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von Festen und Festablauf in der Kaiserzeit:Die Demostheneia von Oinoanda |
1. Einleitung
Im Jahre 1967
fand Jürgen Borchhardt auf einer Reise durch Lykien eine Stele mit einer
Inschrift, die zu der Zeit noch nahezu unversehrt war. Sie hat die private
Stiftung eines Agons in der lykischen Kleinstadt Oinoanda mit dem Namen
Demostheneia zum Inhalt.
Die Stadt Oinoanda lag zwischen dem Fluß Xanthos (heute: Koca Çayi) und der
Stadt Emali. Die Stele ist insgesamt 187 cm hoch, 105 cm breit und 25 cm tief
und umfaßt 117 Textzeilen in fehlerfreiem Griechisch. Nur einige Stellen sind
nicht rekonstruierbar, da die Stele an zwei Stellen durchbohrt worden war, um
möglicherweise als Brunnenplatte zu dienen.
Dieser Agon ist vermutlich ziemlich bedeutungslos gewesen, er gehörte nicht zu
der Gruppe der großen koinÀ Lykiens, er war kein heiliger Agon und auch
Oinoanda war eine kleine, unbedeutende Stadt.
Doch was diesen Agon ungemein interessant macht, ist eben diese Inschrift. Denn
dort werden in einer bisher nicht gekannten Präzision ein Agon mit der
Stiftungsidee und dem Festpersonal, sowie dem Ablauf und den Preisen angeführt.
Dieser musische Agon in Kleinasien aus der römischen Kaiserzeit soll im
Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen, doch es soll auch der Frage
nachgegangen werden, ob und inwiefern er sich in seinem Aufbau an die
hellenistische Tradition und somit an die großen, klassischen Vorbilder
anlehnt. Zur Beantwortung dieser Frage wird einleitend zunächst versucht, die
Tradition der musischen Agonistik, d.h. ihr Ursprung und ihre Geschichte bis in
die römische Kaiserzeit, nachzuzeichnen, um dann nahezu übergangslos die
Demostheneia als einen typisch privat gestifteten, aber klassisch orientierten
Agon vorstellen zu können.
2. Die
Tradition der musischen Agone
2.1.
Musische Agonistik im griechischen Mutterland
2.1.1.
Überblick
Neben gymnischen und hippischen Agonen erfreuten die Griechen in der
vorklassischen und klassischen Zeit auch die musischen Agone.
Musische Agone zwischen Göttern oder zwischen Gott und Halbgott oder Mensch
sind ebenfalls ein beliebtes Motiv in der griechischen und römischen
Mythologie. Ein bekanntes Beispiel ist sicherlich bei Ovid und anderen Autoren
der Wettstreit im Flötenspiel zwischen Apollon und dem Satyr Marsyas, der den
Anführer der Musen zu einem Wettkampf herausfordert, besiegt wird und
schließlich wegen seiner Hybris dem Gott gegenüber von diesem gehäutet wird.
Die Möglichkeit zur musischen Darbietung bot schon seit jeher der Götterkult,
der mit Opfern, Prozessionen und anderen Kulthandlungen unter Musikbegleitung
von gottesdienstlichen Chören betrieben wurde, aus denen sich schließlich die
ersten Agone entwickelten.
Doch der eigentliche Anlass musischer, aber auch hippischer und gymnischer Agone
findet sich in der Totenverehrung. Schon Homer berichtet von derartigen Spielen
zu Ehren der Gefallenen.
Bereits aus dem achten Jahrhundert v. Chr. gibt es erste Nachrichten von Hesiod
über die Abhaltung eines überregionalen musischen Agons aus eben diesem Anlass:
In Chalkis wurden die Leichenspiele zu Ehren des Amphidamas von seinen Söhnen
abgehalten. Auf Delos wurden etwa zeitgleich die ersten Apollonien-Delien und in
Messene die Ithomaiaveranstaltet. Auch die Gründung der Spiele von Paros fallen
eventuell in diesen zeitlichen Rahmen. Im siebten Jahrhundert dehnte sich der
musisch-agonale Gedanke mehr auf das Festland, genauer: auf Mittelgriechenland
und die Peloponnes, aus und es wurden neue Agone in Argos (Endymatia), Arkadien
(Apodeixeis) und Sparta (Karneen) ins Leben gerufen.
Im darauffolgenden Jahrhundert schließlich fanden zum ersten Mal in Delphi die
Pythienstatt. Etwa zur selben Zeit hatte gerade in Attika die Gründung
musischer Agone Hochkonjunktur, wie zahlreiche neue Spiele belegen: in Brauron
die Brauronien, in Sikyon die Pythien, in Athen die Apaturien, die Anthesterien
und die Panthenäen. Ebenfalls in Athen fanden im fünften Jahrhundert erstmals
die Epitaphien statt. Auch in dieses Jahrhundert fallen die ersten Spiele von
Epidauros (Asklepieia) und die von Samos (Heraia-Lysandria). Im vierten
Jahrhundert v. Chr. kamen noch die Amphiaraiain Oropos und in Eretria die
Artemisia hinzu.
Die Entstehung der musisch-agonistischen Tradition ist demnach im
ionisch-äolischen Raum anzusiedeln, wobei sich die Musikzentren allmählich auf
das Festland verlagerten.
2.1.2. Programm und
Siegespreise
Inschriften von musischen Festen auf dem griechischen Festland aus dem vierten
und dritten Jahrhundert v. Chr. lassen meist ein bestimmtes Ablaufschema
erkennen: Ein Agon, der auch gymnische und hippische Partien beinhaltete, begann
meist mit dem musischen Part, auf den der gymnische und dann der hippische
folgte. Der musische Agon verlief vom Schema her etwa wie folgt: Zunächst
traten die Rhapsoden auf, dann folgten die Vorträge einzelner Solisten, darauf
chorlyrische Darbietungen und zum Schluss dramatische Aufführungen. Doch diese
Reihenfolge wechselte von Fest zu Fest und wurde auch durch neuhinzukommende
Darbietungen wie durch die Vorträge von Enkomien oder durch szenische und
thymelische Agone erweitert.
Um im Verlauf der Arbeit einen Vergleich mit den Demostheneia zu ermöglichen,
soll an dieser Stelle exemplarisch ein recht bekannter, überregionaler
musischer Agon der klassischen Zeit in aller Kürze mit seinem Programm und
seinen Siegespreisen vorgestellt werden: die Panathenäen.
Das Fest wurde zu Ehren der Stadtgöttin Athene vermutlich schon seit dem
siebten Jahrhundert v. Chr. alljährlich gefeiert, dann aber 566/565 v. Chr. neu
organisiert und seitdem im penteterischen Zyklus abgehalten.
Für die Panathenäen ab dem 5. Jahrhundert ist dank einer teilweise erhaltenen
Preisliste und anderer Schriftquellen noch genaueres überliefert, bzw. ist ein
Programm gut rekonstruierbar:
Der musische Agon begann vermutlich mit den Rhapsoden, auf die die Paroden
folgten. Anschließend traten die jungen Auloden auf, nach denen die pa»deV
kiqaristaÄ an der Reihe waren. Etwa in der Mitte des Agon waren die Kitharöden
als eigentlicher Höhepunkt platziert, was an der Höhe des Preisgeldes für den
Sieger zu erkennen ist, der einen goldenen Kranz, 1000 Drachmen und 500
Silberdrachmen betrug. Die nächsten beiden Programmpunkte beinhalteten die
Auftritte der àndreVaÖlvdoÄ und der àndreV kiqaristaÄ. Die Darbietungen der
Solisten klangen mit denen der Flötenspieler, der Auleten, aus. Die Knaben- und
Männerchöre bildeten insgesamt den Abschluss des musischen Agons.
2.2. Musische
Agonistik im griechischen Osten zur Kaiserzeit
2.2.1. Überblick
Die Tradition der griechischen Agone nahm aber mit der römischen
Machtübernahme 146 v. Chr. kein abruptes Ende, sondern wurde von den Römern
gebührend weitergeführt. So lebte auch besonders in den ersten beiden
Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit die alte griechische Agonistik - nicht
ohne Zutun der Kaiser selbst - weiter. Oder mit Horaz' Worten: Graecia capta
ferum victorem cepit et artis / intulit agresti Latio.
So wurden beispielsweise zu Ehren des Augustus und seines Seesieges über
Kleopatra und Marcus Antonius an vielen Orten Aktia begangen oder unter Domitian
die Kapetolia zu Ehren des Iuppiter Capitolinus in Rom eingerichtet. Beide
Spiele wurden gleichrangig zu der alten panhellenischen perÄodoV, bestehend aus
den Olympischen, Pythischen, Isthmischen und Nemeischen Spielen, eingestuft.
Noch direkter in den Bereich der Herrscherverehrung gehörten die Agone, die den
Kaisern gewidmet waren wie die Kaisarea, Augusteia oder die Sebasmia.
Nero verband neben seiner Neigung zu Wagenrennen eine besondere Liebe zur
musischen Agonistik: Er stiftete nicht nur neue Agone, sondern nahm auch aktiv
an ihnen als Kitharöde, Sänger und Schauspieler teil.
2.2.2. Renaissance der
agonalen Idee unter Hadrian
Doch nahezu eine "Renaissance des Hellenentums" bewirkte Hadrian mit
seiner ausgeprägten Liebe zur griechischen Kultur, derzufolge man ihm schon im
Jugendalter den Beinamen Graeculus gab. Diese Liebe zur griechischen Kultur schloss
natürlich auch die Liebe zum alten agonalen Geist ein, den er nicht wie
beispielsweise seine Vorgänger Nero und Domitian mit den Füßen trat. Mit sehr
viel mehr Feingefühl trennte er die römischen ludi, die er nach wie vor in Rom
und im westlichen Teil des Reiches veranstalten ließ, von den alten
griechischen Agonen, deren Renaissance er im gesamten griechischen Raum, d.h. im
Mutterland und im griechischen Osten, - wohl vor ihm beispiellos - einleitete.
Mindestens dreimal bereiste er Griechenland in den Jahren von 124
bis 132
n. Chr. und drückte seine tiefe Zuneigung besonders zur Stadt Athen durch
spendable Neubauten in der Stadt aus. Doch auch Kleinasien wurde von Hadrian im
Jahr 124
n. Chr. bereist. Seine "Lieblingsbeschäftigung" auf diesen Reisen lässt
sich kurz mit einem Satz umreißen: In omnibus paene urbibus et aliquid
aedificavit et ludos edidit.
Neben der bekannten Gründung der Panhellenien in Athen dürften mit den ludidie
zahlreichen Hadrianeia gemeint sein, von Hadrian persönlich systematisch
neugegründete Agone in Griechenland, Syrien, Ägypten und auch in Kleinasien.
Doch Hadrians Interessen beschränkten sich nicht nur auf den formalen Akt, oft
kümmerte er sich selbst um die Programmgestaltung und um die Auswahl geeigneten
Personals und führte den Vorsitz bei den Spielen.
Um wiederum eine Vergleichsmöglichkeit zu den Demostheneia von Oinoanda zu
haben, wird im Folgenden ein typischer von Hadrian gestifteter Agon mit seinem
Programmablauf vorgestellt.
2.2.2.1. Programm und
Charakter der Hadrianeia von Ephesos
In Ephesos, der Hauptstadt der römischen Provinz Asia, ließ Hadrian 123
oder 124
n. Chr. erstmals eine der in Kleinasien zahlreichen Hadrianeia abhalten, die bis
in die Mitte des 3. Jahrhunderts durch 25 Inschriften bezeugt werden und somit
mindestens 140 Jahre stattfanden.
Von den Olympien in Ephesos, unter deren berühmten Namen - wie auch Pythienund
Nemeen - es etliche in Kleinasien unter Anlehnung an die klassische perÄodoV
gab, unterscheiden sich die Hadrianeendadurch, daß zwar beide eine gymnische
Partie beinhalteten, aber nur die Hadrianeenauch eine musische. Die Hadrianeen
von Ephesos wurden mit den Wettstreiten der Herolde und Trompeter eröffnet.
Daran schlossen sich die gymnischen Agone an, bestehend aus dem stÀdion, dem
dÅlicoV, dempÁntaqlon, der pÀlh und dem pagkrÀtion. Danach wurden die
musischen Agone abgehalten, in denen die pythischen Flötenspieler, die
Flötenspieler mit Singchor, die Kitharöden und seit Ende des zweiten
Jahrhunderts n. Chr. auch die Redner gegeneinander antraten. Hier wurde im
Gegensatz zu den zuvor vorgestellten Panathenäen der gymnische Part vor dem
musischen abgehalten.
Dieser Agon ist vermutlich ein ganz typischer Vertreter seiner Art in der
römischen Kaiserzeit. Er wurde im penteterischen Zyklus abgehalten und führte
auch die Apposition megÀla bei sich, vermutlich, um sich von den nach wie vor
einjährig abgehaltenen Spielen in Ephesos zu unterscheiden. Zudem galten die
Hadrianeenals heilig (ÜerÅV) und Kranzagon ( Ð.stefanÄthV), waren
iselastisch und ökumenisch, d. h. "weltoffen" oder modern
ausgedrückt: "international", eine Bezeichnung für eine besondere
Gruppe von Spielen, die erst seit Hadrian unter diesem Namen so geführt wurden.
Insgesamt waren die Agone für die einzelnen Städte von großer Bedeutung. In
Kleinasien fand fast in jeder Stadt irgendein Agon in Verbindung mit dem
Kaiserkult statt, der dann meist mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde.
Doch ganz typisch für die östlichen Provinzen in der Kaiserzeit ist die
Begründung eines Agons durch eine private Stiftung. Eben ein solche private
Stiftung hat die Inschrift über die Demostheneia von Oinoanda zum Thema.
3. Die Stiftung des
Iulius Demosthenes
Zunächst ist anzumerken, dass der Begriff "Stiftung" im Zusammenhang
mit den Demostheneia eine Doppelbedeutung hat und somit von zwei Seiten zu
beleuchten ist.
Zum einen meint "Stiftung" die Einrichtung oder Gründung z.B. eines
Festes im juristischen Rahmen, das dann andauernd und selbständig
weitergeführt werden kann. Im größeren Rahmen umschreibt der Begriff
"Stiftung" also die formale, juristische Einrichtung eines Agons, den
Akt, durch den er überhaupt ins Leben gerufen wird.
Im weiteren Sinne wird mit "Stiftung" zum anderen aber auch die
Finanzierung, modern: das Sponsering, oder die Schenkung einer Sache oder einer
Einrichtung, in diesem Fall eines Festes, umrissen. "Stiftung" meint
hier "Schenkung", "Spende" oder "Finanzierung".
Unter den folgenden zwei Punkten "Vorgang und Beteiligte" wie
"Finanzierung und Sachspenden" soll nun versucht werden, dieser
Doppeldeutigkeit gerecht zu werden, indem die Stiftung des Iulius Demosthenes je
nach ihrer Bedeutung untersucht werden wird.
3.1. Vorgang und
Beteiligte
Wie eben kurz dargelegt, kann man den formalen, juristischen Akt der Gründung
eines Festes als Stiftung bezeichnen. Doch welche Schritte mussten im einzelnen
nun gegangen werden, um einen Agon zumindest erst einmal "auf dem
Papier" zu realisieren?
Gaius Iulius Demosthenes, ein prominenter römischer Bürger aus der lykischen
Kleinstadt Oinoanda, kündigte schriftlich am 25. Juli 124
n. Chr. in einer sogenannten Stiftungsepangelie die Stiftung eines thymelischen
Agons an (Z. 6 - 46).
In dieser Stiftungsepangelie faßt Demosthenes kurz seine bisherigen Leistungen
für die Stadt zusammen, kündigt dann sein Fest mit dessen Namen, der
Periodizität, dem Termin und den vorgesehenen Finanzierungsplan an und droht
Strafen an bei Missachtung einer seiner Anweisungen bezüglich der Schenkung. Des weiteren
bestimmt er das Amt eines Agonotheten, dessen Titel und Amtszeit und
ein Teil seiner Aufgaben, die Preise für die jeweiligen Veranstaltungen und die
genaue Abfolge des Agons, den Demostheneia.
Dieses Schreiben muss Demosthenes dann zu Hadrian, der sich zu der Zeit gerade
in Ephesos aufhielt, geschickt haben, denn, wie die Inschrift zeigt, der Kaiser
hat bereits einen Monat später ein Bestätigungsschreiben gesandt, das auf der
Stele die Zeilen eins bis sechs einnimmt. Die Dokumente auf der Stele sind also
hierarchisch, nicht chronologisch geordnet.
Hadrian lobt in diesem Schreiben das Vorhaben des Stifters, bekräftigt es (bebai¾,
Z. 4) und erklärt die Strafen für rechtskräftig. Ganz nebenbei bezeichnet er
den Agon als "musisch" im Gegensatz zu Demosthenes, der die
Demostheneia für "thymelisch" hält. Der Kaiser hat also
stillschweigend den kleinen Fehler des Demosthenes korrigiert. Diese Korrektur
wurde auch in den folgenden Schreiben des Rates und der Volksversammlung
übernommen.
Diese Epangelie hat ein gewisser Komon, Sohn des Kroisos, am 4. Juli 125
n. Chr. in einer Ratssitzung vorgebracht, wie in dem Ratsbeschluss auf der Stele
zu lesen ist (Z. 46 bis 102). Also knapp ein Jahr nach Demosthenes' erster
Ankündigung bestätigte der Rat dessen Vorhaben und auch das Schreiben des
Kaisers Hadrian.
Der Rat bestätigte teils die Beschlüsse des Demosthenes, teils modifizierte
und ergänzte er sie.
Aus dem Ratsbeschluss geht auch noch indirekt hervor, dass Demosthenes noch eine
zweite Stiftung - vielleicht diesmal nur mündlich vor dem Rat - in Form von
Sachspenden angekündigt haben muss: eine goldene Krone mit Portraits des
Hadrian und des Apollon und einen versilberten Tragealtar mit der
Stifterinschrift (Z. 52 bis 54).
Ganz neu im Gespräch scheinen auch die Steuerfreiheit (ÐtÁleia), die während
der Demostheneia herrschen sollte, und die Amtsverschonung des Agonotheten (vacatio
muneris) zu sein, die beide erst in der Ratsurkunde zum ersten Male schriftlich
Erwähnung finden. Doch vielleicht wurden auch diese Punkte in der zweiten
Epangelie von Demosthenes angesprochen, verhandelt und dann bestätigt.
Nach der Bestätigung des Kaiser und des Rates musste dann - laut Ratsbeschluß
- die der Volksversammlung eingeholt werden. Außerdem sollten in der
Volksversammlung Gesandte gewählt werden, die beim Statthalter wegen der
Privilegien der vacatio muneris und der ÐtÁleia vorstellig werden sollten, da
mit diesen Punkten vermutlich der Amtsbereich der lex provinciae berührt wurde.
Die Bestätigung der Volksversammlung und die subscriptio des Statthalters sind
schließlich auch die letzten Dokumente auf der Stele.
Die Stiftungsepangelie ging also durch viele Hände, und es dauerte mindestens
ein Jahr, bis der Agon formal stand. Beteiligt an diesem Vorgang waren also, wie
gerade dargelegt, der Stifter Demosthenes selbst, der mindestens zweimal aktiv
war und sehr viele Einzelheiten zum Verlauf des geplanten Agons festlegte, der
Kaiser, der das Vorhaben guthiß und die Strafen bestätigte, der Rat der Stadt,
der viele Kleinigkeiten zum Agon bestimmte, die Volksversammlung, der lediglich
die Rolle des Bestätigers zukam, und der Statthalter, der wichtige Privilegien
bestätigen musste, die bereits in den politischen Bereich, also in den seinen
fielen. Auch in der Antike verlief es also nicht immer
"unbürokratisch" und zügig.
3.2. Finanzierung
und Sachspenden
Demosthenes stellte in seiner Stiftungsepangelie in Aussicht, einen Agon zu
stiften. Diese Stiftung bezieht sich auf mehrere Bereiche. Zunächst wurde ein
bestimmtes Kapital zur Verfügung gestellt, aus dem vorwiegend die Siegespreise
und die Gehälter für professionelle Darbietungen bezahlt wurden.
Der Stifter hatte folgendes Finanzierungsmodell im Sinne: Er oder später seine
Familie wollten ab dem kommenden Januar pro Jahr 1000 Denare aufbringen, die
einem von der Stadt gewählten Eikosaprotos übergeben wurden (Z. 14ff.). Der
wiederum legte das Geld zu einem Zinssatz von 7,5% bis zum Beginn des Agons an.
Nach einem Vierjahreszeitraum, in dem der Agon stattfinden sollte, kamen also
mit Zinsen und Zinseszins insgesamt 4450 Denare zusammen, auf deren Verwendung
an anderer Stelle noch genauer eingegangen wird. Vermutlich war diese Art der
Finanzierung durch privates Geld der Familie nur als Provisorium und
kurzfristige Übergangslösung gedacht, denn der eigentliche, langfristige Plan
des Demosthenes sieht vor, später Ländereien anzuweisen, die die 1000 Denare
pro Jahr aufbringen sollten. Somit wäre der Agon unabhängig von der Ausleihe
des Stifters finanziert. Sehr ungewöhnlich für eine private Stiftung scheint
es allerdings zu sein, dass der Stifter Demosthenes kein Stiftungskapital zur
Verfügung stellte, sondern sich auf das Versprechen der jährlichen Zahlungen
beschränkte.
Zu dieser Geldstiftung des Demosthenes kamen noch weitere drei Stiftungen in
Form von Sachspenden hinzu. Er stiftete eine Goldkrone mit Portraits des Hadrian
und des Apollon (Z. 52f.), die der Agonothet während des Agons trug. Zudem
ließ er auf eigene Kosten einen versilberten Tragealtar mit seiner
Stifterinschrift herstellen, bei dem an festgesetzten Tagen geopfert werden
sollte (Z. 53f.). Außerdem spendete er noch die steinerne Stele, auf der
später die Stiftungsepangelie, die Schreiben Hadrians, die Protokolle des
Rates, der Volksversammlung und die subscriptio des Statthalters eingemeißelt
und im Ort aufgestellt worden ist (Z. 95ff.).
4. Das Fest des
Iulius Demosthenes
4.1. Festpersonal
4.1.1. Agonothet
Demosthenes legte fest, dass es einen Agonotheten (ÐgwnoqÁthV),einen
sogenannten "Kampfrichter" als höchsten Verantwortlichen geben solle.
Nach seinem Vorschlag sollte dieser ein Jahr vor dem Fest aus dem Kreis der
Buleuten gewählt werden (Z. 30) und im Jahr nach dem Fest Rechenschaft über
Einnahmen und Ausgaben machen, wobei er aber kein eigenes Geld für den Agon
aufwenden, sondern nur das Geld verwalten und darüber Rechenschaft ablegen
müsse. Das würde nach dem Vorschlag des Demosthenes eine 1-jährige Amtszeit
bedeuten, die im Jahr vor dem eigentlich Fest begänne und wohl mit Ende des
Festes enden würde.
Der Rat hielt wohl aber eine längere Amtszeit für notwendig, denn er forderte
für den Agonotheten eine 4-jährige Amtszeit, die bereits drei Jahre vor dem
Fest beginnen und ein Jahr nach dem Fest enden solle (Z. 89ff.). Doch die Wahl
des Agonotheten fand bereits ein Jahr vor dem Festjahr seines Vorgängers statt.
Das bedeutet in Zahlen, wenn 233
die 26. Demostheneia stattgefunden haben, dann wurde der 26. Agonothet bereits
im Jahr 228
gewählt und seine Amtszeit ging von 230
bis 233,
wobei zwischen seinem Wahljahr 228
und dem Ende seiner Agonothesie 233
229
die 25. Demostheneia gefeiert wurden und 232 die Wahlen seines Nachfolgers für
den 27. Agon stattgefunden haben. Also während seiner Amtszeit hatte der
Agonothet schon die Pflicht, für die Wahl seines eigenen Nachfolgers zu sorgen.
Die Kleidung des Agonotheten wurde ebenfalls vom Rat der Stadt festgelegt, die
aus der von Demosthenes gestiftete Goldkrone und einem Purpurgewand bestand. Der
Agonothet mußte also mit seiner Amtstracht den Agon bestreiten (Z. 56f.).
Welche eigentlichen Aufgaben der Agonothet bei den Demostheneia haben solle,
wird nicht direkt in der Inschrift erwähnt, doch man kann wohl davon ausgehen,
das diese allgemein bekannt und selbstverständlich waren. Er war wohl, wie sich
aus anderen Zeugnissen ersehen lässt, insgesamt für einen reibungslosen Ablauf
des Agons verantwortlich und scheint als Oberbeamter die gesamte Verantwortung
zu tragen. Eine seiner Aufgaben war beispielsweise die Beschaffung und
Bereitstellung des Salböls für die Athleten bei gymnischen Veranstaltungen.
Außerdem hatte er für die gerechte Ausrichtung der Wettkämpfe zu sorgen, war
für die Ordnung bei den Festprozessionen verantwortlich, führte die Opfer
durch, verteilte die Siegeskränze und die Geldpreise und stellte vermutlich
auch die Siegerlisten auf.
Bei den Dionysien schenkten die Agonotheten auch während der
Theatervorstellungen Wein aus und verteilten Leckereien an die Zuschauer.
Konkret hingegen wurde wiederum vom Rat geregelt, dass der Agonothet die
Antrittszeremonie der Beamten am Neujahrstag mit Huldigungen an den Kaiser und
Apollon zu vollziehen hatte (Z. 58). Auch hier wurde von ihm das Tragen seiner
Amtstracht verlangt.
Als Aufwandsentschädigung erhielt der Agonothet zwar kein Geld - es war also
ein Ehrenamt - jedoch wurde er mit einigen Privilegien versehen. Zum einen
sollte er die gleichen Rechte innehaben wie der Kaiserpriester, wobei es in
Oinoanda einen Kaiserpriester und eine Kaiserpriesterin gab (Z. 91f.). Die
rechtliche Gleichstellung unterstreicht wohl noch seinen hohen Stellenwert in
der Gemeinde.
Zum anderen hatte er einen Vorzugsplatz in Ratssitzungen, in Volksversammlungen
und im Theater, wobei er auch hier seine vorgeschriebene Amtstracht tragen musste
(Z. 58).
Was aber von besonderer Bedeutung gewesen zu sein scheint, ist, daß der
Agonothet eine 5-jährige Amtsverschonung, eine vacatio muneris, genoss. Er war
also jeweils zwei Jahre vor dem Fest und 3 Jahre nach dem Fest von der - wohl
oft eher lästigen und zeitaufwendigen - Pflicht entbunden, eines der
städtischen Ämtern zu übernehmen (Z. 90f.).
In der Ratsurkunde wird ebenfalls die Amtsübergabe der Agonotheten genau
geregelt. Am letzten Tag des Festjahres übergab der Agonothet dem Agonotheten
des kommenden Festes, der ja bereits im Jahr zuvor gewählt worden war, die
Krone in einer Art Investitur. Außerdem musste die Krone gewogen und der
Tragealtar einwandfrei übergeben werden (Z. 92ff.).
Die ehemaligen Agonotheten sollten bei den Agonen das Präsidium einnehmen, was
wohl nicht nur eine Ehre für sie gewesen sein dürfte, sondern auch eine Art
Unterstützung für den amtierenden Agonotheten (Z. 87).
Der Agonothet hatte zwar eine sehr große Verantwortung, wie die Vielzahl der
genannten und die wohl riesige Anzahl ungenannter, aber selbstverständlicher
Pflichten zeigt, war aber auch während und auch noch nach seiner Amtszeit einer
der angesehensten und privilegiertesten Bürger seiner Gemeinde, was die
angesprochenen Privilegien und Rechte verdeutlichen.
Zuletzt sollte der Agonothet zu seiner eigenen Unterstützung das weitere
Festpersonal bestimmen, das ihm vermutlich untergeordnet war. Dies wird zwar
nicht direkt gesagt, aber dadurch hinreichend deutlich.
4.1.2. Panegyriarchen
Über Bezeichnung, Anzahl, Aufgaben und Tracht des weiteren Festpersonals hatte
ebenfalls der Rat der Stadt befunden (Z. 59 bis 68).
Die Panegyriarchen (panhguriÀrcai),insgesamt drei, wurden von dem Agonotheten
aus dem Kreise der Buleuten gewählt. Der Name "Festvorsteher" wirkt
bei den Demostheneia fast schon missverständlich, da diese Rolle nicht ihnen,
sondern dem Agonotheten zukam. Ihre vornehmliche Aufgabe war es, sich bei dem
Festmarkt, der während des gesamten Agons nebenher stattfand, um den Markt
selbst und das Warenangebot zu kümmern und dort für einen reibungslosen Ablauf
zu sorgen.
Den Panegyriarchen sollte es vorbehalten bleiben, die Preise festsetzen und die
Waren, die es aufgrund der Abgabenfreiheit billiger zu kaufen gab, ob ihres
Preises und ihres Gewichtes zu prüfen.
Der eine Grund für diese Aufgabe der Panegyriarchen liegt auf der Hand: Der
Käufer sollte nicht übervorteilt werden. Doch die Kontrolle über das
Warenangebot hat noch einen weiteren, nicht unerheblichen Zweck: Der
Panegyriarch hatte ebenfalls die Pflicht, Waren wieder vom Markt zu nehmen oder
die Preise festzusetzen, um dadurch ein ständig gutes und reichhaltiges
Warenangebot zu gewährleisten, was das ausdrückliche Anliegen des Rates war.
Außerdem war der Panegyriarch befugt, Ungehorsame zu strafen, also Händler,
die den Käufer betrogen, schlechte Ware anboten oder sie zu falschen Preisen
abgaben.
Die Panegyriarchen könnte man somit als Marktpolizei verstehen.
4.1.3. Sebastophoroi
Der Agonothet sollte außerdem zehn Sebastophoroi (sebastofÅroi)aus dem Kreise
der Bürger wählen. Im Gegensatz zu den Panegyriarchen wird bei ihnen ganz
deutlich gesagt, welche Kleidung sie während ihrer Tätigkeit zu tragen haben.
Sie sollten nach dem Willen des Rates weiße Gewänder und einen Selleriekranz
tragen, wodurch sie sich wohl deutlich von den übrigen Teilnehmern äußerlich
abhoben. Ihre Aufgabe bestand darin, wie sich schon aus ihrer Amtsbezeichnung
erkennen lässt, bei den Prozessionen durch das Theater während der Opfertage
die Kaiser- und Apollonbilder zu tragen und den Tragealter zu ziehen. Dieses Amt
war demnach wichtig im Zusammenhang mit dem in Oinoanda gepflegten Apollon- und
Kaiserkult.
4.1.4. Mastigophoroi
Ebenfalls aus dem Kreise der Bürger bestimmte der Agonothet 20 Mastigophoroi (masteigofÅroi),
die weiße Gewänder ohne Untergewand tragen mussten. Sie hatten auf Geheiß des
Agonotheten mit Peitschen, wie der Name schon sagt, und Schilden für die
Ordnung bei den einzelnen Veranstaltungen im Theater zu sorgen. Doch hierunter muss
man allerdings auch verstehen, dass die Mastigophoroi nicht nur dafür zu
sorgen hatten, dass kein Teilnehmer oder Zuschauer gegen die Regeln des guten
Benehmens verstieß, sondern auch, dass die Wettkämpfer in der vorgeschriebenen
Kleidung auftraten. Es sind aber auch Fälle bekannt, in denen die Mastigophoroi
sogar gegen Akteure auf der Bühne auf recht gewalttätige Weise einschritten.
So wurde beispielsweise bei den delphischen Pythien ein unfähiger Kitharöde
samt Instrument von der Bühne geprügelt, auch schritt man gegen die
Schauspieler bei Fehlern ein.
Die Mastigophoroi waren also die Aufsichtsbeamte im Theater.
4.1.5. Agelarchen
Zuletzt sollte der Agonothet zwei Agelarchen - etwa mit "Scharführer"
zu übersetzen - aus der städtischen Oberschicht bestimmen, die ihrerseits
jeweils zwanzig Knaben auswählen und diese trainieren durften.
Mit diesen vierzig Jungen wurde dann ein Fackellauf veranstaltet, wobei der
Agelarch der Siegermannschaft im Grunde der eigentliche und alleinige Sieger
war, dafür einen Kranz erhielt und offiziell geehrt wurde. Außerdem stand es
dem siegreichen Agelarchen zu, sich auf eigene Kosten ein Standbild errichten zu
lassen. Es lag im Ermessen des Agonotheten, den Agelarchen finanziell zu
belohnen. Zu welchem Zeitpunkt der Fackellauf stattfinden sollte, wird nicht
direkt gesagt, doch man kann wohl davon ausgehen, dass er vermutlich in
Verbindung mit den Apollon-Opfern stattfand, nur wann und in welchem direkten
Kontext, ist unklar.
Es liegt auf der Hand, dass gerade dieser Fackellauf für die städtische
Oberschicht ein gutes Mittel zur Selbstdarstellung war. Denn einerseits war es
sicherlich sehr rühmlich, wenn die eigenen Sprößlinge mit den Aufgaben eines
Agelarchen betraut wurden, doch noch sehr viel ehrenvoller war es sicherlich,
seinen siegreichen Sohn in einem Standbild zu verewigen. Dass die wohlhabenden
Väter dies nur zu gern getan haben, zeigen die Funde mehrerer Statuenbasen in
Oinoanda.
Doch auch die übrigen Positionen des Festpersonals wurden wohl kaum unwillig
von den Buleuten und den Bürgern übernommen. Es galt mit Sicherheit für alle
Beteiligten als sehr ehrenvoll, bei dem Agon in einer auffälligen, von den
übrigen Bürgern sie abhebenden Festtracht mitwirken zu dürfen, um sich, seine
Familie und nicht zuletzt die Heimatstadt zu repräsentieren.
4.2. Veranstaltungen
4.2.1. Ablauf,
Teilnehmer und Preisgelder
In der Stiftungsepangelie bestimmt Demosthenes selbst ganz genau, wann welche
Veranstaltungen bei den Demostheneia stattfinden sollten und welche Preise für
die Sieger vorgesehen waren (Z. 38 bis 46).
Die Demostheneia von Oinoanda begannen am 1. Juli und endeten am 23. Juli.
Gleichzeitig fand in Oinoanda ein ständiger Festmarkt statt, auf dem aufgrund
der Abgabenfreiheit (ÐtÁleia) während der Festzeit verbilligtere Waren zu
kaufen waren, auf denen weder Steuern noch Ein- und Ausfuhrzölle lagen.
Da der Ratsbeschluß aus dem Jahr 125
stammt und damit die Beschlüsse rechtskräftig wurden, kann man davon ausgehen,
daß vier Jahre später die ersten Demostheneiastattgefunden haben, wenn es
keine Verzögerungen gegeben hat.
Der erste Wettbewerb ist der der Trompeter und Herolde. Dieser Wettstreit ist
eine der klassischen Disziplinen der Olympischen Spiele. Seit 396
v. Chr. wird mit ihm das Olympische Fest eröffnet. Auch die Hadrianeia von
Ephesos wurden mit diesem Wettbewerb eröffnet. Die alte Tradition wurde demnach
über die Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten und auch bei einem
vergleichsweise unbedeutenden Agon wie dem in Oinoanda gepflegt.
Da das Kriterium die Stärke der Stimme und der Atmungsorgane war, galt es in
der Antike als allgemein üblich, diese Agone auch als gymnischen Wettkampf
aufzufassen. Die Trompeter und die Herolde, die sogenannten
"Verkünder", waren außerdem traditionell an den Siegerehrungen
beteiligt. Der Trompeter blies auf seiner Trompete, während der Herold den
Namen und die Vaterstadt des Siegers ausrief. Dieser Vorgang ist auch auf der
Basis eines Tragealtars von den isopythischen Spielen von Side dargestellt.
Für diese Veranstaltung war nur ein Siegespreis von 50 Denaren vorgesehen,
wobei nicht genau gesagt wird, ob Trompeter und Herolde getrennt oder gemeinsam
prämiert wurden, das heißt, ob jeweils ein Trompeter und ein Herold siegen
konnten oder nur einer von beiden.
Für den zweiten, dritten und vierten Tag der Demostheneia waren keine
Veranstaltungen vorgesehen. An diesen Tagen sollten Sitzungen des Rates und der
Volksversammlung stattfinden. Ob ansonsten während des Festes keine Sitzungen
abgehalten werden durften, wird nicht implizit gesagt, aber möglicherweise ist
gerade die besondere Hervorhebung, daß genau an diesen Tagen die Sitzungen
stattfinden sollten, ein Hinweis darauf.
Was außerdem ein wenig stutzig macht, ist der Termin für die Sitzungen. Es
stellt sich die Frage, warum der Agon gleich nach einem Tag unterbrochen wird.
Man hätte die Sitzungen vorziehen oder genau in die Mitte des Agons legen
können. Dieser Schritt ist vielleicht so erklärbar, dass die Sitzungen immer
am Zweiten, Dritten und Vierten eines Monats stattfanden, und man es daher für
unmöglich hielt, diesen Termin zu verschieben.
Am fünften Tag wurden Prosaenkomien vorgetragen. Wer die beste Lobrede vortrug,
erhielt 75 Denare.
Tags darauf wurde der Agon ein zweites Mal unterbrochen. Diesmal für den
monatlichen Markttag, der wohl immer am Sechsten eines Monats stattfand und den
man nicht ausfallen lassen wollte oder konnte, obwohl er von dem dauernden Markt
des Agons, der durch Abgabenfreiheit privilegiert war, überschattet worden sein
dürfte.
Nach der eintägigen Unterbrechung fand der Wettbewerb der Dichter statt, bei
dem Sieger mit einem Geldpreis von 75 Denaren belohnt wurde.
Darauf folgte die Konkurrenz der Oboisten mit Chor, deren Erstplazierter mit 125
Denaren und Zweitplazierter mit 75 Denaren ausgezeichnet wurde.
Wie sich sehr gut an der Höhe der Preisgelder erkennen lässt, steuerte der
musische Agon ziemlich genau zur Mitte des Festes auf seinen Höhepunkt zu.
Umrahmt von den drei höchstdotierten und den meist geschätzten
Veranstaltungen, Komödie, Tragödie und Kitharödie, fanden die zwei Opfer an
den Apollon der Vorfahren statt, zu deren Verlauf noch im folgenden die Rede
sein wird.
Wiederum an der Höhe der Preisgelder kann man erkennen, dass innerhalb der drei
genannten Wettkämpfe eine Hierarchie (Komödie-Tragödie-Kitharödie) und eine
Steigerung vorhanden ist, die sich auch schon bei den Panathenäen erkennen lässt, bei denen die Kitharöden ebenfalls als Höhepunkt ob ihrer
höstdotierten Prämien zu werten sind. Nur wurde bei den Demostheneia ganz
offensichtlich nicht mehr nach bestimmten Altersklassen bei den einzelnen
Wettbewerben unterschieden.
Am 18. Tag der Demostheneia fand der Agon diÈ pÀntwn, an dem aller
Wettkämpfer gegeneinander antraten, statt. Hierbei war für den besten
Bühnenausstatter ebenfalls ein Preisgeld von 25 Denaren ausgesetzt.
Danach traten an drei aufeinanderfolgenden Tagen bezahlte Künstler wie Mimen,
Schausteller und andere Künstler auf, für die insgesamt 600 Denare Gehalt
ausgegeben wurde.
Den Schluss der Demostheneia bildeten gymnische Agone nur für Bürger Oinoandas,
für die insgesamt noch einmal 150 Denare aufgewendet wurden. An dem Zusatz, dass
an den gymnischen Agonen nur Bürger teilnehmen sollten, zeigt sich, dass die übrigen Veranstaltungen wohl auch Bürgern anderer Städte offenstanden.
Offiziell sollte der Agon laut Demosthenes bis zum 23.7. dauert, doch sein
Festprogramm reicht nach meiner Rechnung nur bis zum 22.7.
Demosthenes hatte insgesamt 4450 Denare für seinen Agon vorgesehen. Nach Abzug
sämtlicher Preisgelder bleiben 1850 Denare übrig. Davon sollen je 3 Denare an
die 500 Kampfrichter, bestehend aus Buleuten und Sitometrumemoi
(Getreideverteiler), gehen, was wohl eher als symbolischer Akt zu verstehen ist.
Der Rest des Geldes soll an Bürger, Freigelassene und Paroikoi (Umwohner)
verteilt werden. Nach welchen Kriterien dies geschehen soll und warum, wird
nicht gesagt.
4.2.2. Opfer
Wie schon mehrfach angesprochen, gehörten zu den Demostheneia zwei Opfer für
Apollon (Z. 68 bis 87). Der Rat der Stadt hatte offiziell bestimmte Gemeinden
aus der Chora Oinoandas in seinem Beschluss festgelegt und eingeladen. Doch dass
dies nicht nur eine zwanglose Einladung war, sondern fast schon einer Anweisung
an das Umland gleichkam, sieht man daran, daß Gemeinden, die nicht jener
Einladung folgten, eine Strafe von immerhin 300 Denaren zu zahlen hatten.
Außerdem machte der Agonothet alle Dörfer, die am Agon und somit am Opfer
teilgenommen haben, und die, die der Einladung nicht gefolgt sind, öffentlich
bekannt. Gesandtschaften aus Dörfern, die ohne Einladung zum Agon angereist
waren und mitgeopfert haben, erhielten eine Bestätigungsurkunde von
Agonotheten.
Bei den Opfern war es wiederum die Aufgabe des Agonotheten, die Oberaufsicht zu
übernehmen. Er sollte auch im einzelnen die Opfergemeinschaften (sunqusÄai)
aufstellen und in schriftlicher Form öffentlich bekannt machen.
Außerdem wurde vom Rat beschlossen, daß es in jedem Dorf einen geben solle,
der sich um die Opfer kümmere. Verantwortlich für die Opfer seien die
jeweiligen Demarchen oder Archidekane der Dörfer. Für den Fall, dass es keinen
Demarchen gebe, habe der Agonothet für eine Wahl zu sorgen.
Vor den Opferzeremonien selbst fanden Prozessionen durch das Theater von
Oinoanda statt, an deren Spitze vermutlich die Portraits des Apollon und des
Hadrian von den Sebastophoroi getragen wurden.
Das wichtigste Utensil, ja das religiöse Zentrum dieser Prozessionen und der
darauffolgenden Opfer war mit Sicherheit der von Demosthenes gestiftete,
versilberte Tragealtar, den die Sebastophoroi durch das Theater zogen. Wo sich
der Tragealtar ansonsten außerhalb der Opfertage und des Agons befand, ist
nicht ganz klar, aber vermutlich in einem Tempel in der Stadt Oinoanda selbst
und dort vielleicht auf einer ähnlichen Basis wie der Tragealtar von Side.
Nach diesen Prozessionen fanden dann die eigentlichen Opfer statt. Auch hier war
vom Rat genau festgelegt worden, wer wie viele Rinder zu opfern hatte. Von den
Trägern öffentlicher Ämter wurde erwartet, daß sie dreizehn Rinder opferten.
Die Chora Oinoandas sollte mindestens 13 Rinder opfern.
Für die nach Oinoanda gebrachten Rinder galt ebenfalls die vorhin besprochene
Abgabenfreiheit, man durfte auf sie also ebenfalls keine Zölle erheben.
Nach den Opfern begann dann vermutlich ein riesiger Festschmaus von dem Fleisch
der geopferten Tiere. Nach Wörrles Berechnungen könnte das Fleisch der Rinder
für mindestens 8000 Personen gereicht haben.
4.3. Charakter der
Demostheneia
Die Demostheneia gehören zu der Kategorie von Agonen, die erst in der
Kaiserzeit im Osten vermehrt auftraten: Sie sind ein Agon, der durch einen
privaten Stifter finanziert wurde. So bot sich wegen des chronischen Geldmangels
in den Kassen der hellenistischen Städte für den Stifter selbst und dessen
Familie, aber auch für den engagierten Agonotheten die Möglichkeit, Ruhm und
Ansehen zu gewinnen und sich dadurch auch politischen Einfluss in seiner
Gemeinde zu verschaffen und eine führende Rolle zu spielen.
Demosthenes bezeichnet seinen Agon - wie schon erwähnt - als einen thymelischen
Agon (Z. 12), Hadrian hingegen nennt diesen Agon musisch (Z. 3). Hadrian hat
also, wie schon oben erwähnt, Demosthenes korrigiert. Der Rat und die
Volksversammlung haben diese Korrektur übernommen und nennen den Agon ebenfalls
musisch (Z. 51).
Die Demostheneia sollten nach Demosthenes Vorstellungen alle vier Jahre
stattfinden, was von allen Institutionen bestätigt wurde. Der Agon ist demnach
penteterisch.
Dieser Agon gehörte nicht in die Gruppe der heiligen Agone (Ð. ÜeroÄ) Asiens
und auch nicht zu den KoinaLykiens, obwohl Demosthenes vielleicht sein Fest in
eben diese eingliedern wollte, indem der Hauptkult nicht dem Stadtgott Zeus
sondern dem Apollon galt.
Die Demostheneia waren ein Geldpreisagon (Ð. qematikÅV), jedoch war es kein
profaner Agon, wie die Kulthandlungen für Apollon und Hadrian zu erkennen
geben. Diese Kulte kommen direkt durch die Portraits des Apollon und des Hadrian
auf der Agonothetenkrone, durch die Portraits des Apollon und des Hadrian, die
bei den Prozessionen getragen wurden, und durch die Opfer, die sich auf zwei
volle Tage des Agons erstreckten, zum Ausdruck.
Doch dürfte es sich bei diesem Agon wohl eher um einen innerlykischen Vergleich
gehandelt haben, was bedeutet, dass er eher niveaulos gewesen sein dürfte im
Vergleich zu den anderen großen Agonen, bei denen die großen Künstler des
Landes aufgetreten sein dürften. Doch wenn man, wie oben schon erwähnt, den
Apollon-Kult und auch sein klassisches Programm betrachtet, dann wird klar, dass
Demosthenes mit seinem Agon in die Richtung der großen Agone gestrebt hat. Er
wollte ihnen gleichkommen.
Besonders auffällig ist auch die Dauer der Demostheneia. Selbst die großen
Agone dieser Zeit dauerten keine 23 Tage.
Ansonsten orientierten sich die Demostheneia mit ihrem Programm und ihrem Aufbau
an den klassischen Vorbildern. Sie waren ein Mittel zur Selbstdarstellung des
Ortes Oinoanda und seiner Oberschicht, die sich auf viele Arten bei diesem Agon
hervortun konnte, und boten natürlich gerade für die Stadt die Möglichkeit,
sich von dem Umland abzuheben.
Man darf auch nicht vergessen, welche Freude der Agon den Einwohnern gebracht
haben dürfte. Über drei Wochen konnten sie musikalische Wettstreite und
Theaterstücke mit Teilnehmern aus dem gesamten Umland genießen, und zum Schluss
gab es nur für die Bürger eine gymnische Ausscheidung. Außerdem
konnten sie drei Wochen lang durch die (ÐtÁleia) verbilligte Ware auf dem
Festmarkt erwerben und genossen zudem noch Steuerfreiheit eben aus diesem Grund.
Dass sich der Agon mindestens ein Jahrhundert gehalten hat, lässt sich aus zwei
gefundenen Sockeln von Siegerstatuen erkennen, die von den 24. und von den 27.
Demostheneiastammen, was bei regelmäßiger Ausrichtung in den Jahren 221
und 237
gewesen sein dürfte. Die Statuen wurden für die Sieger der gymnischen Partie
errichtet, die Anfang des 2. Jahrhunderts hinzugefügt worden ist.
Wenn auch die Demostheneia von Oinoanda kein großartiger, weltoffener Agon
waren und nicht überall in Lykien bekannt waren, so waren sie für die Bürger
der Stadt und auch für die Gemeinden des Umlandes, die geladen waren
mitzufeiern, sicherlich alle vier Jahre ein großartiges Ereignis, das auch das
Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger untereinander und
der gesamten Gegend gestärkt haben dürfte.
5. Anhang
5.1. Tabelle 1: Veranstaltungen und
Preisgelder
|
|
| Tag
| Veranstaltungen |
Preisgelder |
| 1. |
Trompeter
und Herolde |
50
Den. |
| 2.,
3., 4. |
Ratssitzungen,
Volksversammlung |
|
| 5. |
Prosaenkomien |
75
Den. |
| 6. |
Monatlicher
Markttag |
|
| 7. |
Dichter |
75
Den. |
| 8.
+ 9. |
Oboisten
mit Chor |
125,
75 Den. |
| 10.
+ 11. |
Komödien |
200,
100 Den. |
| 12. |
1.
Opfer für Apollo |
|
| 13.
+ 14. |
Tragödien |
250,
125 Den. |
| 15. |
2.
Opfer für Apollo |
|
| 16.
+ 17. |
Kitharöden |
300,
150 Den. |
| 18. |
diÈ
pÀntwn |
150,
100, 50 Den.
25 Den. für
Bühnenausstatter |
| 19.,
20., 21. |
bezahlte
Darbietungen (Mimen...) |
600
Den. (Gehalt) |
| 22. |
gymnische
Agone für Bürger |
150
Den.
|
5.2. Tabelle 2: Opfer der
städtischen Beamten und der Chora
|
|
| Öffentliche Beamte
|
Dörfer |
|
Amt |
Anzahl der
Tiere |
Dorf |
Anzahl der
Tiere |
| Agonothet |
1 |
Thesenos... |
2 |
| Kaiserpriester/in |
1 |
Orpenna
Sielia |
1 |
| Zeuspriester |
1 |
? |
? |
| 3
Panegyriarchen |
1 |
? |
1 |
| Ratssekretät
und 3 Pyrtanen |
2 |
Nigyrassos |
1 |
| 2
städtische Agoranomoi |
1 |
Uauta
Marakanda |
1 |
| 2
Gymnasiarchen |
1 |
Milgeipotamos
Uedasa |
1 |
| 4
Tamiai |
1 |
Prinolithos |
1 |
| 2
Paraphylakes |
1 |
Kerdebota |
1 |
| Ephebarch |
1 |
Minaünda |
1 |
| Paidonomonos |
1 |
Ornessos |
1 |
| Beauftragter
für öffentl. Gebäude |
1 |
Sapondoanda |
1
|
|