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| Griechen
und Karthager auf Sizilien vor dem ersten Punischen Krieg |
Einleitung:
Die nachfolgende Darstellung befasst sich mit fast 300 Jahren sizilianischer
Geschichte und somit mit den dort beheimateten Völkern, bei denen die Karthager
und Griechen eine herausragende Rolle spielten. Während dieser langen Zeit bis
zum Ausbruch des 1. Punischen Krieges veränderten sich die politischen
Verhältnisse auf der Insel kaum.
Doch gerade dieser Umstand führt zu der Frage, welche Bedingungen und
Mechanismen dort gewirkt hatten und eine Stabilität über diesen Zeitraum
gewährleisteten. Dabei sind besonders die politischen Aktionen der Karthager
auf der einen, sowie der griechischen Stadtstaaten auf der anderen Seite von
Interesse. Es liegt nahe, dass in der jeweiligen innenpolitischen Struktur der
Kontrahenten eine Begründung zu finden ist.
Eine besondere Bedeutung kommt dabei den über 20 karthagisch- griechischen
Kriegen bei, die sich nach festen Schemata zyklisch zu wiederholen scheinen. Am
Beispiel der Herrschaft des Agathokles soll dabei exemplarisch ein solcher
Konfliktverlauf untersucht werden.
1. Anfänge
griechischer und phönikischer Besiedlung auf Sizilien:
Schon vor der Gründung der ersten phönikischen oder griechischen Kolonien war
die Mittelmeerinsel bevölkert. Die ursprüngliche Bevölkerung lässt sich in
folgende drei Gruppen einteilen. Die Sikaner, als ältestes Volk, waren in
historischer Zeit in Mittel- und Westsizilien ansässig. Dorthin verdrängt
wurden diese von den Sikelern, die nach ihrer Einwanderung aus Italien im 11.
Jahrhundert v. Chr. fortan das nördliche; östliche und Teile des mittleren
Siziliens besiedelten. Die Ansiedlungen des Volkes der Elymer, deren Vorfahren
den Griechen bei der Zerstörung Trojas entkamen, befanden sich im Nordwesten
der Insel.
Die ersten Gründungen von Kolonien durch ein Kulturvolk fand durch die
Phönikier statt. Diese hatten aufgrund ihres Seehandels großen Einfluss im
Mittelmeer gewonnen und erkannten in der Insel einen idealen Handelsstandort
aufgrund der vorzüglichen Häfen. Zwischen dem elften und achten Jahrhundert
kam es wahrscheinlich durch die phönikischen Mutterstädte Tyrus und Sidon zur
Gründung von Stützpunkten. Bald darauf entstanden weitere Städte wie Motye,
Solus und Panormos im Nordwesten der Insel auf Initiative phönikischer
Pflanzstädte in Nordafrika.
Da die sizilische Ostküste ein Teil der Gegenküste Griechenlands darstellt,
wurde sie bald ein wichtiger Teil der griechischen Siedlungsbestrebungen. Die
Griechische Geschichte der Insel beginnt mit der Gründung der Stadt Naxos durch
die Mutterstadt Chalkis im Jahre 735 v. Chr. Doch schon ein Jahr später
entstand die Stadt Syrakus als Kolonie Korinths. Sie übernahm bald eine
Führungsrolle bei den griechischen Stadtstaaten. Im Laufe des nächsten
Jahrhunderts erfolgten weitere Gründungen wie Gela, Himera (648 v. Chr.),
Selinus (628 v. Chr.) und Akragas (599 v. Chr.). Damit beherrschten die Griechen
nun die Küstengebiete des Ostteiles der Insel von denen sie die Phönikier
verdrängt hatten.
Zur damaligen Zeit gab es neben den Griechen nur die Phönikier, die eine
ähnliche hohe Kulturstufe erreicht hatten. Auch von ihnen wurden Pflanzstädte
an den Küsten des Mittelmeeres gegründet. Weder Phönikier noch Griechen
stießen bei ihrer Kolonisation Siziliens auf ernsten Widerstand der
einheimischen Völker. Diese gerieten entweder in Abhängigkeit oder zogen sich
in das innere des Landes zurück, wo sie ein großes Gebiet behaupteten und sich
fortwährend im Kleinkrieg mit den Kolonialmächten befanden. Während die Ost-
und Südküste nun griechisch war, beherrschten die Phönikier den West- und
Nordwesten. Nachdem 580 v. Chr. der Versuch einer griechischen Ansiedlung auf
phönikischem Gebiet bei Lilybaion aufgrund militärischen Widerstandes
gescheitert war, gab es im größten Teil des sechsten Jahrhunderts kaum
Konflikte zwischen diesen beiden Völkern.
2. Grundzüge des
griechischen Staatswesens auf Sizilien:
Das griechische Gebiet der Insel stellte ein geschlossenes Herrschaftsgebiet
dar. Die einzelnen Städte hatten sich nach ihrer Gründung ihre
Selbständigkeit bewahrt und befanden sich miteinander in mehr oder weniger
ernsten Bündnissen oder Rivalitäten. Zu diesem System zählten auch die
Sikeler, welche sich rasch der griechischen Kultur angepasst hatten. Zu den
phönikischen Städten im Westen Siziliens stand man in meist freundschaftlichen
Handelsbeziehungen.
Zur Zeit der Gründung der griechischen Kolonien war das Königtum schon nicht
mehr vorherrschende Staatsform. In den traditionellen griechischen Stadtstaaten,
den Polis hatte sich eine politische Tendenz zur Oligarchie entwickelt. Man
konnte nur durch Geburt oder spezielle Aufnahme Bürger werden. Der bloße
Aufenthalt in der Polis gewährte keinerlei Rechte, denn eine kleine Gruppe von
Bürgern behauptete trotz großer Zuwanderungen sämtlichen politischen Einfluss.
Innerhalb dieser Gruppe jedoch zeigten sich oft größere Rivalitäten, die sich
bis zum Bürgerkrieg ausweiten konnten, jedoch auch oft demokratische Tendenzen.
Im Gegensatz dazu standen die häufigen Versuche Einzelner, sich zum Tyrannen zu
erheben. Dieser Begriff bezeichnet einen Gewaltherrscher, der sich seine Macht
auf ungesetzliche Weise aneignet und seine Willkür an die Stelle des Gesetzes
setzt. Dies konnte auf verschiedene Arten geschehen. Vielfach geschah es durch
den Missbrauch von hohen Staatsämtern oder des militärischen Oberbefehls. Es
kam aber auch vor, dass der Führer einer antioligarchischen Volkspartei mit
seiner Leibwache einen Staatsstreich durchführte. Nach der Machtergreifung
installierten die Tyrannen ein autoritäres Regime, um ihre Macht gegen das Volk
zu behaupten und die gegnerischen Oligarchen zu vertreiben. Doch mit den
Tyrannen entstand auch eine neue politische Konzeption für Sizilien. Sie
erkannten die politische und wirtschaftliche Bedeutung eines möglichst weit
ausgedehnten Territoriums. Die Idee der griechischen Polis war damit durch die
Idee des Flächenstaates abgelöst. Der Versuch der praktischen Umsetzung
führte zu mehreren vergeblichen Versuchen, sowohl die griechischen Städte
Siziliens zu einen, als auch die Karthager von der Insel zu vertreiben. ln den
griechischen Städten auf Sizilien wechselten sich die Tyrannen häufig mit
demokratischen Regierungsformen ab. Die politischen und sozialen
Auseinandersetzungen innerhalb der Städte waren immer verflochten in die
Kämpfe mit Nachbarstädten. Bündnisse wurden nach dem Prinzip des
Gewinnstrebens ebenso schnell geschlossen wie gebrochen. Es kam sogar mehrfach
zu Verbindungen mit phönikischen Städten.
3. Grundzüge des
karthagischen Staatswesens auf Sizilien:
Die Stadt Karthago wurde 825 - 820 v. Chr. als Handelskolonie von Tyrus in
Nordafrika gegründet. Die von der Mutterstadt unabhängige Kolonie erblühte
rasch, und es erfolgte ab dem 7. Jh v. Chr. eine zunehmende Expansion. Diese
Politik war fast ausschließlich auf den Handel ausgerichtet. Die militärischen
Aktivitäten richteten sich darauf, die bestehenden Handelsrouten abzusichern.
Die Stadt besaß außer einer Bürgermiliz kein stehendes Heer. Für bestimmte
Militäraktionen wurden große Mengen Söldner im afrikanischen Hinterland und
in Spanien angeworben. Nur die große Kriegsflotte, welche die unumschränkte
Seehoheit gewährleistete, wurde mit karthagischen Besatzungen stets
bereitgehalten, um den Ausbildungsstandard zu erhalten. Viele Handelskontore
wurden an den Küsten Nordafrikas, Spaniens, Sardiniens und Siziliens
eingerichtet. Ein Versuch zur Eroberung des jeweiligen Hinterlandes fand aber
nicht statt.
Die erste direkte Intervention und damit der Beginn der karthagischen
Sizilienpolitik fand mit dem Feldzug des Malchus 559 - 529 v. Chr. statt.
Aufgrund der schwierigen Quellenlage lassen sich keine weiteren Details über
diese Aktion bestimmen, aber man kann davon ausgehen, dass die phönikischen
Städte auf Sizilien danach erstmals auch in politische und militärische
Abhängigkeit von Karthago gerieten. Nach dem Ende des ersten Feldzuges des
Hannibal 409 v. Chr., wird erstmals der Begriff Epikratie für das karthagische
Gebiet erwähnt. Er ist deutlich als Herrschaftsbereich zu verstehen und
markiert den Beginn der Errichtung einer endgültigen karthagischen Herrschaft
in Westsizilien. Die Epikratie bestand nicht nur aus punischen, sondern auch aus
elymerischen, sikanischen und zeitweise sogar aus griechischen Städten. Diese
waren fest in das Handelsnetz Karthagos einbezogen, genossen seinen Schutz und
trugen deshalb meist eine Besatzung. Diese Position in Westsizillen spielte für
die Karthager bei der Sicherung des westlichen Mittelmeeres eine bedeutende
Rolle. Da die punische Politik sehr kommerziell orientiert war, behielten die
phönikischen Städte weitgehend ihr innenpolitisches Eigenleben und ihre
Verpflichtungen bezogen sich lediglich auf die Heeresfolge und die Zahlung des
"Zehnten". Im Konflikt mit den griechischen Städten der Insel
kristallisierte sich bald eine defensive Politik heraus, welche nur auf die
Sicherung der Epikratie ausgerichtet war. Zu diesem Zweck bediente man sich
eines weiten Instrumentariums, das von der Unterstützung von bestimmten
Exilanten bis zu gezielten Präventivkriegen reichte. Der ständige Versuch, ein
Gleichgewicht im Ostteil der Insel zwischen den permanent unruhigen griechischen
Städten zu schaffen, war prägend für die karthagische Politik.
4. Der erste
karthagisch - griechische Konflikt:
Der erste direkte griechisch-karthagische Krieg ergab sich 480 v. Chr., als der
punische General Hamilkar mit einem großen Söldnerheer in Panormos auf
Sizilien landete. Dem lag zugrunde, dass der Tyrann Theron von Akragas 483/82
die Stadt Himera annektiert und so erstmals einen inseldurchziehenden
Flächenstaat erschaffen hatte. Für Karthago, das an einer Stärkung seiner
kommerziellen und politischen Situation in Westsizilien gelegen war, war die
Stadt ein wichtiger Partner zur Sicherung des politischen Gleichgewichtes auf
Sizilien gewesen. Als Theron nach der Annexion Himeras ein Bündnis mit dem
syrakusanischen Tyrannen Gelon schloss, schien die Existenz solch einer
mächtigen Koalition das karthagische Gebiet direkt zu bedrohen. Als Anlaß zu
der folgenden Intervention wurde der Hilferuf des aus Himera vertriebenen
Terillos genommen. Unter der Führung von Gelon schlugen die griechischen Heere
mittels einer List die Karthager bei Himera und verbrannten deren Flotte.
Hamilkar selbst fand dabei den Tod. In einem Friedensvertrag wurden die
Karthager zur Zahlung von großen Reparationen verpflichtet, aber der Bestand
ihres Gebietes wurde nicht angetastet. Es folgte ein 70 jähriger Frieden, der
vor allem den Karthagern Gelegenheit zur Konsolidierung gab.
Schon in diesem ersten genau überlieferten karthagisch- griechischen Konflikt
sind die Interessen der Kontrahenten zu erkennen, sowie ein Konfliktverlauf,
welcher in der folgenden Zeit zu einem festen Muster der Beziehungen der zwei
Völker wurde.
5. Die Entwicklung des
sizilianischen Konfliktes bis zu Agathokles:
Der Angriff der Stadt Selinus auf die Elymer Segastas leitete das Ende der
langen punisch-griechischen Friedensperiode ein, denn um sich vor der
bevorstehenden Niederlage zu retten, hatten sich die Segastaner den Karthagern
unterstellt und so deren Eingreifen erwirkt. Selinus wurde vernichtet ebenso wie
Himera aus Rache an der dortigen Niederlage der Karthager 480 v. Chr. Zwar gab
es eine Beistandsverpflichtung der Syrakusaner an die Seliner, es kam jedoch zu
keinem größeren syrakusanisch- punischen Konflikt, weil beide Seiten sich um
eine friedliche Beilegung bemühten Trotzdem geriet Syrakus auf einen
zunehmenden Konfrontationskurs, der in der Guerillatätigkeit des Hermokrates um
408/7 v. Chr. gegen die Karthager seinen Ursprung hatte. Hermokrates propagierte
erstmals den gemeinsamen Kampf aller Griechen gegen den Erzfeind Karthago. Die
Punier reagierten darauf mit einer weiteren militärischen Intervention 406-405
v. Chr.. Der sich anschließende Friedensvertrag fiel zugunsten der Karthager
aus. Diese konnten ihr eigenes Einflußgebiet erweitern, aber bestätigten auch
namentlich den syrakusanischen Tyrannen Dionysios I., um die dortige
innenpolitische Lage zu festigen und somit einen stabilen Frieden in ganz
Sizilien zu erreichen. Doch die mit dem Friedensvertrag verbundenen Hoffnungen
bestätigten sich nicht, denn 397 v. Chr. erklärte Dionysios I. nach
vorangegangener immensen Aufrüstung Karthago den Krieg mit dem Ziel, alle
griechischen Städte zu befreien. Der Krieg endete ohne größere Veränderungen
und wurde 392 v. Chr. von dem Karthager Mago wieder für kurze Zeit aufgenommen.
383 v. Chr. provozierte Dionysios den nächsten Krieg durch den Abschluß von
Bündnissen mit Städten der karthagischen Epikratie, dessen politisches Ziel
nun die vollständige Vertreibung der Punier von der Insel und die Beseitigung
der Epikratie war. Nach der Niederlage von Syrakus bestimmte man den
Halykosfluß zur Grenze des griechischen und karthagischen Gebietes auf der
Insel. Daran änderte auch der letzte Krieg des Dionysios 368 v. Chr. nichts
mehr. Die Karthager behaupteten ihre Politik der Sicherung ihrer Epikratie durch
vertragliche Zusicherungen. Nach dem Tod des Dionysios 367 v. Chr. zerfiel sein
Reich im folgenden Bürgerkrieg, und Tyrannen ergriffen die Macht in den meisten
griechischen Städten. Infolge der innenpolitischen Wirren ersuchte die
Syrakusaner die Mutterstadt Korinth um die Sendung eines Schlichters. Diese
sandte Timoleon 344 v. Chr. der nicht nur die griechischen Städte in kürzester
Zeit einte, sondern auch die Karthager 341 v. Chr. am Krimisosfluß vernichtend
schlug. Diese hatten sich mehrfach gegen eine korinthische Intervention verwehrt
und zuletzt den syrakusanischen Tyrannen Hiketas militärisch gegen Timoleon
unterstützt. im Frieden von 339 v. Chr. wurde der "status quo"
wiederhergestellt und der Halykosfluss als karthagisch- griechische Grenze
bestätigt. Die politische Neuordnung der griechischen Städte durch den Sturz
ihrer Tyrannen gipfelte in der Formung eines Städtebundes unter der Führung
von Syrakus.
6. Das punisch -
griechische Verhältnis zu Zeit des Agathokles:
Nach dem Tode des Timoleon begannen wieder die Machtkämpfe zwischen den nach
Gela vertriebenen Oligarchen und der demokratischen Regierung in Syrakus. In
Karthago entschied man sich auf ein entsprechendes Gesuch, die Oligarchen bei
der Rückgewinnung ihrer Macht zu unterstützen, weit diese im Gegensatz zu der
demokratischen Regierung in Syrakus die Politik der friedlichen Koexistenz
vertraten. Es kam zu mehreren Kämpfen und schließlich zu einem karthagisch -
syrakusanischen Friedensvertrag, bei dem die Restituierung der früheren Rechte
der Oligarchen und damit eine karthagofreundliche Politik garantiert wurde. Dies
bildete den Anlass zur Flucht des Agathokles, der maßgeblich an dem
antioligarchischen Widerstand beteiligt gewesen war. Nachdem er sich ins
Landesinnere zurückgezogen hatte, gelang ihm dort mit Hilfe der Sikeler der
Aufbau einer militärischen Machtstellung. Schließlich begann er die Belagerung
von Syrakus. Die dort herrschenden Oligarchen riefen darauf die Karthager zu
Hilfe. Der Karthagische Oberbefehlshaber Hamilkar wollte die Errichtung einer
Alleinherrschaft eines mächtigen anti-oligarchischen Condottiere verhindern und
erwirkte 319/18 v. Chr. einen Ausgleich zwischen Syrakus und Agathokles. Diesem
wurde unter verschiedenen prokarthagischen und prooligarchischen Zusicherungen
die Rückkehr gestattet, wo es ihm dank geschickten Taktierens bald gelang, zum
Oberbefehlshaber der syrakusanischen Truppen ernannt zu werden. In Karthago
begrüßte man die gütliche Bereinigung dieses Konfliktes und die
Wiederherstellung einer stabilen Regierung in Syrakus.
Als der Irrtum erkannt wurde, war es bereits zu spät. 316/15 v. Chr. erhob sich
Agathokles mittels eines blutigen Staatsstreiches zum Tyrannen und begann gleich
darauf mit der Unterwerfung des sikelischen Binnenlandes. 314 v. Chr. wurde er
bei dem Versuch, Messana einzunehmen, durch eine punische Intervention gestoppt.
Der Verstoß gegen den Friedensvertrag mit Timoleon war jetzt offensichtlich und
führte zu Reaktionen der Karthager und der Exilsyrakusaner in Akragas. Als der
Versuch eines gemeinsamen Militärbündnisses von Akragas, Gela und Messana
314/13 v. Chr. keinen Erfolg brachte, ersuchte man Hamilkar um eine Vermittlung
mit Agathokles. Der folgende Vertrag bestätigte zum einen die Autonomie der
Griechenstädte, zum anderen aber auch die Hegemonie von Syrakus. Diese Politik
des Hamilkar entsprach dem traditionellen Grundsatz der Bewahrung des "status
quo". Die Machterweiterungen des Agathokles wurden akzeptiert, solange
keine direkte Bedrohung der karthagischen Epikratie drohte. Doch bald darauf kam
es zur Belagerung von Akragas durch den syrakusanischen Tyrann; dieser wurde
aber von einer punischen Flotte zum Abzug gezwungen. Da nun endgültig abzusehen
war, dass eine griechische Einigung stets von Karthago verhindert werden würde,
lag der Schluß nahe, dass dies nur nach der Beseitigung der karthagischen
Epikratie gelingen würde.
Nach der Niederlage bei Akragas zog Agathokles plündernd durch die Epikratie
und brach damit wieder den Friedensvertrag von 339 v. Chr. Als man in Karthago
nun erkannt hatte, dass wieder die Gefahr durch ein um Syrakus entstehendes
großes Reich entstand, blockierte es den Hafen von Syrakus und errichtete bei
Eknomon einen strategischen Brückenkopf. Die Punier waren entschlossen, die
seit 318 v. Chr. beständig gewachsene Macht des Condottiere zu reduzieren.
Diese restaurative Politik war damit nun die Fortführung des traditionellen
karthagischen Sicherungsprinzips geworden.
310 v. Chr. erreichte der karthagische Oberbefehlshaber Hamilkar mit seinen
Interventionstruppen Sizilien. Agathokles musste sich nach einer ersten Schlacht
auf Gela zurückziehen; und Hamilkar gelang es darauf, bis auf Syrakus
sämtliche Griechenstädte diplomatisch zu gewinnen. Diese hatten sich ehedem
teils aufgrund militärischen Drucks, teils aus Opportunismus mit dem
syrakusanischen Tyrannen verbündet. Nun nahmen sie, da das Blatt sich zu wenden
schien, die Gelegenheit wahr, sich doch noch auf die Seite des Siegers zu
schlagen. Agathokles glückte die Rückkehr nach Syrakus, doch musste er
feststellen, dass keinerlei Entsatz von außerhalb zu erwarten war. Dies führte
zu dem Entschluss, im August 310 v. Chr. mit 60 Schiffen und seinen Elitetruppen
nach Afrika überzusetzen, Ziel der Aktion war, die Karthager zu einem Abzug
ihrer sizilischen Einheiten durch die direkte Bedrohung ihres Kernlandes zu
bewegen. Nach der Landung bei Cap Bon wurden sämtliche Schiffe verbrannt und
der Marsch in das Binnenland sofort begonnen. In kürzester Zeit wurden die
Städte Megala Polis und Leukos Tynes erobert und zerstört. Die mit 40.000 Mann
angetretene karthagische Bürgermiliz wurde nahe bei der Stadt in die Flucht
geschlagen. Es gelang Agathoktes zwar nicht, Karthago zu erobern, aber große
Teile des karthagische Hinterlandes und der Küstenstädte unter sein Kontrolle
zu bekommen, da in vielen Teilen des Landes Unzufriedenheit mit der punischen
Herrschaft bestand.
Währenddessen scheiterte 309 v. Chr. auf Sizilien ein Großangriff des Hamilkar
auf Syrakus unter großen Verlusten, wobei er selbst den Tod fand. Infolge
dieser Schwächung der Karthager brach die Rivalität der griechischen Städte
wieder auf. Diesmal strebte Akragas nach der Hegemonie und befreite als erstes
die Stadt Gela. Als sich die Geloer bereiterklärt hatten, den Freiheitskrieg zu
unterstützen, griff die Befreiungsbewegung rasch um sich. Viele Städte, die
zuvor noch mit den Karthagern Syrakus belagert hatten, wandten sich nun gegen
ihren Verbündeten.
In Afrika war es trotz weiterer Kämpfe zu keiner Entscheidung gekommen. Aus
diesem Grund bemühte sich Agathokles 308 v. Chr. um ein Bündnis mit dem
ptolemäischen Strategen der Kyrenaia, Ophellas. Dieser organisierte darauf ein
großes Heer, das sich nach seiner heimtückischen Ermordung durch Agathokles
dem Syrakusaner anschloß. So verstärkt gelang ihm nun auch die Eroberung der
restlichen Teile des karthagischen Gebietes. Die Einnahme der Stadt Karthago
selbst war ihm aufgrund deren starker Befestigung aber nicht möglich. Schlechte
Nachrichten aus Sizilien veranlaßten ihn 307 v. Chr., den Oberbefehl seinem
Sohn Archagathos anzuvertrauen und nach Syrakus zurückzukehren.
Dort war die gesamte Insel nun in den Händen der Akragantiner, Karthager oder
Exilsyrakusaner. Doch bei seiner Ankunft hatte sich die Lage schon gewandelt, da
zwei seiner Feldherrn das akragantinische Heer geschlagen und zum Rückzug auf
Akragas gezwungen hatten. Agathokles ergriff die Gelegenheit und eroberte darauf
das gesamte karthagische Gebiet bis auf Lilybäon und Panormos mit dem Ziel, die
Punier endgültig zu vertreiben. Vor dem 20.000 Mann Heer der Emigranten, gegen
die er sich darauf gewendet hatte, musste er allerdings zurückweichen. Als aber
bald darauf die Akragantiner ganz geschlagen waren und deren verbündete Städte
sich Syrakus angeschlossen hatten, ergab sich die Möglichkeit, endlich nach
Afrika zurückzukehren.
In Afrika war die Lage hoffnungslos geworden, nachdem die dortigen 'Truppen
unter dem Befehl des Archagathos von den Karthagern vernichtend geschlagen
worden waren. Der Entsatz des Agathokles endete in einem Fiasko. Er unterlag dem
punischen Heer, seine libyschen Verbündeten ließen ihn im Stich und die
meuternden Söldner versuchten ihn festzunehmen. Im Gegensatz zu seinen Söhnen
gelang ihm die Flucht nach Sizilien, während seine ehemaligen Truppen zu den
Karthagern überliefen.
Der punische Erfolg in Nordafrika ermunterte nun die Karthager Westsiziliens
sowie die syrakusanischen Emigranten, sich zu erheben. Die Aussichtslosigkeit
seiner Lage erkennend, bot Agathokles schließlich den Karthagern eine
Verständigung an. Diese waren an der Rückgabe der noch weitgehend von
Agathokles beherrschten Teile der Epikratie interessiert und hatten auch wegen
des verlustreichen Krieges nicht die Möglichkeit, an eine Eroberung des
griechischen Siziliens zu denken. Die Fortführung des Krieges wäre nur der
Exilantenpartei zugute gekommen. Dies stand im direkten Widerspruch zu den
karthagischen Interessen, die ein Gleichgewicht der sich bekämpfenden Parteien
beabsichtigen. Der Friedensvertrag von 306 v. Chr. legte eine Rückgabe der
karthagischen Gebiete gegen eine Entschädigung von 300 Goldtalenten fest. Der
"status quo" war wiederhergestellt. Agathokles konzentrierte sich im
Ostteil der Insel nun auf die Bekämpfung der Exilanten. Nach einer gewonnenen
Schlacht einigte er sich mit ihnen über eine Amnestie gegen die Anerkennung
seiner Herrschaft. Agathokles nahm daraufhin als erster Herrscher Siziliens die
Königswürde an. Der politische Zustand, wie er vor dem Beginn des Krieges mit
den Karthagern bestanden hatte, war nun wiederhergestellt. Für die Karthager
bedeutete dieser Ausgang nach dem kostspieligen Kriegsverlauf durchaus einen
Erfolg, da man den Eroberungsplänen des Agathokles, die ganz Sizilien betrafen,
nicht erlegen war. Andererseits war es nicht gelungen, das primäre Ziel, die
Reduzierung der syrakusanischen Macht; zu erreichen. Im Gegenteil, man hatte die
Herrschaft des Agathokles in Ostsizilien vertraglich bestätigt.
7. Die Entwicklung bis
zum Beginn des ersten Punischen Krieges:
Nach dem Tod des Agathokles 289 v. Chr. zerfiel das syrakusanische Reich. In die
entstehenden Wirren griffen die Karthager ein und erzwangen die Stellung von
syrakusanischen Geiseln und die Garantie des Halykos als Grenzfluss. Im Zuge des
Kampfes des akragantinischen Tyrannen Sosistratos gegen den syrakusanischen
Tyrannen Thoinon kam es zu einer karthagischen Belagerung der Stadt. In dieser
Situation erging von diesen beiden ein Hilferuf an den in Unteritalien
kämpfenden Pyrrhos. Dieser betrat im Herbst 278 v. Chr. Sizilien, wurde sofort
zum Oberbefehlshaber gewählt und eroberte in kürzester Zeit das gesamte
karthagische Gebiet bis auf Lilybaion. Doch die griechische Einigung war von
kurzer Dauer. Aufgrund vielfältiger Differenzen mit seinen Verbündeten
verließ Pyrrhos im Frühjahr 275 v. Chr. die Insel. Damit stand fest, dass es
nicht möglich war, die inneren Streitigkeiten durch einen nationalen Gedanken
zu überwinden. Nach dem Abzug des Pyrrhos kam es wahrscheinlich bald zu einem Friedensschluss
mit Karthago, bei dem der "status quo ante" von 306 v.
Chr. wiederhergestellt wurde. Hieron war nun Tyrann in Syrakus und führte
vornehmlich gegen die plündernden Mamertiner Krieg. Diese waren ehemalige
Söldner des Agathokles, die nach freundlicher Aufnahme in der Stadt Messana
diese blutig besetzt und zum Ausgangspunkt ihrer Raubzüge gemacht hatten. Im
Jahr 269 v. Chr. kam es zur entscheidenden Schlacht am Longanos- Fluss. Messana
wurde vernichtend geschlagen, doch der karthagische Admiral Hannibal, der das
mamertinisch-syrakusanische Gleichgewicht erhalten wollte, erzwang den Rückzug
der syrakusanischen Truppen und hinterließ auf Wunsch der Mamertiner eine
Garnison in Messana, die schließlich zum Anstoß des I. Punischen Krieges
werden sollte.
8. Schlussbetrachtung:
Trotz aller wirren Geschehnisse, Kriege und politischen Entwicklungen auf
Sizilien während der hier betrachteten 300 Jahre lassen sich doch gewisse
Strukturen und Konstanten erkennen, welche auf eine karthagisch- griechische
Machtbalance hindeuten.
Der griechische Teil der Insel setzte sich aus vielen verschiedenen und vor
allem autonomen Stadtstaaten, den Poleis zusammen. Prägend für den inneren
Aufbau der Stadtstaaten war eine ausgeprägte Instabilität aufgrund der
ständig wechselnden demokratischen, oligarchischen und tyrannischen
Regierungsformen. Außenpolitisch hatte dies zur Folge, dass sich daraus ein
ständig veränderndes System aus Bündnis- und Rivalitätsbeziehungen ergab.
Obwohl sich bald die Hegemonie Syrakus zeigte und die Idee eines Flächenstaates
bei verschiedenen Tyrannen entstand, konnte sich die Idee der griechischen
Nation nicht durchsetzen. Einigungen wurden meist nur militärisch und immer nur
für kurze Zeit erreicht.
Die Karthager waren ihrerseits bemüht, das Entstehen eines mächtigen
westsizilianischen Flächenstaates zu verhindern. Es wurde für die Initiatoren
des griechischen Staatsgedankens erkennbar, daß eine Einigung nur gegen die
Interessen der punische Kolonie erreichbar war. Dies führte dazu, dass die
jeweiligen Tyrannen ihre bereits erreichte Einigungen benutzten, um die
Epikratie der Karthager zu attackieren. Grundsätzlich bestand jedoch nicht die
Notwendigkeit hierzu, um die Lebensfähigkeit der griechischen Städte
gegenüber den Karthagern zu sichern und ihre politische, wirtschaftliche und
kulturelle Entfaltung zu gewährleisten.
Karthago war seit dem 6. Jh v. Chr. zur Schutzmacht des westlichen
Phöniziertums geworden und errichtete seine Herrschaft auf der Basis seiner
maritimen kommerziellen Vorherrschaft. Die Grundzüge der karthagischen Politik
waren inner- wie außerhalb Siziliens auf rein merkantile Interessen hin
ausgerichtet. In Sizilien beschränkte man sich auf die Sicherung der Epikratie
und damit der wichtigen Handelsstützpunkte, ohne die man das karthagische
Verkehrssystem nicht hätte aufrecht halten können. Deshalb wurde die
Sicherheit dieser Stützpunkte zur Existenzfrage Karthagos. Eine punische
Politik bezüglich des Ostens der Insel kann als rein defensiv eingeschätzt
werden, da sich die karthagische Interessensphäre nur in das westliche
Mittelmeer erstreckte. Allerdings gab es eine konstante Bereitschaft zum
militärischen Schutz ihrer Gebiete. Die Clausewitz'sche These vom Krieg als der
Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln beinhaltete im karthagischen Fall
sogar den Präventivkrieg, wie er mehrfach gegen Syrakus eingesetzt wurde.
Oberstes Ziel war, die politischen Verhältnisse im griechischen Ostteil so zu
beeinflussen, daß eine Gefährdung der karthagischen Epikratie vermieden wurde.
Daraus ergab sich das Ziel, eine griechische Einigung und damit die Entstehung
eines expansiven Flächenstaates zu verhindern. Dazu bediente man sich außer
des Krieges auch noch eines großen diplomatischen Instrumentariums, das von der
Unterstützung von Exilanten bis zu Bündnissen mit einzelnen griechischen
Städten reichte. Einen großen Stellenwert nehmen auch die vertraglichen
Garantien der Epikratie ein, die in fast jedem Friedensvertrag zu finden war.
Bemerkenswert ist, dass nach jedem Konflikt früher oder später wieder der
"status quo" erreicht wurde, bei dem die territorialen Bestände der
beiden Gebiete garantiert wurden.
Als Beispiel für einen typisch griechisch - karthagischen Konflikt auf Sizilien
eignet sich der Aufstieg des ersten sizilischen Königs Agathokles. Durch die
karthagische Vermittlung erlangte der Exilant und Condottiere ein hohes Amt in
Syrakus. Darauffolgend missbrauchte er seine Macht zu einem blutigen
Staatsstreich und erhob sich zum Tyrannen. Gebilligt wurde dies alles von den
Karthagern, die ihren Grundsätzen von einer stabilen kontrollierbaren Regierung
genüge getan sahen. Als nächsten Schritt entwickelte Agathokles die Idee einer
Expansion und griechischen Einigung, womit er nun gegen die vitalen Interessen
der Karthager verstieß. Aufgrund des berechtigten punischen Protestes, blieb
ihm nur der Weg einer militärischen Aktion gegen die Epikratie. Die folgenden
Kriegswirren zeigten nicht nur das militärische Gleichgewicht der Gegner,
sondern auch das charakteristisch opportunistische Verhalten der vielen
sizilianischen Stadtstaaten. Schließlich kam es zu einem Ausgleich der Gegner,
bei dem der "status quo" wiederhergestellt wurde. Der Bestand der
karthagischen Epikratie sowie die Hegemonie Syrakus wurden in einem
Friedensvertrag garantiert.
Die griechisch- karthagischen Kriege dieser Zeit können nicht als Kriege im
heutigen Sinn aufgefasst werden. Es ging niemals ernsthaft um die Existenz eines
der beiden Völker auf der Insel. Vielmehr galt es als unvermeidlich und
legitim, von Zeit zu Zeit aus irgendwelchen Gründen übereinander herzufallen.
So ist einzusehen, betrachtet man dies als fast schon "natürlichen"
Zyklus, weshalb sich nach 300 jährigem Kampf kein Sieger zeigte.
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