Schule (rangaku), die pragmatischen
Kritiker der herrschenden Ordnung, die dem Konfuzianismus nahe stehenden
Nationalisten der Mito-Schule und die ultrareaktionäre Nationale Schule.
Die niederländischen Schule, die von der teilweisen Aufhebung des Importverbots
ausländischer Bücher im Jahr 1720 erheblich profitierte, hatte sich der
Verbreitung westlichen Wissens in Japan verschrieben. Als solche unpolitisch,
stand sie einer weitergehenden Öffnung des Landes jedoch positiv gegenüber und
erzwang durch ihre praktischen Erfolge eine anhaltende Auseinandersetzung mit
diesem Thema. Disziplinen wie Astronomie, Landvermessung oder Kartographie
genossen die offizielle Unterstützung staatlicher Stellen. Die größte
Umwälzung fand jedoch in der Medizin statt, wobei der Aufenthalt des deutschen
Philipp Franz von Siebold (1796-1866) als Faktoreiarzt der niederländischen
Handelsniederlassung auf Deshima von 1823 bis
1828 und die Eröffnung seiner
Praxis in Nagasaki in besonderer Weise zur Propagation westlicher medizinischer
Kenntnisse beitrugen.
Vordenker und pragmatische Kritiker der
herrschenden Ordnung befassten sich neben westlicher Wissenschaft auch mit
zentralen politischen Themen wie Japans Verhältnis zum Ausland und Fragen der
nationalen Verteidigung. Als Katalysator fungierten die beunruhigende Zunahme
ausländischer Schiffssichtungen vor der japanischen Küste seit dem späten 18.
Jahrhundert und insbesondere die chinesische Niederlage gegen die westlichen
Kolonialmächte im Opiumkrieg 1839-1842. Verteidigungsfähigkeit erforderte nach
Ansicht dieser Gruppe die zielgerichtete Sanierung der Wirtschaft und Stärkung
der Nation (fukoku kyôhei), die sich nur durch eine starke Zentralregierung und
die Aneignung moderner westlicher Militärtechnik erreichen lasse.
Die Anhänger der Mito-Schule, benannt nach ihrer Hochburg in der Region Mito,
ebenso wie der Nationalen Schule sahen die Lösung der aktuellen Probleme
dagegen in einer Rückbesinnung auf nationale Stärken und Traditionen. In
beiden Gruppen fand die Verbindung des Kampfes gegen die ausländischen Barbaren
mit der Verehrung des Kaiserhauses als Symbol Japans (sonnô jôi) immer mehr
Anklang. Während die Nationalisten der Mito-Schule jedoch konfuzianisch
ausgerichtet waren und vordringlich westliche Ideen bekämpften, forderte die
ultrareaktionäre Nationale Schule eine kompromißlose Ausrottung aller
ursprünglich ausländischen Einflüsse einschließlich Konfuzianismus und
Buddhismus. Zentrales Thema ihrer im shintô verwurzelten, ethnozentrischen und
häufig offen xenophobischen Philosophie war die göttliche Schöpfung und
Auserwähltheit Japans, das dazu bestimmt sei, die Welt zu beherrschen. Eigene
Expansion und Kolonisation über die Landesgrenzen hinaus wurden folglich als
natürliche Mission betrachtet.
Die Öffnung Japans:
Die Kolonisation Sibiriens und der Westküste der USA im 18. Jahrhundert
veränderte die strategische Lage Japans grundlegend. Die russische und
amerikanische, aber auch die englische Marine verstärkte ihre Aktivitäten im
Nordpazifik, und vermehrt näherten sich nun Schiffe japanischen Häfen in der
Absicht, Handelsbeziehungen einzuleiten. Die Regierung reagierte 1825 mit dem
Befehl, alle ausländischen Schiffe gewaltsam aus japanischen Küstengewässern
zu vertreiben, hob diesen aber 1842 angesichts der chinesischen Niederlage im
Opiumkrieg teilweise wieder auf, um keine militärische Intervention der
Kolonialmächte zu provozieren. Grundsätzlich blieb die Isolationspolitik
jedoch weiterhin in Kraft und änderte sich auch nicht, als der niederländische
König Wilhelm II dem shôgun zwei Jahre später in einem Brief die
weltpolitische Lage erläuterte und ihm eine Öffnung der Grenzen nahe legte. Um
den anhaltenden japanischen Widerstand zu brechen, entsandten die USA
schließlich einen Flottenverband unter Commodore Matthew Calbraith Perry, der
am 8.7.1853 in der Bucht von Edo einlief und unter Androhung militärischer
Strafmaßnahmen ein entsprechendes Ultimatum überbrachte.
Dieses Ultimatum stürzte Japans Regierung, die die Außenwelt Jahrhunderte lang
ignoriert hatte, in ihre bisher größte Krise und spaltete die Berater des
shôgun. Der Versuch, unter Einbeziehung der Fürsten und des Kaiserhauses einen
nationalen Konsens hinsichtlich des weiteren Vorgehens zu bilden, scheiterte an
mehrheitlich unrealistischen Positionen. Während zahlreiche Pragmatiker für
ein Spiel auf Zeit und eine möglichst behutsame Öffnung plädierten, forderten
einflussreiche daimyô wie Tokugawa Nariaki (1800-1860), der Fürst von Mito und
Sponsor der dortigen nationalistischen Denkschule, die Fortsetzung der Isolation
unter Inkaufnahme einer militärischen Auseinandersetzung. Da die Aufwertung der
daimyô am Ende nicht mit einer einheitlichen Strategie einher ging, schwächte
sie den shôgun nur politisch. Als noch verhängnisvoller erwies sich, dass der
unter den Einfluss nationalistischer Berater gekommene Kaiser Kômei (1831-1866)
zum Fokus der Opposition aufstieg. Das Dilemma der Regierung zwischen
mehrheitlich befürworteter Isolation und Realpolitik verschärfte sich, als
Perrys Rückkehr mit einer nochmals verstärkten Flotte sie im Frühjahr 1854
zwang, den von den USA vorgelegten Vertragsentwurf ohne Konsens mit den Fürsten
zu unterzeichnen. Kernpunkte waren die Öffnung der Häfen Hakodate und Shimoda
zur Versorgung amerikanischer Schiffe mit Kohle und Proviant, die wohlwollende
Behandlung gestrandeter Seeleute, die Zusicherung von Exterritorialitätsrechten
für Ausländer und die Residenz eines amerikanischen Konsuls in Shimoda. Schon
bald folgten ähnliche Verträge mit England, Frankreich, Russland und den
Niederlanden sowie 1858 ein Handelsvertrag mit den USA, der gleichzeitig die
Öffnung weiterer Häfen und Zollbestimmungen regelte.
Im Streit um die Nachfolge von shôgun Iesada (1824-1858) trat die
innenpolitische Spannung offen zutage. Ii Naosuke (1815-1860) verhinderte als
Führer der pragmatischen Fraktion zwar die Ernennung von Nariakis Sohn
Yoshinobu (1837-1913) und ebnete den Weg für den jungen Iemochi (1850-1866),
einen Cousin des Verstorbenen, fiel dafür aber bald einem politischen Attentat
zum Opfer. Der nach dieser ersten Eskalation begonnene Versuch einer Annäherung
von Thron und Militär (kôbu gattai), durch die Heirat Iemochis mit einer
kaiserlichen Prinzessin symbolisch besiegelt, musste jedoch scheitern, da sich
die erpresste Zusage der Regierung, die vertraglich bereits zugesicherte
Öffnung Japans wieder aufzuheben, nicht realisieren ließ. Die Enttäuschung
der Anhänger von sonnô jôi führte so zu einer Extremisierung, in der
nationalistische Gruppen nicht mehr nur mit politischen, sondern auch mit
gewaltsamen Mitteln gegen die Regierung vorgingen.
Zu den radikalisierten Anhängern von sonnô jôi, den shishi, die mit
terroristischen Taktiken sowohl gegen Funktionäre der Regierung als auch gegen
Ausländer von sich reden machten, zählten vorwiegend niederrangige, junge
samurai aus Randgebieten Japans, insbesondere Satsuma und Chôshû im Süden,
die sich durch hervorragenden Schwertkampf, Betonung des bushidô, Intoleranz
und hohe Gewaltbereitschaft auszeichneten. Obwohl sie selbst in ihren
Heimatregionen eine Minderheit darstellten, übten sie auf Grund ihres
rücksichtslosen Vorgehens großen Einfluss auf die lokale Politik aus und
konnten oft unbehelligt eigene Machtzentren aufbauen. Der offene Kampf gegen die
Fremden durch Überfälle und den Beschuss passierender Schiffe vom Land aus war
jedoch zum Scheitern verurteilt, weil ihnen Strafexpeditionen der westlichen
Mächte dank überlegener Feuerkraft unverhältnismäßig hohe Verluste
zufügten und sie damit auch in ihrem innenpolitischen Kampf gegen die Regierung
entscheidend zu schwächen drohten. Weitsichtigere politische Führer der shishi,
die die Überlegenheit westlicher Technik nunmehr am eigenen Leib erfahren
hatten, schwenkten nach dieser Feuertaufe auf einen neuen Kurs ein und rüsteten
gezielt auf, gerade auch durch Aufkauf moderner westlicher Waffen. Die Mittel
hierfür stammten im Fall Chôshûs aus einem über mehrere Jahre für Notfälle
angesparten Reservefonds und im Fall Satsumas aus der finanziellen Ausbeutung
des Monopols für Zuckerrohr von den südlich vorgelagerten Inseln.
Pläne der Regierung, der anhaltenden Krise mit einer stärkeren
Machtkonzentration zu Ungunsten der daimyô zu begegnen, führten zur Einigung
der oft unkoordinierten und von Eigeninteressen getragenen Opposition, die das
politische Vakuum nach Iemochis Tod zum entscheiden Schlag nutzte. Um einen
drohenden, desaströsen Bürgerkrieg abzuwenden, der die westlichen Mächte auf
den Plan gerufen und die Unabhängigkeit Japans gefährdet hätte, gab der
nunmehr unumstrittene Yoshinobu im November 1867 als letzter shôgun seine
Machtbefugnisse offiziell an den jungen Kaiser Meiji zurück und besiegelte
damit das Ende der Edo-Periode. Trotzdem kam es im Folgejahr durch gezielte
Provokation noch zum militärischen Showdown, weil die siegreichen daimyô eine
starke Rolle des nach wie vor einflussreichen Tokugawa-Clans in der neuen
Ordnung nicht hinzunehmen bereit waren. Seiner politischen Macht beraubt und von
Verbündeten weitgehend allein gelassen, unterlag Yoshinobu in der Schlacht von
Toba-Fushimi wie von seinen Gegnern erwartet.
Das neue Vordringen der westlichen Kolonialmächte und die erzwungene Öffnung
Japans hatten so zu einer Polarisierung des innenpolitischen Konflikts geführt,
die der lange von politischer Macht am Hof des shôgun ausgeschlossenen
daimyô-Fraktion immer mehr Zulauf bescherte und sie so in ihrer
fundamentalistischen Opposition bestärkte. Gleichzeitig erfuhr sie als erste am
eigenen Leib die Überlegenheit der westlichen Kriegstechnik und zog daraus
entsprechende Konsequenzen, indem sie mit Hilfe europäischer Waffenhändler
eine massive Aufrüstung forcierte, die ihr im innenpolitischen Konflikt
schließlich entscheidende Vorteile verschaffte. Ihr hoher Durchsetzungswille,
der auch vor extremer Gewaltanwendung nicht zurückschreckte, und die
Fanatisierung vieler shishi taten ein Übriges. Das Ausbleiben westlicher
Interventionen trotz zahlreicher Provokationen seitens der shishi verdankt Japan
nicht zuletzt der Geduld der Kolonialmächte, die auch bereit waren,
Verzögerungen bei der Umsetzung vertraglicher Zugeständnisse hinzunehmen. Das
geringe wirtschaftliche Interesse am Handel mit Japan, in direktem Kontrast zu
China, war hierfür wohl der ausschlaggebende Faktor. Die USA, die von Anfang an
eine Vorreiterrolle bei der Öffnung Japans spielten, waren in erster Linie an
der Versorgung ihrer Kriegs-, Handels- und Walfangflotten in japanischen Häfen
interessiert und neigten für die Durchsetzung dieses Ziels nur begrenzter
militärischer Eskalation zu.
Meiji-Restauration und
Modernisierung:
Obwohl die Restauration den jungen Kaiser Meiji formal als direkten Herrscher
einsetzte, wurde die politische Richtung nach 1867 tatsächlich von einer
relativ kleinen und homogenen Koalition aus Hofadligen und Vertretern der
siegreichen Provinzen, namentlich Chôshû und Satsuma, bestimmt. Obwohl diese
Gruppe, zuerst aus ideologischer Überzeugung und später, als sie bereits
selbst mit ausländischen Waffenhändlern und Beratern kooperierte, vornehmlich
opportunistisch, mit ihrem Eintreten gegen die Öffnung Japans polarisierte,
bewies sie nach ihrem Sieg einen pragmatischen Realitätssinn und leitete eine
rasche Modernisierung Japans nach westlichem Vorbild ein. Diese Kehrtwende war
möglich, weil es nach der Schlacht von Toba-Fushimi keine nennenswerte
rivalisierende Gruppierung mehr gab, die durch Ausnutzung dieser
augenscheinlichen Widersprüche eine Gegenfront von Unzufriedenen hätte bilden
können. Ausschlaggebend hierfür wiederum war die, im Vergleich zu China,
geringe Größe Japans. Natürlich zeigten sich viele radikalisierte shishi
enttäuscht über diese Entwicklung, aber trotz anhaltender Protestaktionen
stellten sie ohne wirksame Lenkung durch eine politische Führung keine
existentielle Gefährdung für den neuen politischen Kurs dar. Für die neuen
Machthaber dienten Modernisierung und Industrialisierung allerdings vor allem
Absichten, in denen sie durchaus Kontinuität bewies: Die Sanierung der
Wirtschaft und Stärkung der Nation (fukoku kyôhei) sowie das Streben nach
einer weltpolitischen Rolle, die ihrer Idee von der göttlichen Auserwähltheit
Japans Rechnung trug. Vor allem dieser zweite Punkt stand in direkter Tradition
der Nationalen Schule. Zum wichtigsten symbolischen Ziel avancierte die Revision
der ungleichen Verträge mit den westlichen Kolonialmächten, die Japans
untergeordneten Rang dokumentierten. Paradoxerweise erwies sich also gerade der
gegen den Westen gerichtete Nationalismus als entscheidende Triebfeder für die
Modernisierung.
Die ersten Maßnahmen der Regierung zielten sich vor allem auf eine Förderung
des Wirtschaftswachstums ab und beinhalteten die Abschaffung des
gesellschaftlichen Vierklassensystems mit seinen strengen
Berufseinschränkungen, die Auflösung der früheren Feudalterritorien mit
finanzieller Entschädigung der daimyô und staatliche Infrastrukturprojekte.
Schon 1869 ging die erste Telegraphenleitung zwischen Tôkyô und Yokohama in
Betrieb, drei Jahre später verkehrte die erste Eisenbahn zwischen den beiden
Städten und ein landesweites Postsystem entstand. Als Wissensvermittler
fungierten sowohl japanische Studenten, die mit Stipendien ins Ausland entsandt
wurden oder aus eigener Initiative diesen Weg beschritten (1873 insgesamt 373),
als auch von staatlichen oder privaten Unternehmen verpflichtete ausländische
Berater, deren Zahl im Spitzenjahr 1874 insgesamt 524 betrug. Selbst
Regierungsangehörige bereisten Amerika und Europa, um sich aus erster Hand
über die verschiedenen Staats- und Wirtschaftsformen zu informieren und die
erfolgreichsten Modelle anschließend zur Übernahme in Japan zu empfehlen. Als
deutlich wurde, dass die westlichen Länder trotz Anerkennung der japanischen
Modernisierungsanstrengungen nicht bereit waren, ohne garantierte
Rechtssicherheit auf die Exterritorialität ihrer Staatsangehörigen zu
verzichten, erweiterte die Regierung ihr Reformprogramm auf das Justizsystem. Am
Ende dieser Entwicklung stand 1889 eine Verfassung nach preußisch-deutschem
Vorbild, die Japan als konstitutionelle Monarchie definierte. Ein Durchbruch in
Pilotverhandlungen mit England ermöglichte schließlich die lange ersehnte
Revision der Verträge: 1899 gewann Japan die Souveränität der Jurisdiktion
über ausländische Staatsbürger und zehn Jahre später seine Zollautonomie
zurück, zu einer Zeit, als das Land durch militärische Operationen in Korea
und China faktisch schon längst selbst in den Kreis der Kolonialmächte
aufgestiegen war.
Quellen:
1. Mikiso Hane, Modern Japan (Westview Press, Boulder, 1986).
2. John H. Gubbins, The Making of Modern Japan (New World Book Manufacturing,
Hallandale, 1922; Nachdruck: Books for Libraries, Freeport, New York,
1971).
3. W. G. Beasley, The Modern History of Japan (Weidenfels and Nicolson, London, 1963).
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